Die Huldigung in Stein gemeißelt

9. Juli 2015, 18:17
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Die römischen Städte Carnuntum und Vindobona haben eine Fülle an Steindenkmälern hervorgebracht

Wien – Sein Name war Valerius. Wie viele Gefechte der römische Kämpfer, Angehöriger der XV. Legion, überstand, ist nicht bekannt. Doch offenbar hatte Valerius allen Grund, der Siegesgöttin Victoria fernab seiner Heimat, in Carnuntum an der Donau, ein Denkmal zu stiften. Die Weihinschrift auf dem Altar vermerkt Namen, Tribus und Truppe. Einen Zweitnamen trug der Legionär nicht – für Experten ein Hinweis darauf, dass Valerius spätestens um die Mitte des 1. Jahrhunderts nach Christus rekrutiert wurde. Wahrscheinlich noch in vorclaudischer Zeit, meint die Archäologin Gabrielle Kremer vom Institut für Kulturgeschichte der Antike an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Das Römische Reich hatte damals jedenfalls fast seine größte Ausdehnung erreicht.

Valerius' Victoria-Altar ist das älteste bekannte Weihedenkmal aus der Grenzmetropole Carnuntum. Dort, wo heute der Ort Bad Deutsch-Altenburg liegt, war um 45 nach unserer Zeitrechnung ein dauerhaftes Militärlager als Standort der besagten XV. Legion errichtet worden. Schon bald folgten Zivilisten. Sie siedelten um den Lagerplatz und gründeten eine Stadt, die später an die 50.000 Einwohner beherbergt haben könnte und sich zu einer der wohlhabendsten Zentren römischer Kultur diesseits der Alpen entwickelte – mit Thermen, Tempeln und eigenem Amphitheater.

Teure Verehrung

Das Imperium war ein polytheistischer Staat. Man verehrte vielerlei Götter, wenn auch nicht alle in gleichem Maße. "Jupiter war der Garant für den Bestand des Römischen Reiches", sagt Gabrielle Kremer. Mars, Minerva, Juno und Herkules spielten ebenfalls zentrale Rollen. Sie stellten gewissermaßen das offizielle Pantheon dar. Andere Gottheiten dagegen, wie zum Beispiel Silvanus, dienten vor allem der privaten Verehrung. Und wer seinen Dank oder seine Ergebenheit gebührend zeigen wollte, stiftete Materielles. Opfergaben eben. "Denkmäler aus Stein sind dafür die teuerste Variante", betont Kremer. Der Wissenschaft sind aus Carnuntum und auch aus Vindobona, dem römischen Wien, inzwischen mehr als 3000 verschiedene Steindenkmäler bekannt: Reliefs, Statuen, Grabstelen und vieles mehr. Ihre Inschriften enthalten oft wertvolle Information. Die Fülle des Materials weist auf die ökonomische Bedeutung der damaligen Steinmetzindustrie hin, sagt Kremer. "Das muss ein riesiger Wirtschaftszweig gewesen sein."

Ein Großteil der Steinobjekte wurde im Verzeichnis "Corpus Signorum Imperii Romani Carnuntum" und in Datenbanken aufgenommen. Die genauere Erforschung der Stücke ist aber noch lückenhaft, vor allem aus interdisziplinärerer Sicht. Um dies zu ändern, startete Gabrielle Kremer 2014 eine umfangreiche, vom Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF finanzierte Studie. Neben Archäologen und Historikern sind auch Geowissenschafter beteiligt. Man möchte unter anderem die präzise Herkunft des für die Herstellung der Denkmäler verwendeten Gesteins aufdecken. Im Vergleich zu anderen römischen Städten wurden in Carnuntum und Vindobona nur wenige Marmorobjekte gefunden. Dies dürfte hauptsächlich auf die hohen Transportkosten zurückzuführen sein, meint Kremer. Die nächstliegenden Marmorsteinbrüche befanden sich damals in den Südalpen und in der Wachau.

Leithakalk statt Stein

Stattdessen griffen Carnuntums Steinmetze vermehrt auf regionales Material wie Kalksandgestein aus dem Leithagebirge zurück. Dieser sogenannte Leithakalk ist zwischen zwölf und 16 Millionen Jahre alt und findet sich auch am Rande des Wienerwalds, bei Hainburg und sogar am Westufer des Neusiedler Sees an mehreren Stellen. "Wir vermuten dort auch römische Steinbrüche", sagt Gabrielle Kremer. Neue Auswertungen von aus der Luft aufgenommenen Laserscans des Gebiets könnten die Lagen solcher Produktionsstätten aufzeigen.

Stein war in Carnuntum und Vindobona wohl ein so teures Gut, dass so manches Denkmal nach ein paar Generationen offenbar ohne viel Rücksicht auf seinen Ursprung als Baumaterial endete. Der Victoria-Altar des Legionärs Valerius fand sich im Gemäuer des Amphitheaters auf dem Pfaffenberg wieder.

Ein neuerer Fund kam bei der Ausgrabung eines unterirdischen Kanals zutage. In dessen Abdeckung lag auch der Grabstein eines aus Judäa stammenden Händlers namens Mulvius. Womöglich war der Mann jüdischen Glaubens, doch das lässt sich nicht eindeutig belegen.

Offenheit in Glaubensfragen

Mit Zuwanderern aus dem Orient kamen jedenfalls auch Anhänger anderer Kulte wie zum Beispiel Verehrer von Isis und Serapis an die Donau. Welche Offenheit häufig in Glaubensfragen herrschte, zeigt ein weiteres in Carnuntum gefundenes Steindenkmal: ein Altar zu Ehren des Mithras. Als sich im Jahr 308 die damals vier Kaiser des Reiches zu einer Konferenz in der Grenzmetropole trafen, wurde zugleich das neu renovierte Mithräum eingeweiht. Die vier Regenten stifteten dazu gemeinsam den Altar mit der Inschrift "an den unbesiegbaren Gott Mithras, den Beschützer unserer Herrschaft." "Sie sprechen ihn direkt an", betont Gabrielle Kremer. "Eindeutiger geht es nicht." Der Mithraskult war keinesfalls Staatsreligion, so wie später das Christentum. Die Kaiser wollten anscheinend einer wichtigen religiösen Minderheit Anerkennung zollen. Eine pragmatische Geste. (Kurt de Swaaf, 9.7.2015)

  • Ein typisches Grabdenkmal aus der Römerzeit zeigt die Porträts der Verstorbenen und ist im Burgenländischen Landesmuseum in Eisenstadt zu sehen. Gefunden wurde es in Oslip.
    foto: gabrielle kremer

    Ein typisches Grabdenkmal aus der Römerzeit zeigt die Porträts der Verstorbenen und ist im Burgenländischen Landesmuseum in Eisenstadt zu sehen. Gefunden wurde es in Oslip.

  • Auch auf einer Grabstele aus dem 2. Jahrhundert in Leithaprodersdorf wurden Darstellungen von Verstorbenen entdeckt.
    foto: gabrielle kremer

    Auch auf einer Grabstele aus dem 2. Jahrhundert in Leithaprodersdorf wurden Darstellungen von Verstorbenen entdeckt.

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