Missbrauch in Heimen: Das Land Tirol und seine Opfer

Blog7. Juli 2015, 16:20
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Eine Studie belegt erneut die schauderhaften Gräueltaten in heimischen Kinderheimen. Politische Konsequenzen werden daraus nicht gezogen

Am Montag haben die Länder Vorarlberg und Tirol eine Studie veröffentlicht. In der wird aufgearbeitet, was jeder, der sich mit dem Thema auseinandersetzt – oder die Publikation "Im Namen der Ordnung" des Tiroler Historikers Horst Schreiber aus dem Jahr 2010 gelesen hat –, auch schon zuvor wusste: Die Heimgeschichte Westösterreichs ist zum Schaudern. Viele Kinder, die in staatliche Fürsorge gerieten, wurden geschlagen, misshandelt, gefoltert, vergewaltigt und ausgebeutet.

Durch die aktuelle Forschungsarbeit haben die beiden Länder dies nun auch hochoffiziell schriftlich bekundet. Die zuständigen Soziallandesrätinnen zeigen sich betroffen. Bei der Pressekonferenz hat man sich nochmals entschuldigt. So grausam alles ist und kaum zu fassen, politische Konsequenzen werden aus der Studie dennoch nicht gezogen.

Empörte Opposition

Alle bisher öffentlich gewordenen Taten, die Opfer schildern, liegen einige Zeit zurück. Das Land müsste auf die Verjährung verzichten, damit die Betroffenen ihre Rechte gerichtlich durchsetzen können. Das hat man weder in Vorarlberg noch in Tirol vor. Der Grund dafür wird nicht gern genannt: Die Gräueltaten kämen die Länder teuer zu stehen.

Die Opposition sei über die Tiroler Regierung empört: Sozialdemokraten und Freiheitliche pochen erneut auf einen Verjährungsverzicht. "Die Angst vor Schadenersatzzahlungen darf nicht auf Kosten der Opfer gehen. Oft brauchen sie Jahre, bis sie überhaupt in der Lage sind, über das ihnen angetane Unrecht zu sprechen geschweige denn dagegen vorzugehen", wird Gerhard Reheis, Klubchef der Tiroler SPÖ, in einer aktuellen Aussendung zitiert.

Ein paar tausend Euro

Man kann nur versuchen, sich in die Situation eines ehemaligen Heimkindes zu versetzen. Wie fühlt es sich an, wenn man die Qualen aus der Kindheit wieder und wieder und wieder erzählen muss – der Kommission des Landes, der Kirche, den Beamten, Politikern, der Staatsanwaltschaft, Journalisten –, weil sich einfach nichts tut.

Das Ergebnis steht im Grunde fast nie dafür, sagen Opfer. Ein paar tausend Euro ist ein verpfuschtes Leben den Zuständigen wert. Die Argumentation ist dann oft: Kein Geld der Welt kann das, was passiert ist, ungeschehen machen.

Der selbst Betroffene und Opferaktivist Erwin Aschenwald formuliert es so: "Ein Unschuldiger verliert bei einem Autounfall ein Bein, der Täter begeht Fahrerflucht. Man macht ihn ausfindig. Dann wird dem Opfer gesagt, dass ihm das Bein aber doch ohnehin nicht zurückgegeben werden kann und der Geschädigte deshalb keinen Prozess und kein Geld bekommt. Wie würden wir da reagieren?"

Es stimmt: Kein Geld der Welt kann das, was passiert ist, ungeschehen machen. Sehr wohl kann es aber Menschen, die nie die Möglichkeit bekamen, einen Schulabschluss oder eine Ausbildung zu erlangen, die ihr halbes Leben mit der Aufarbeitung ihrer Kindheit zu kämpfen hatten, den Schritt in eine sorglose Zukunft erleichtern. (Katharina Mittelstaedt, 7.7.2015)

  • "Die Angst vor Schadenersatzzahlungen darf nicht auf Kosten der Opfer gehen. Oft brauchen sie Jahre, bis sie überhaupt in der Lage sind, über das ihnen angetane Unrecht zu sprechen geschweige denn dagegen vorzugehen", wird Gerhard Reheis, Klubchef der Tiroler SPÖ, zitiert.
    foto: apa / dpa-zentralbild

    "Die Angst vor Schadenersatzzahlungen darf nicht auf Kosten der Opfer gehen. Oft brauchen sie Jahre, bis sie überhaupt in der Lage sind, über das ihnen angetane Unrecht zu sprechen geschweige denn dagegen vorzugehen", wird Gerhard Reheis, Klubchef der Tiroler SPÖ, zitiert.

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