Creative Class Escorts: Das Laufhaus als Antwort aufs Kaufhaus

7. Juli 2015, 12:47
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Die kreative Klasse prostituiert sich in Lindabrunn für 25 Euro die halbe Stunde

Wien/Lindabrunn – "Das Laufhaus ist ja kein Bordell", heißt es bei der Pressekonferenz für das erste Laufhaus für Kreative. Was den Unterschied macht? "Im Laufhaus mietet man nur das Zimmer, man hat keinen Zuhälter." Aber verhuren tut man sich trotzdem? "Ja, das ist der Sinn der Sache."

Das nennt man doch einmal eine innovative Lösung für die über prekäre Beschäftigungsverhältnisse klagenden Künstler und Kreative: Bett, Schrank, Tisch wird zur Verfügung gestellt, "es ist karg", aber bei entsprechender "Lust an der Selbstständigkeit" brauche es ja auch nicht mehr. Selbst "importierte Künstler aus Deutschland" hat man im Laufhaus für Kreative im niederösterreichischen Lindabrunn im Angebot: keine 40 Autominuten von Wien entfernt, rund um die Uhr, seit gestern 18 Uhr. Als Richtwert für die kreativen Dienstleistungen vom Logo bis zum Auftragsbild – was auch als analoges Cloud-Working umschrieben werden könnte – empfehlen die Vermieter ihren selbstständigen Escorts 25 Euro die halbe Stunde.

Posse von Künstlergruppe

So richtig verrucht sehen die "Vermieter", die keine Zuhälter sind, allerdings nicht aus. Und die auf cool machenden harten Jungs kippen bei mancher Frage auch lachend aus ihren Rollen: In der Tat ist Creative Class Escorts die neueste Posse von Monochrom. Die Wiener Künstlergruppe sieht sich als rechtmäßigen Erben der ursprünglich in den 1980ern von der "Lord Jim Loge" (Künstler Martin Kippenberger, Albert Oehlen, Jörg Schlick und Wolfi Bauer) ausbaldowerten Idee. "Das alte Kunstsystem mit Galerien sei verkommen. Es braucht einen Neustart, ein 2.0." Oder: "Departure fürchtet sich vor uns!" lauten einige der provokanten Ansagen.

Trotz der an mancher Stelle zum gelungenen Impro-Kabarett gereichenden Projektpräsentation geht es aber um sehr ernste Fragen in einer Zeit, in der etwa Beteiligungen an Ausstellungen mit "Ruhm und Ehre" statt harter Währung bedankt werden: Wie viel kostet kreative Arbeit? Kann man Kreativität buchen? Wie flexibel und global müssen künstlerische Dienstleistungen sein?

Wo sonst im intimen Rahmen und hinter verschlossenen Türen verhandelt wird, diskutiert man die Formen künstlerischer Prostitution bei Creative Class Escorts (Viertelfestival NÖ) allerdings coram publico. Hot! (Anne Katrin Feßler, 7.7.2015)

  • Mieter und "Vermieter" im Kreativlaufhaus: Autor Thomas Ballhausen zwischen Günther Friesinger (li.) und Johannes Grenzfurthner.
    foto: feßler

    Mieter und "Vermieter" im Kreativlaufhaus: Autor Thomas Ballhausen zwischen Günther Friesinger (li.) und Johannes Grenzfurthner.

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