Agnès Troublé, Herrin eines Modeimperiums: "Eine Träumerin war ich nie"

20. Juli 2015, 10:04
3 Postings

Die Unternehmerin Agnès Troublé zieht die Strippen hinter dem französischen Modeimperium agnès b – ihr Herz schlägt allerdings für die Fotografie, für Graffiti und den Film. Eine Begegnung

Sie trägt roten Lippenstift, ihr Lächeln legt eine kleine Zahnlücke frei. Dazu ein knielanges blaues Kleid aus der eigenen Linie, die braun gebrannten Beine stehen auf hohen Absätzen. Dass Agnès Troublé, Gründerin der französischen Modemarke agnès b., 73 Jahre alt ist, verraten maximal ihre gewellten silberweißen Haare. Zum dritten Mal ist sie in Wien, im Filmmuseum wurde ihre erste Regiearbeit gezeigt. Auch sonst hat sie schon Pläne für die Stadt: Die Ausstellung ihrer Freundin Tracy Emin, einer "starken Frau", die muss sie sehen.

In Frankreich ist die Designerin Agnès Troublé bekannt wie ein bunter Hund, außerhalb der Landesgrenzen bewegt sie sich unerkannt. Kein Wunder – sie gehört nicht zu den prominenten Gesichtern des glamourösen Designer-Jetsets, der Welt der großen Luxusmarken made in Paris. Sie zeigt der Modewelt gern die kalte Schulter, besucht keine anderen Modenschauen und hat mit Karl Lagerfeld höchstens das Interesse an Kunst gemein. Dabei ist die dezente Frau mit den feinen Fältchen um die Augen Herrin über ein eigenes Modeimperium. Weltweit gibt es heute zwischen New York und Hongkong 220 Shops von agnès b., jener unaufgeregten tragbaren Mode, die das leichtfüßige französische Modeverständnis verkörpert.

foto: ap/matthew mead
In Frankreich ist sie bekannt wie ein bunter Hund, international kennt man sie kaum: Agnès Troublé ist die Strippenzieherin hinter der Modemarke agnès b.

Die Unternehmerin Agnès Troublé ist in Frankreich aber vor allem dafür bekannt, dass sie bei allem Geschäftssinn ein Freigeist geblieben ist – und eine Frau der Prinzipien. Agnès b. hat in vierzig Jahren keine einzige Werbeanzeige geschaltet. Warum? Weil die 73-Jährige, einst eine aktive Achtundsechzigerin, Werbung immer suspekt fand: "Ich habe mir geschworen, keine Kampagnen zu machen." Bei dem Thema packt es sie noch heute. Junge Leute, sagt sie, sollten sich nicht manipulieren lassen. Aber eigentlich designe sie sowieso für Menschen, die wichtigere Dinge zu tun hätten als shoppen, wird die Unternehmerin nicht müde zu wiederholen. Shopping interessiert auch Agnès Troublé selbst, die "immer und ausschließlich" ihre eigene Mode trägt, nämlich so überhaupt gar nicht.

Man kann das für ziemliche Koketterie halten, gehört die Designerin heute doch zu den wohlhabendsten Selfmade-Frauen Frankreichs. Doch man will ihr Haltung und Prinzipien abnehmen. "Ich bin für ein verantwortliches Unternehmertum. Dazu gehört selbstverständlich auch, dass ich in Frankreich Steuern zahle", erklärt die engagierte Citoyenne. Ihre Mode wird vor allem in Frankreich, außerdem in Tunesien, Madagaskar, Peru produziert. Bereits seit den Achtzigerjahren stößt sie soziale Projekte an. Das wohl bedeutendste, die Tara-Stiftung, ist Familienangelegenheit, betreut von ihrem Sohn Étienne Bourgeois. Tara ist eine fahrende Forschungsplattform, ein Schiff, auf dem Wissenschaftler auf Expeditionen durch die Weltmeere die Reaktionen des Ökosystems auf Umweltveränderungen untersuchen.

Galeristin und Sammlerin

Außerdem ist da noch Troublés besonderes Faible für Kunst und Film. 1984 gründete sie die "Galerie du Jour", in der sie seither ganze Generationen an jungen Fotografen und Graffiti-Künstlern ausgestellt hat – und über die sie noch heute mit besonderem Stolz spricht. Nan Goldin, Ryan McGinley, Dash Snow, haben alle bei ihr ausgestellt. Parallel dazu begann die Modeunternehmerin Anfang der Achtziger mit dem Sammeln von Kunst. Eines der ersten Stücke? Ein Selbstporträt von Basquiat, der damals gerade dabei war, bekannt zu werden. Kunst etwa als Geldanlage? Ach was, winkt Troublé lächelnd ab, darum gehe es ihr nicht.

