Endlich der Tag des Tony Martin

7. Juli 2015, 18:18
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Deutscher gewinnt die längste Tour-Etappe und holt sich nach drei vergeblichen Anläufen auf dem vierten Teilstück erstmals das ersehnte gelbe Trikot

Cambrai – Der Deutsche Tony Martin (Etixx-Quick Step) hat am Dienstag die längste Etappe der diesjährigen Tour de France gewonnen und sich damit erstmals das heißersehnte gelbe Trikot gesichert. Der 30-Jährige setzte sich auf dem 223,5 Kilometer langen vierten Teilstück von Seraing nach Cambrai nach einer Attacke 3,4 Kilometer vor dem Ziel drei Sekunden vor seinem Landsmann John Degenkolb (Giant) und dem Slowaken Peter Sagan (Tinkoff) durch.

In der Gesamtwertung hat Martin, von 2011 bis 2013 dreimal en suite Weltmeister im Zeitfahren, zwölf Sekunden Vorsprung auf Mitfavorit Christopher Froome (Sky). Der Brite überstand im Gegensatz zum Vorjahr, als er nach einem Handgelenksbruch aufgeben musste, die sieben Kopfsteinabschnitte über insgesamt 13 km diesmal ohne Sturz. Neben Froome kamen auch die drei anderen Tour-Siegesanwärter – Titelverteidiger Vincenzo Nibali, der Kolumbianer Nairo Quintana und Giro-Sieger Alberto Contador – mit der ersten Gruppe ins Ziel.

Harter Tag für die Österreicher

Bester Österreicher war Georg Preidler als 108. mit 5:37 Minuten Rückstand, auch in der Gesamtwertung ist der Giant-Profi als 41. (+9:08 Min.) der beste ÖRV-Fahrer. Für die beiden anderen Österreicher war der Dienstag eine besonders schlimme Prüfung. Matthias Brändle, dem Prellungen zu schaffen machten, und Marco Haller, für den vor allem die Kopfsteinpflasterabschnitte aufgrund seiner schweren Handgelenksverstauchung zur Qual wurden, verloren 15:43 beziehungsweise 16:53 Minuten auf Martin. Beide waren in den schweren Massensturz auf der dritten Etappe verwickelt gewesen.

Es war Martins vierter Anlauf zu Gelb auf der 102. Tour, an dem er zuvor dreimal denkbar knapp vorbeigefahren war. Seine Pechsträhne schien zunächst anzuhalten, als der Wahlschweizer knapp 20 Kilometer vor dem Ziel einen Defekt meldete und auf das Rad seines Teamkollegen Matteo Trentin wechseln musste. Doch er kämpfte sich wieder an die Spitzengruppe heran: "Ich hatte zu diesem Zeitpunkt die Etappe eigentlich schon abgehakt. Doch nachdem wir den Anschluss wieder gefunden hatten, habe ich im Finale riskiert."

Für den Zeitfahrspezialisten war es der fünfte Tour-Etappensieg und gewiss sein schönster. "Das war alles oder nichts, ich habe alles auf eine Karte gesetzt", sagte Martin im Ziel. "Das ganze Pech hat sich heute in Glück umgewandelt."

Roubaix-Sieger Degenkolb war trotz des zweiten Platzes enttäuscht, denn auf seinem Lieblingsterrain wollte der 26-Jährige endlich auch den ersten Tour-Etappensieg schaffen. Nach einer Zwischensprintwertung hatte Degenkolb gar das Rad getauscht und wechselte auf eine für das Terrain optimierte Rennmaschine mit breiteren Reifen und geringerem Luftdruck.

Favoriten kommen gut über die Runden

Schon im vergangenen Jahr hatte die Tour ebenfalls einen Abstecher in die "Hölle des Nordens" im Programm. Der spätere Sieger Nibali hatte dort eine erstaunliche Leistung gezeigt und Contador eine Menge Zeit abgenommen. Diesmal neutralisierten sich die Favoriten für die Gesamtwertung nach einem harten Kampf, zahlreichen Attacken, aber keinen weiteren schweren Stürzen.

Die Stars reagierten bereits sehr sensibel, als das erste, noch eher harmlose Pavé-Stück anstand. Besonders die sehr aktiven Nibali und Froome schickten ihre Helfer in die Führung, um das Rennen zu animieren und gleichzeitig Gefahren möglichst aus dem Weg gehen zu können.

