"Die Griechen sind eben emotionaler als Mitteleuropäer"

Interview8. Juli 2015, 14:32
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Der Athener Steuerberater Vassilis Kriezias schildert, wie er durch den Alltag kommt – trotz geschlossenen Banken

STANDARD: Wie sieht Ihr Alltag in der Kapitalkontrolle aus?

Kriezias: Es ist ziemlich stressig. Aber mein Leben hat sich jetzt nicht völlig verändert, ich bin nicht in Panik. Ich habe etwas Geld beiseitegelegt, ich konsumiere nichts. Wenn man jünger und mit Bankgeschäften vertraut ist, ist alles viel leichter. Bei älteren Leuten ist das wahrscheinlich anders. Sie haben oft keine Kreditkarte, nicht einmal eine Bankkarte zum Geldbeheben.

STANDARD: Sie stellen sich jeden Tag an für die 60 Euro?

Kriezias: Nein, nicht jeden Tag. Ich bin am Freitag vor der Einführung der Kapitalkontrollen an den Geldautomaten gegangen und habe aus einem Gefühl heraus einfach 500 Euro herausgelassen. Einige Kunden haben mich auch bezahlt.

STANDARD: In den Supermärkten verschwinden jeden Tag Reis und Teigwaren. Hamstern Sie auch?

Kriezias: Wir sind auch losgegangen, meine Frau und ich, aber wir hatten auch nichts mehr im Kühlschrank. Okay, wir haben auch länger Haltbares gekauft, aber keine Unmengen. Ich vertraue darauf, dass es eine Lösung mit den Kreditgebern gibt. Panik wäre jetzt das Schlechteste. Ich glaube, die Medien haben diese Hamsterkäufe mitverursacht. Aber wenn Sie mich nach meiner Stimmung fragen, dann geht es wirklich auf und ab, und im Moment ist sie ziemlich unten. Es ist schwer, optimistisch zu sein.

STANDARD: Was haben Sie gedacht, als Sonntagabend das Ergebnis des Referendums kam?

Kriezias: Ich habe zuerst ein Ja erwartet, als diese Abstimmung angekündigt wurde. Je mehr Tage aber vergingen, um so deutlicher wurde, dass die Nein-Kräfte stark waren. Das Ergebnis hat mich dann doch überrascht. Ich habe einen viel knapperen Ausgang erwartet. Als Steuerberater treffe ich viele Menschen mit unterschiedlichem sozialem Status. Und viele waren einfach sehr wütend über den Sparkurs. Die Griechen sind eben emotionaler als Mitteleuropäer.

STANDARD: Sie kontrollieren aber nun Ihre eigenen Ausgaben?

Kriezias: Ich habe meinen Konsum sehr eingeschränkt, außer für Dinge wie ein Upgrade für meinen Computer. Das habe ich jetzt gekauft, weil ich nicht weiß, wohin die Dinge nun alle gehen.

STANDARD: Was ist mit Urlaub diesen Sommer?

Kriezias: Urlaub machen wir, weil wir schon vorher gebucht haben. Eine Woche Samos. Aber groß ausgeben werden wir dort nichts. Meine Frau hat leider Ihren Job verloren. Eine Woche vor dem Referendum hat ihr Auftraggeber die Zusammenarbeit aufgekündigt. Sie macht Umweltanalysen. Mein Geschäft als Steuerberater läuft gerade so einmal. Viele Unternehmen haben geschlossen, es gibt keine Jobs. Das verringert den Bedarf an Steuerberatung. Wie alle anderen gehen wir unsere Optionen durch. Wir denken natürlich ans Auswandern.

STANDARD: Wohin?

Kriezias: Irgendwo außerhalb Europas. Es gibt jetzt zu viele Vorurteile in Europa gegen die Griechen. Aber wir überlegen noch.

STANDARD: Was bringt die Woche?

Kriezias: Wir werden ein sehr hartes Sparprogramm bekommen. Jeder weiß das. (Markus Bernath, 8.7.2015)

  • Vassilis Kriezias (36) hat in Glasgow studiert und betreibt die Steuerberatungsfirma Tax Benefit in Athen.
    foto: privat

    Vassilis Kriezias (36) hat in Glasgow studiert und betreibt die Steuerberatungsfirma Tax Benefit in Athen.

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