Ein Schweizer Tennismärchen

8. Juli 2015, 10:07
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Unaufhörlich bringt die Schweiz großartige Tennisspieler hervor, in Wimbledon stand gar ein Quartett im Achtelfinale. Ein Ende des Erfolgslaufs ist nicht abzusehen

London/Wien – Es war einmal vor langer Zeit, da war die Schweiz vorrangig eine Wintersportnation. Das ergab sich natürlich. Lange Winter, viel Schnee, hohe Berge. Aber zwischen den Bergen hat die Schweiz auch Flachland. Und da ist zum Beispiel Platz für Leichtathletikstadien, Fußball- und Tennisplätze. Und es begab sich, dass die Schweiz in jeder dieser Sportarten Erfolge feierte. Im Tennissport freilich passierte der blanke Wahnsinn. Auf das Wunderkind Martina Hingis folgte Roger Federer. Er sollte zum bislang erfolgreichsten Tennisspieler mutieren. Aber Wunderkinder, so möchte man meinen, gibt es nicht oft. Schon gar nicht aus dem gleichen Land. Und schon überhaupt gar nicht aus einem kleinen Land.

Juli 2015, Wimbledon. Das berühmteste aller Tennisturniere geht in seine finale Phase. Die Tennisnation Schweiz war im Einzelviertelfinale dreifach vertreten. Stammgast Federer ist dabei. Stanislas Wawrinka ist dabei. Und Timea Bacsinszky. Letztere nimmt mit Position 15 derzeit ihre bisher beste Weltranglistenplatzierung ein. Im Achtelfinale war die Schweiz noch vierfach vertreten gewesen. Belinda Bencic scheiterte dort an Viktoria Asarenka.

Aber die 18-Jährige hat noch viel vor sich. Sie hat auch schon einiges hinter sich. Zweijährig spielte die slowakisch-schweizerische Doppelstaatsbürgerin erstmals Tennis. Der Papa wollte es so. Schon vor ihrer Geburt soll Ivan Bencic geplant haben, dass Belinda ein Tennisstar werden sollte. So einer wie Martina Hingis. Er schickte seine Tochter zu Melanie Molitor, Mutter und Betreuerin von Hingis, und in die Tennisakademie von Nick Bolletieri nach Florida. Der Plan geht auf, das Mädchen holt Pokal um Pokal. Das Schweizer Fernsehen besucht die elfjährige Belinda. Die "Zeit" widmet der 15-jährigen Belinda eine große Geschichte. Die 16-jährige Belinda gewinnt bei den Juniorinnen in Paris und Wimbledon. Die 18-jährige Belinda holt in Eastbourne ihren ersten Titel. Das war unmittelbar vor Wimbledon. Und das brachte sie auf Weltranglisten-Platz 22. Sie wird sich weiter verbessern. Möglich scheint vieles. Aber Pläne können auch schiefgehen. Siehe Bacsinszky.

Vaters Träume

Auch die Westschweizerin mit ungarischen Wurzeln wurde als die neue Hingis gehandelt. Auch sie hatte einen ehrgeizigen Vater. Auch sie feierte große Erfolge in ihrer Jugendzeit. 20-jährig holte sie ihren ersten Titel. Aber ihre Leistungen schwankten, sie liebte den Sport, aber sie litt unter ihrem Vater. "Ich wurde nicht gezeugt, um geliebt zu werden. Ich sollte die Träume meines Vaters erfüllen", sagte sie der "Neuen Zürcher Zeitung". Es dauerte, bis sie sich von ihm lösen konnte.

Im April 2013 hatte Bacsinszky ihre Karriere schon beendet und trat ein Praktikum in einem Hotel an. Dann erhielt sie einen Startplatz in der Quali der French Open. Sie spielte weiter. Zwei Jahre später stand sie im Pariser Halbfinale. Am Dienstag scheiterte sie in Wimbledon gegen die Spanierin Gabine Muguruza eine Runde früher – 5:7, 3:6. Betreut wird die 26-Jährige von Dimitri Tsawialoff, langjähriger Trainer von Stan Wawrinka. Der Westschweizer galt einst auch als Riesentalent. Er brauchte aber, um seine Nerven in den Griff zu bekommen. In Paris gewann der 30-Jährige seinen zweiten Major-Titel. Er hat seine Nerven jetzt im Griff.

Ja, die Schweiz ist eine Tennisnation. "Wir haben die weltweit größte Dichte an Tennisplätzen", sagt René Stammbach, Präsident des Schweizer Verbandes dem STANDARD. Es gebe ungewöhnlich viele Einzelinitiativen. Und dann ist da noch die Vorbildwirkung. Stammbach spricht vom "Federer-Effekt", der Anfang der 2000er die Zahl der Tennisspieler entgegen dem weltweiten Trend nicht zurückgehen ließ. Der Nachwuchs ist auch hoffnungsvoll. Die Schweiz bleibt Tennisnation. (Birgit Riezinger, 8.7.2015)

  • Timea Bacsinszky schlug sich in  Wimbledon bis ins Viertelfinale durch. Dabei hatte die 26-Jährige ihre  Karriere schon einmal beendet.
    foto: reuters/browne

    Timea Bacsinszky schlug sich in Wimbledon bis ins Viertelfinale durch. Dabei hatte die 26-Jährige ihre Karriere schon einmal beendet.

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