"The devil lies in the detail": Wie man das Denglisch verbessert

Kolumne8. Juli 2015, 08:15
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Tipps und Anekdoten von Stephan Russ-Mohl

Vielleicht wäre das ja einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde wert, denn Bücher, die sich mit Sprache beschäftigen, landen kaum je in Verkaufs-Rankings. Der Journalist und Medienberater Peter Littger hat es dagegen soeben auf Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Liste für Taschenbücher geschafft. Mit einem Buch, in dem er sich mokiert, aber auch gründlich damit auseinander setzt, wie wir mit unserer Lieblingsfremdsprache umgehen. „The devil lies in the detail“, ist das Werk vielsagend betitelt, und es verdient fraglos die Aufmerksamkeit von Journalisten, Managern, Wissenschaftlern und allen, die sonst noch in ihrem beruflichen oder privaten Alltagsleben mit der neuen „lingua franca“ herumhantieren, sprich: versuchen, sich gewählt und zutreffend auf Englisch zu auszudrücken.

Die Queen und das Handy der Kanzlerin

Jung gebliebene Leserinnen und Leser erinnern sich ja vielleicht noch an den deutschen Bundespräsidenten Heinrich Lübke. Mit der britischen Queen als Staatsgast an seiner Seite hatte er sich angeblich dereinst im Smalltalk versucht: „Equal goes it loose“, soll er ihr auf der Tribüne bei einem Pferderennen (oder war es doch die Loge eines Opernhauses?) ins Ohr geflüstert haben. Einer der allgegenwärtigen Spiegel-Reporter, die sich ja auch sonst hemmungslos unter dem Kabinettstisch verstecken und die Handys der Kanzlerin oder des Schweizer Ex-Botschafters Thomas Borer hacken, hat es aufgeschnappt (oder erfunden?) und an die grosse Glocke gehängt.

Lachen über Lübke

Danach hat eine ganze Generation junger Deutscher Lübke ausgelacht und sich über ihn erhaben gefühlt. Wenn sich diese jungen Leute nicht mal gründlich geirrt haben. Womöglich besteht nämlich gar kein Anlass für Überlegenheitsgefühle und Triumphgeheul – weder für jene Generation, die in Deutschland, der Schweiz oder in Österreich mit „Denglisch“ als lingua franca erwachsen geworden und inzwischen mehr oder minder in Ehren ergraut ist. Noch für die nachwachsenden Yuppies (young urban professionals) und/oder digital natives, die off- und online im global village im 24/7-Takt unterwegs, Verzeihung: on the road, sind.

Frühkindliche Zweisprachigkeit

Peter Littger geniesst das Privileg, zweisprachig aufgewachsen zu sein. Er führt uns alle, die wir als Medienmenschen, als Kreative oder Wissenschaftlhuber, als Weltreisende oder Gremienhengste unser Englisch kultivieren, an unsere Grenzen und zeigt uns, was wir tagtäglich falsch machen. Littger hat dazu nicht nur unterhaltsame Geschichten gesammelt; er seziert über stattliche 310 Seiten hinweg unser Denglisch und lässt uns, die wir doch so stolz auf unsere Zweisprachigkeit sind, wissen, an wie vielen Stellen wir beim Umgang mit „unserem“ Englisch Fehler machen und wo wir im Voraus „berechenbar“ Missverständnisse produzieren.

Glossar teuflischer Patzer

Schon das Glossar mit 101 teuflischen Patzern am Anfang des Buches hat es in sich: Beispielsweise ist ein „chef“ eben nur in der Küche der Boss, aber nicht in der Werbeagentur, im Forschungsinstitut oder in der Redaktion. Bezeichnen wir stattdessen unseren Vorgesetzten als „chief“, begehen wir bereits den nächsten Fehler und machen ihn zum Indianerhäuptling, warnt uns Littger. Wissenschaftler oder investigative Journalisten sollten wissen, dass „to cover up“ nicht „etwas aufdecken“ heisst, sondern im Gegenteil „zudecken“, „verschleiern“ oder „überspielen“. Auch im Umgang mit Nullen ist Vorsicht geboten: Eine „billion“ auf Englisch ist eine Milliarde, also „tausendmal weniger als unsere Billion“, warnt der Autor die Investmentbanker oder Griechenlandversteher unter seinen Lesern.

