Die Angst vor dem Tod sinkt mit steigendem Alter

7. Juli 2015, 11:44
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Der Wissenschaftler Markus Wettstein plädiert für eine differenzierte und prozesshafte Sicht auf das Wohlbefinden im hohen Alter. Einseitig negative Zuschreibungen sollten vermieden werden

Heidelberg – "Angesichts der steigenden Lebenserwartung erreichen immer mehr Menschen ein sehr hohes Alter. Allerdings wissen wir noch wenig über die Lebensqualität im hohen Lebensalter, und über die Einstellungen hochaltriger Menschen zu Tod und Sterben", sagt der Alternsforscher Markus Wettstein von der Universität Heidelberg.

Im Rahmen einer Studie wurden nun 124 überdurchschnittlich alte Menschen mehrmalig in einem Zeitraum von vier Jahren befragt. Zum Zeitpunkt der ersten Erhebung waren die Probanden zwischen 87 und 97 Jahren alt, davon knapp 80 Prozent Frauen. Es wurden nur Personen in die Studie aufgenommen, die zu Beginn der Studie allein lebten und keine geistigen Beeinträchtigungen aufzuweisen hatten.

Die Lebensqualität (wie Lebenszufriedenheit, Stimmung, Lebenssinn, Autonomie) wurde interviewgestützt anhand gängiger Fragebögen erfasst. Zum Beispiel: "Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich fast alles wieder genauso machen." Neben den klassischen Wohlbefindensindizes wurden auch depressive Symptome sowie Einstellungen gegenüber Krankheit, Tod und Sterben erfragt.

Hohes Wohlbefinden und depressive Symptome

Die meisten Probanden verspürten über den gesamten Zeitraum hinweg eine überwiegend hohe Lebenszufriedenheit und Selbstbestimmung. Sie akzeptierten Sterben und Tod in hohem Maße und hatten nur wenig Angst vor Krankheit und Tod.

Gleichzeitig zeigten viele Befragte auch depressive Symptome. "Ein Grund liegt wohl darin, dass sehr alte Menschen zunehmend weniger Aktivitäten ausüben, die eine positive Stimmung auslösen, wodurch die Anzahl an depressiven Symptomen steigt", vermutet Wettstein.

Veränderungen über die Zeit

Die Veränderungen im Wohlbefinden über die vier Jahre hinweg fielen von Person zu Person sehr unterschiedlich aus. Allerdings folgten die durchschnittlichen Veränderungen verschiedenen Trends: So traten leichte Rückgänge in Aspekten wie positiver Stimmung und Lebenssinn auf. Es war jedoch war auch ein Zuwachs in der Akzeptanz von Tod und Sterben sowie eine rückläufige Furcht vor dem Tod zu beobachten.

Über den gesamten Zeitraum blieb das Gefühl von Autonomie und Selbstakzeptanz stabil. "Notwendig ist also eine differenzierte und prozesshafte Sicht auf das Wohlbefinden im sehr hohen Alter. Pauschalisierungen oder gar einseitig negative Zuschreibungen sollten vermieden werden", so das Resümee von Markus Wettstein.

Sinn im Hier und Jetzt

Laut Wettstein sollten sich künftige Interventionen zum Erhalt oder zur Steigerung der Lebensqualität im sehr hohen Alter besonders auf Aspekte – wie etwa die depressive Symptomatik – beziehen, die besonders anfällig für negative Veränderungen im hohen Alter sind.

"Die Ergebnisse erinnern ein wenig an die Überlegungen, die der Psychoanalytiker Erik Erikson schon vor längerer Zeit zu den 'Entwicklungsaufgaben‘ des Alters angestellt hat", ergänzt Andrea Abele-Brehm, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. "Diese besteht darin, der Person und ihrem Leben Sinn zu geben, in der Gegenwart Freude zu empfinden und gleichzeitig die Endlichkeit des Lebens zu akzeptieren." (red, 7.7.2015)

  • Laut einer Studie, für die über einen Zeitraum von vier Jahren 124 sehr alte Menschen befragt wurden,   nimmt die Akzeptanz von Tod und Sterben zu sowie die Furcht vor dem Tod ab.
    foto: apa/georg hochmuth

    Laut einer Studie, für die über einen Zeitraum von vier Jahren 124 sehr alte Menschen befragt wurden, nimmt die Akzeptanz von Tod und Sterben zu sowie die Furcht vor dem Tod ab.

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