Massensprint am Mittwoch erwartet

Am Mittwoch schlägt bei der Tour aller Voraussicht nach die Stunde der Männer mit den dicken Beinen. Bei der 189,5 Kilometer langen fünften Etappe von Arras nach Amiens ist ein klassischer Massenspurt das wahrscheinlichste Szenario.

Der Parcours bietet keine nennenswerten Schwierigkeiten, das Teilstück ist eines der bei der diesjährigen Ausgabe eher seltenen Überführungsstücke. Allerdings könnte der Wind eine Rolle spielen. Nach einem längeren Abschnitt durch das Pas-de-Calais sollte das Peloton gegen 17 Uhr Amiens erreichen, die Hauptstadt des Departements Somme. (red, sid, APA, 7.7.2015)

Tour de France, 4. Etappe, Dienstag
(Seraing – Cambrai, 223 km)

1. Tony Martin (GER) Etixx 5:28:58 Stunden
2. John Degenkolb (GER) Giant 0:03 Minuten zurück
3. Peter Sagan (SVK) Tinkoff
4. Greg van Avermaet (BEL) BMC
5. Edvald Boasson Hagen (NOR) MTN
6. Nacer Bouhanni (FRA) Cofidis
7. Jacopo Guarnieri (ITA) Katjuscha
8. Tony Gallopin (FRA) Lotto
9. Zdenek Stybar (CZE) Etixx
10. Bryan Coquard (FRA) Europacar

Weiters:
13. Rigoberto Uran (COL) Etixx
15. Vincenzo Nibali (ITA) Astana
17. Christopher Froome (GBR) Sky
23. Nairo Quintana (COL) Movistar
24. Tejay van Garderen (USA) BMC alle gleiche Zeit

Weiters:
108. Georg Preidler (AUT) Giant 5:37
147. Matthias Brändle (AUT) IAM 15:43
182. Marco Haller (AUT) Katjuscha 16:53

Gesamtwertung nach 4 Etappen

1. Martin 12:40:26
2. Froome 0:12 Min. zurück
3. Van Garderen 0:25
4. Gallopin 0:38
5. Sagan 0:39
6. Van Avermaet 0:40
7. Uran 0:46
8. Contador 0:48
9. Geraint Thomas (GBR) Sky 1:15
10. Stybar 1:16

Weiters:
12. Nibali 1:50
17. Quintana 2:08
41. Preidler 9:08
165. Brändle 27:53
185. Haller 34:44

Punktewertung (grünes Trikot):
1. Greipel 84 Punkte
2. Sagan 78
3. Degenkolb 60

Bergtrikot (gepunktetes Trikot):
1. Oliver Rodriguez (Spanien/Katjuscha) 2 Punkte
2. Michael Schär (Schweiz/BMC Racing) 1
3. Rafal Majka (Polen/Tinkoff-Saxo) 1

Nachwuchswertung (weißes Trikot):
1. Sagan 12:41:05
2. Barguil 0:40 Minuten zurück
3. Quintana 1:29

Teamwertung:
1. BMC Racing 38:02:55 Stunden
2. Etixx – Quick Step 0:24 Minuten zurück
3. Tinkoff-Saxo 1:44

  • Tony Martin erreicht solo das Ziel in Cambrai: "Ich habe alles auf eine Karte gesetzt."
    foto: apa/epa/valat

    Tony Martin erreicht solo das Ziel in Cambrai: "Ich habe alles auf eine Karte gesetzt."

  • Ordentlich Staub schluckten die Fahrer auf den knochentrockenen Kopfsteinpflasterpassagen. Insgesamt ging es über 13 Kilometer dieser Pavees.
    foto: ap/cipriani

    Ordentlich Staub schluckten die Fahrer auf den knochentrockenen Kopfsteinpflasterpassagen. Insgesamt ging es über 13 Kilometer dieser Pavees.

  • Auch das grüne Trikot ist in deutscher Hand: Andre Greipel (Lotto Soudal) führt die Sprinterwertung an.
    foto: apa/epa/ludbrook

    Auch das grüne Trikot ist in deutscher Hand: Andre Greipel (Lotto Soudal) führt die Sprinterwertung an.

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