Wortungetüme und Antibabypille

So geht es munter weiter. Littger nimmt Schein-Anglizismen unter die Lupe – von der „Antibabypille“, die ein „Inbegriff für pseudoenglische Wortungetüme“ sei, über den „Beamer“, der eben kein Projektor sei, sondern ein Automobil (zufällig sogar ein deutsches, nämlich ein BMW), weshalb die Frage des CEO an seinen Assistenten „Do we have a beamer in the boardroom?“ Anlass zu Heiterkeitsausbrüchen liefert. Bis hin zur „hitlist“, die auf Englisch eben keine Hitliste bei einem Schlagerfestival und auch kein Universitäts-Ranking beinhalte, sondern eine „Treffer-, Abschuss- oder gar Todesliste“ sei. Auch der „slip“ hat es in sich, warnt uns Littger. Indem wir den Schlips wörtlich übersetzten, würden wir „aus dem Phallussymbol der Krawatte“ einen “Damenschlüpfer“ machen.

Wienerisch oder Bayerisch oder Plattdütsch

Vielleicht halten wir ja, wenn wir das Buch aus der Hand legen, einen kleinen Moment inne. Am besten wäre es wohl, wir gäben den ohnehin nicht allzu zahlreichen Amis, Australiern und Briten, die uns besuchen kommen, um Deutsch zu lernen, endlich mal eine Chance, ein paar Brocken in unserer Sprache aufzusagen. Statt ihnen auf Denglisch über den Mund zu fahren und sie jedweder Chance zu berauben, des Wienerischen oder Bayerischen oder Plattdütschen wenigstens halb so habhaft zu werden, wie wir uns des Denglischen mächtig fühlen. Das „Sitzfleisch“, die „Schadenfreude“, der „Weltschmerz“, aber auch der „Sitzpinkler“ oder „Warmduscher“ würden ihnen dann womöglich über die Lippen kommen, noch bevor sie ihre erste Deutschstunde absolviert haben – denn das sind Wörter, die inzwischen zum Kernbestand der englischen Sprache gehören, so ähnlich wie „Sex“, „Airline“ oder „Bullshit“ zur deutschen.

Post Scriptum – Was noch zu sagen ist

PS: Ertappt hat Littger übrigens auch mich: „Branch“ sei nun einmal der Ast eines Baumes oder die Filiale eines Unternehmens, aber eben nicht die Branche, in der wir arbeiten, klärt er uns auf. Weshalb ich vom Wintersemester 2015/16 an keinen Master-Kurs mehr zum Thema „Communicating in the Media Branch“ anbieten werde. Stattdessen geht es künftig um die Kommunikation in den „Media Industries“. Ansonsten wird sich das Seminarangebot inhaltlich nicht mehr ändern, als das üblicherweise ohnehin in einer so schnelllebigen Branche wie der Medienbranche der Fall ist. (Stephan Russ-Mohl, 8.7.2015)

Stephan Russ-Mohl, geboren 1950, ist seit 2002 Professor für Journalistik und Medienmanagement sowie Leiter des European Journalism Observatory an der Università della Svizzera italiana in Lugano und war 2011/2012 Gutenberg Fellow am Forschungsschwerpunkt Medienkonvergenz der Universität Mainz.

Absolvent der Deutschen Journalistenschule, München; Studium der Sozial- und Verwaltungswissenschaften in München, Konstanz und Princeton/USA; nach fünf Jahren Referententätigkeit bei der Robert-Bosch-Stiftung, Stuttgart, von 1985 bis 2001 Ordinarius für Publizistikwissenschaft an der FU Berlin.

Lesetipp

  • Peter Littger, The devil lies in the detail. Lustiges und Lehrreiches über unsere Lieblingsfremdsprache, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2015

  • Stephan Russ-Mohl ist Professor für Journalistik und Medienmanagement sowie Leiter des European Journalism Observatory an der Università della Svizzera italiana in Lugano.

    Stephan Russ-Mohl ist Professor für Journalistik und Medienmanagement sowie Leiter des European Journalism Observatory an der Università della Svizzera italiana in Lugano.

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