Das Entdecken und Unterstützen von Künstlern bereichere ihr Leben, halte sie jung, gebe ihr Energie. "Ich besitze wohl die größte Sammlung an frühen Zeichnungen von Harmony Korine", erklärt die Unternehmerin und, wohl um ihr Gespür für dessen Talent zu unterstreichen: "Er ist jetzt bei Gagosian." Seit Jahren ist sie mit dem Regisseur von "Kids" und "Spring Breakers" befreundet, im letzten Jahr gestaltete er eine Tasche von agnès b. Doch dem nicht genug. Troublé leistet sich mit "Love Streams agnès b." seit mehr als 15 Jahren eine eigene Filmproduktionsfirma, 2013 hat sie ihre erste Regiearbeit "Mein Name ist Hmmm..." herausgebracht: "Das Drehbuch habe ich in zwei Tagen runter geschrieben." Wie das Machwerk einer Modedesignerin sieht der traurige Film um ein elfjähriges missbrauchtes Mädchen nicht aus. Troublé kichert: "Es gibt genau zwei Kleidungsstücke von agnès b., die in im Film auftauchen: eine rote Weste und ein Männerregenmantel aus den Achtzigern – der Rest, das sind günstige Sachen." Wie sie all ihre Tätigkeiten miteinander vereinbart, im Alter von 73 Jahren?

Na ja, eine Träumerin, eine, die da oben Luftschlösser baue – Troublé rollt die Augen gen Zimmerdecke -, die sei sie nie gewesen – eher eine durch und durch pragmatische Person, stellt die 73-Jährige im Gespräch klar. Zu Beginn ihrer Karriere auch gezwungenermaßen. "Ich wollte immer Museumskuratorin werden. Designerin bin ich nur geworden, weil ich Geld verdienen musste." Wie es sei, kein Geld zu haben, das habe sie bis heute nicht vergessen, dabei lerne man außerdem fürs Leben, erklärt die silberhaarige Frau. Für den Erfolg ihres Unternehmens, der ihr andere Dinge ermöglicht, habe sie viel arbeiten müssen. Das tue sie bis heute, sie könne nicht lockerlassen, sei eine Perfektionistin, grinst sie und zeigt ihre Zahnlücke: "Ich setze meinen Namen auf nichts, was ich nicht designt habe." Sie designt, obwohl sie sich seit einiger Zeit auch regelmäßig junge Gastdesigner ranlässt, tatsächlich noch immer selbst: vier Kollektionen, zwei Männer-, zwei Frauen-Kollektionen im Jahr.

Fünf Kinder, 16 Enkel

Und eine große Familie, die hat die Mittsiebzigerin nebenbei auch noch: fünf Kinder, wie Sohn Étienne teilweise involviert in ihr Unternehmen, und mittlerweile 16 Enkelkinder. Ihr bewegtes Leben, das beginnt recht früh. Nur wenige Meter Luftlinie vom Schloss Versailles entfernt, wird Agnès Troublé als Tochter eines Anwalts und ihrer Mutter, einer Offizierstochter, geboren. Dann geht alles Knall auf Fall. Mit 17 heiratet sie den Verleger Christian Bourgeois, der später mit dem "b" von Agnès b. verewigt wird. Mit 19 bekommt sie Zwillinge, ein Jahr später die Scheidung – Anfang der Sechzigerjahre ist eine Alleinerziehende eine ungewöhnliche Sache. Nach ihrem Abschluss an der École des Beaux-Arts in Versailles beginnt Agnès Troublé als Moderedakteurin bei der "Elle". Nach zwei Jahren wechselt sie wieder die Seite. Arbeitet in Paris für die Designerin Dorothée Bis und entwirft als Freelancerin für zahlreiche Firmen in der Modeindustrie: von Cacharel bis Limitex.

1976 erregt sie in Paris in Les Halles mit ihrem ersten eigenen Shop Aufsehen: endlich etwas Eigenes, ein eigener Style, Farben, Materialien, alles selbst bestimmt. Doch das ist vier Jahrzehnte her, Madame Troublé langweilen diese alten Geschichten ein wenig. Sie ist jetzt Präsidentin des Hip-Hop-Centers in Les Halles, da gehe es um die Integration von Jugendlichen, erzählt sie stolz.

Und Stillstand, der ist im Universum der Madame Troublé sowieso nicht vorgesehen. Soeben hat sie ein Geschäftslokal für ihre erste Boutique in Versailles, da, wo sie nach wie vor zu Hause ist, gefunden. Troublé ist schon dabei, das Interieur zu planen. Doch was heißt "schon"? Im September soll eröffnet werden. (Anne Feldkamp, Rondo, 10.7.2015)

  • Die Marke agnès b. steht für unaufgeregte tragbare Mode, die das leichtfüßige französische Modeverständnis verkörpert – eine Zusammenstellung aus aktuellen Kollektionen.
    foto: agnès b.

    Die Marke agnès b. steht für unaufgeregte tragbare Mode, die das leichtfüßige französische Modeverständnis verkörpert – eine Zusammenstellung aus aktuellen Kollektionen.

  • Ein Filmstill aus Agnès Troublés erster Filmarbeit "Mein Name ist Hmmm...".
    foto: agnès b.

    Ein Filmstill aus Agnès Troublés erster Filmarbeit "Mein Name ist Hmmm...".

Share if you care.