Reinen griechischen Wein einschenken

Kommentar der anderen6. Juli 2015, 17:00
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Vor dem Referendum hätte man die wirtschaftliche Realität in Griechenland darstellen müssen. Die Verschuldung ist nicht das Problem. Nötig ist ein Investitionsplan, aber kein großangelegtes Sozialprogramm

Es ist bedauerlich, dass die öffentliche Diskussion in Griechenland und in der EU in den letzten Wochen stark von den wirtschaftswissenschaftlichen Realitäten abweicht und vor allem emotional geführt wird. Das liegt wohl auch daran, dass nicht nur die Bürgerinnen und Bürger, sondern auch viele Politikerinnen und Politiker den Kern des Problems Griechenlands nicht verstanden haben. Im Folgenden dazu einige Klarstellungen:

1.) Die hohen Schulden sind kein akutes Problem Griechenlands. Ein Großteil ist langfristig gestundet, die Zinsen sind sehr niedrig und werden auch niedrig bleiben angesichts der Tatsache, dass die Gläubiger weitgehend staatliche oder supranationale Organisationen sind. Ein Schuldenschnitt mag auf die lange Sicht hin erstrebenswert sein, hilft aber Griechenland im Moment nicht viel weiter. Griechenlands Problem ist die fehlende Wettbewerbsfähigkeit, oder anders ausgedrückt: die zu hohen Preise und Löhne, gegeben das Produktivitätsniveau. Griechische Produkte sind schlicht zu teuer.

2.) In einer Währungsunion gibt es zum Ausgleich von Preisungleichgewichten – angesichts fehlender nationaler Geldpolitik – nur die Möglichkeit einer internen Abwertung. Griechenlands Preise und Löhne hätten auf Basis der Daten von 2009 um etwa 40 Prozent fallen müssen, um das Land wettbewerbsfähig zu machen.

Vor der Übernahme durch die neue Regierung hatte man erst gut die Hälfte dieses "Abwertungsweges" hinter sich. Manche Ökonomen dachten, ein Rückgang von Preisen und Löhnen in Griechenland über einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren um ca. 40 Prozent wäre erreichbar, aber allen war klar, dass es sich dabei um eine geradezu brutale Anpassung handeln würde, einzigartig in der neueren Wirtschaftsgeschichte.

Nur zum Vergleich: Der Anpassungsbedarf von Portugal war bzw. ist in etwa halb so groß. Wenn Preise und Löhne um ca. 40 Prozent fallen sollen, dann müssen auch viele andere Leistungen (Pensionen, Arbeitslosentschädigungen etc.) signifikant fallen, weil sonst massive Fehlanreize (z. B. zur Schwarzarbeit, zur Frühpensionierung) geschaffen würden. Das ist die ökonomische Begründung für die Forderungen der vielgescholtenen Troika bzw. der "Institutionen". Wie so oft wird da der Überbringer der Nachricht für die schlechte Nachricht hingehängt, wenngleich es natürlich auch aufseiten der Troika Fehler gab (dazu Punkt 5).

3.) Natürlich gibt es zur internen Abwertung im Euro eine Alternative: die Einführung einer nationalen Parallelwährung, die sofort gegenüber dem Euro an Wert verlieren und damit die möglichen Exporte Griechenlands verbilligen würde. Damit wäre das Land wieder wettbewerbsfähiger. Ein formeller Austritt aus dem Euro ist dazu nicht nötig, auch wenn es rechtliche Graubereiche bei der Einführung einer solchen Parallelwährung gäbe.

Gegen die Einführung war aber immer eine klare Mehrheit der Griechen, und es gibt gute Gründe für diese Ablehnung – z. B. die Angst vor hoher Inflation. Angesichts dieser Alternativenlage hätte das Referendum die Griechen also vor die Wahl zwischen Weiterführung der Programme (in der einen oder anderen ausverhandelten Variante) und Einführung einer nationalen Parallelwährung bzw. einer eigenen Währung stellen müssen.

Das sind letztlich die beiden möglichen Alternativen. Wie viele Ökonomen war ich lange Zeit gegen die Einführung einer eigenen griechischen Währung, aber in den letzten Monaten hat sich abgezeichnet, dass eine solche immer schwieriger zu vermeiden sein würde. Vielleicht kommt sie nicht nächste Woche, vielleicht nicht dieses Jahr, aber die Entwicklung geht immer klarer in diese Richtung.

4.) Gibt es keine anderen Alternativen? Eine Massenabwanderung von Griechen in andere EU-Länder – eine weitere Möglichkeit der Anpassung – wird wohl niemand ernsthaft in Erwägung ziehen. Ein stärkerer Anstieg der Preise und Löhne im übrigen Euroraum würde Griechenland bei der Anpassung ein wenig helfen, doch hier gibt es aufgrund der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Euroraums gewisse Grenzen. Griechenland hätte nichts davon, wenn die deutsche und die französische Autoindustrie keine Autos mehr nach China verkauft, weil diese zu teuer geworden sind. Und damit sind wir auch schon am Ende der möglichen Alternativen, wenn man dauerhafte Transfers nach Griechenland im Rahmen eines europäischen Finanzausgleichs aus politischen Gründen ausschließt.

5.) Fast alle Ökonomen sind sich einig, dass man schon vor zwei, drei Jahren die Austeritätspolitik durch ein von den anderen Euroländern getragenes Investitionsprogramm für Griechenland begleiten hätte sollen; allerdings nur durch gezielte Investitionen in Unternehmen, in die Entwicklung der öffentlichen Administration oder in die Forschung.

Großangelegte Sozialprogramme bzw. die Rücknahme von Kürzungen der Vorgängerregierungen führen demgegenüber dazu, dass Griechenland auf lange Frist nicht wettbewerbsfähiger wird (siehe Punkt 2) und zum Fass ohne Boden für die Geldgeber werden könnte. In diesem Licht muss man den Standpunkt der Eurofinanzminister sehen. Einfach nur Geld nach Griechenland zu schicken, hilft nur sehr kurzfristig, löst aber leider keines der zugrundeliegenden Probleme. Im schlimmsten Falle führt eine solche Politik zu einer neuen kreditfinanzierten Wachstumsblase.

Es ist ein Jammer, die griechische (Export-)Wirtschaft in diesem schlechten Zustand zu sehen. Noch viel schlimmer ist die Lage von Teilen der griechischen Bevölkerung. Letztere sollte deshalb weder in "Geiselhaft" ihrer eigenen Regierung genommen werden noch in "Geiselhaft" der Eurogruppe.

Eine klare Darstellung der Alternativen und eine Diskussion der zugrundeliegenden wirtschaftlichen Realitäten hätte man sich bei einer so wichtigen Entscheidung erwarten können. Reinen Wein einzuschenken, ist die Voraussetzung dafür, dass Volksabstimmungen zu guten Ergebnissen führen. Die vermehrte Verwendung von Plebisziten ist ein sehr erstrebenswertes Ziel, aber systematisch und nicht ad hoc. Das Ergebnis vom Sonntag klärt leider gar nichts und schreibt den Schwebezustand Griechenlands mit großer Wahrscheinlichkeit fort. Daran ändert auch der Rücktritt des Finanzministers nichts. (Martin Kocher, 7.7.2015)

Martin Kocher, geboren 1973, ist Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Verhaltensökonomik, an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Affiliate Professor in Göteborg und Brisbane. Er hat an der Universität Innsbruck promoviert und habilitiert.

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