Flüchtlinge: Misshandlung und Gefahr auf der Balkanroute

7. Juli 2015, 05:30
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Laut einem Amnesty-Bericht werden in Mazedonien und Serbien Geflohene immer wieder von Polizistenmisshandelt

Skopje/Belgrad – "Ich habe gesehen, wie sie Männer geschlagen haben. Sie haben meinen 13-jährigen Sohn geschlagen. Sie haben mich auch geschlagen, als ich mein Gesicht waschen wollte", erzählte ein Afghane der NGO Amnesty International (AI) über die Misshandlungen durch mazedonische Polizisten. AI führt in einem aktuellen Bericht die Vergehen von Behörden in Serbien und Mazedonien gegen Flüchtlinge an, die die Balkanroute gewählt haben, um in die EU zu kommen.

Viele werden wieder über die Grenze nach Griechenland zurückgeschickt oder grundlos inhaftiert, manche werden auch erpresst – nur wenn sie Schmiergeld bezahlen, dürfen sie weiter. Die mazedonischen Behörden verweisen darauf, dass sie legal aufgrund der Rückführungsabkommen mit Griechenland agieren. AI berichtet sogar von einem syrischen Flüchtling, der behauptet, dass die mazedonische Polizei Schusswaffen einsetzt.

Eine Stunde Schüsse

"Nachdem wir Griechenland verlassen hatten, gingen wir in die Wälder in Mazedonien, 150 Leute in einer Gruppe. Die mazedonische Polizei schoss auf uns, sie traf das Bein eines Mannes – ich habe ihn fallen gesehen", erzählte der Mann. "Die haben mehr als eine Stunde geschossen. Für mich war das so ähnlich wie das, was in Syrien vor sich geht."

Ähnliche Vorwürfe erhob auch eine syrische Frau, die mit ihren Kindern im Dezember 2014 durch Mazedonien reiste. Sie sagt, dass die mazedonische Polizei über ihre Köpfe geschossen habe. Auch eine lokale NGO in Skopje berichtete von Schüssen auf Flüchtlinge. Mazedonien wird von Premier Nikola Gruevski autokratisch regiert, in der Polizei und Justiz werden demokratische und Menschenrechtsstandards nicht respektiert. Die Sicherheitsapparate in Mazedonien und Serbien wurden seit den 1990er-Jahren nicht reformiert. Bereits vor einigen Wochen berichtete Human Rights Watch von misshandelten Flüchtlingen in Serbien.

Vom Zug überrollt

Aber nicht nur die Vertreter von Behörden können eine Gefahr darstellen, auch der Fluchtweg ist gefährlich. Viele Flüchtlinge versuchen, auf Güterzügen durch den Balkan zu reisen. Sie springen auf die Züge auf und verstecken sich darauf. Immer mehr Flüchtlinge werden in solchen Zügen, etwa in Kohlewaggons, gefunden. Mitunter führt diese Reise jedoch zu entsetzlichen Unfällen. Einige Flüchtlinge wurden bereits von Zügen in Mazedonien getötet, weil sie auf den Bahngeleisen gingen. Die Züge fahren bereits sehr langsam, doch die Zugführer stehen unter Druck, nicht zu langsam zu fahren, weil dann die Flüchtlinge aufspringen.

Heuer kamen zehntausende Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, Somalia und Eritrea über die Westbalkanroute. In Mazedonien und in Serbien wird ihnen oft verweigert, überhaupt einen Asylantrag zu stellen. 2014 wurde nur zehn Flüchtlingen in Mazedonien und einem in Serbien Asyl gewährt.

Die beiden Staaten, die noch ärmer und strukturschwacher sind als Griechenland, wollen die Flüchtlinge möglichst wieder loswerden. Weil sie nicht in der EU sind, haben sie wenig Zugang zu Hilfsfonds. Serbien hat zudem selbst noch viele Flüchtlinge aus Kriegszeiten. Seit vergangener Woche haben Serbien und sogar Ungarn Beamte an die mazedonische Grenze entsandt, um die Flüchtlinge zurückzuschicken. (Adelheid Wölfl, 7.7.2015)

  • Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan warten in der mazedonischen Stadt Gevgelija, um weiter nach Serbien reisen zu können.
    foto: ap photo/boris grdanoski

    Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan warten in der mazedonischen Stadt Gevgelija, um weiter nach Serbien reisen zu können.

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