Wo Österreichs digitale Chancen liegen

Kommentar der anderen7. Juli 2015, 17:22
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Statt Rhetorik ist die Konzentration auf wenige Kompetenzfelder sinnvoll

Vierzig Jahre nach den ersten Schritten in Richtung Informationsgesellschaft stürzt sich jetzt unsere Bundesregierung mit der Initiative "Digitales Österreich" ("Digital Roadmap") in eine unerwartete Aufbruchsdynamik mit dem Ziel, bestehende Projekte "systematisch zusammenzuführen", um mit Gebietskörperschaften, Sozialpartnern, Wissenschaft, Wirtschaft und NGOs nach "neuen Themenfeldern" Ausschau zu halten. Nahezu synchron dazu präsentiert die Stadt Wien ihre mit Bürgerpartizipation entwickelte "Digitale Agenda". Beide mit dem Ziel, endlich den großen, politisch verwertbaren Durchbruch zu neuen Ufern des digitalen Zeitalters zu schaffen.

Insider stimmt es depressiv, wenn sie sich die zahllosen gescheiterten Anläufe der letzten zwei Jahrzehnte vor Augen führen. Nach dem Abfackeln initialer rhetorischer Feuerwerke zur Wichtigkeit der Digitalisierung vor dem Auditorium mehrheitlich ignoranter politischer Entscheidungsträger, denen die durch Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) induzierten Veränderungen bestenfalls als ein Oberflächenphänomen erscheinen, geht man regelmäßig und stoisch zur Tagesordnung über.

Anläufe, partizipative Strategien zur Bestimmung der digitalen Agenda zu verfolgen, scheiterten nicht zuletzt an tieferen Einsichten und Kompetenzen in Sachen Informatik und zu den inhärenten Auswirkungen von IKT auf Adaptionsprozesse von Individuen und Gesellschaft. Große Potenziale zur Wegweisung von gesellschafts- und technologiepolitischen Agenden zu aggregieren, wie es Unternehmen wie Apple, Microsoft, Google, Facebook etc. schaffen, ist nur sehr wenigen Unternehmen in Europa gelungen.

Trotz eines solchen Pessimismus bieten sich in Österreichs IKT-Landschaft zumindest zwei chancenreiche Felder zum Ausbau an:

Erstens: Konstruktion und Bau komplexer Systeme zum Beispiel zum Management und zur Steuerung von umfangreichen Industrieanlagen. Unsere primären informatischen Fähigkeiten liegen darin, über diverse Technologien integrative Lösungen im Großen zu entwickeln, zum Beispiel in der Verkehrsinfrastruktur-Steuerung oder im Kleinen mit "eingebauter Intelligenz" zum Beispiel bei Maschinensteuerungen.

Zweitens: interdisziplinäre Kompetenz in Sachen Datensicherheit, Datenschutz und darin Sicherung demokratischer Freiheits-, Selbstbestimmungs- und Schutzrechte. Das bezieht grundlegende gesellschaftliche und juridische Wertebasierungen ein, bedingt aber auch technische Lösungen zum Beispiel zur Abhörsicherheit oder Quantenkryptografie – übrigens eine Spitzentechnologie "Invented in Austria".

Sich strategisch auf wenige, klar verständliche Kompetenzfelder als zugkräftige und vor allem Arbeitsplatz schaffende Themen zu konzentrieren, macht Sinn und erzeugt eine Sogwirkung für komplementäre Optionen.

Was nicht missverstanden werden darf: Weder unser Staat noch die EU-Kommission, die die Aufgaben haben, den regulatorischen Rahmen zu setzen, können für die Aktivierung des Fortschritts exklusiv in die Pflicht genommen werden. Eine innovative Gesellschaft hat heute mehr denn je die Pflicht, selbst das Heft in die Hand zu nehmen und sich nicht auf staatlich gestütztes Unternehmertum zurückzuziehen. (Günter Koch, Wolfgang Keck, 7.7.2015)

Günter Koch ist 1998 zum Vorstandsvorsitzenden des Austrian Institute of Technology (AIT) berufen worden. Seit 2003 arbeitet er als freier Berater in Sachen Wissensökonomie.

Wolfgang Keck ist E-Government-, E-Health- und Compliance-Experte. Er ist Mitglied bei Transparency International.

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