Srebrenica: Die Instrumentalisierung eines Genozids

7. Juli 2015, 05:30
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Die Opfer werden von bosniakischer Seite politisch instrumentalisiert, von nationalistisch-serbischer Seite wird der Genozid verharmlost

Das Gedenken an den Genozid von Srebrenica, der sich am 11. Juli zum 20. Mal jährt, hat im neuen Ost-West-Konflikt eine geopolitische Dimension bekommen. Russland stellt sich gegen die UN-Resolution, die Großbritannien anlässlich des 20. Jahrestags des Genozids in Srebrenica vorgeschlagen hat. Diese sei "antiserbisch", argumentiert Moskau. Zuvor hatten bereits Politiker in Serbien und im bosnischen Landesteil Republika Srpska (RS) die Resolution kritisiert, dass in dem Text zu oft der Begriff "Völkermord" vorkomme.

Diskussion im Sicherheitsrat

Russland hat einen Gegenentwurf eingebracht und will, dass Srebrenica überhaupt nicht erwähnt wird. Am Dienstag soll darüber im Sicherheitsrat diskutiert werden. Seitdem es im Juli 1995 verübt wurde, ist das größte Verbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg ein Politikum. Die einen versuchen zu erinnern, instrumentalisieren aber auch die Opfer, die anderen verleugnen, verharmlosen und rechnen auf. Zusätzlich hat die Debatte um Naser Orić heuer die Polarisierung vorangetrieben und dem Präsidenten der RS, Milorad Dodik, genützt. Orić war in den Kriegsjahren 1992 bis 1995 Kommandant und Verteidiger der bosniakischen Enklave Srebrenica gegen die Armee der bosnischen Serben. Seine Leute überfielen 1992 und 1993 serbische Dörfer rund um Srebrenica und ermordeten serbische Zivilisten. Orić wurde vor wenigen Wochen in der Schweiz aufgrund eines serbischen Haftbefehls festgenommen, aber dann nach Sarajevo ausgeliefert. Von nationalistischen Bosniaken wird er als Held verehrt.

"Nun kann Dodik sagen: 'Die feiern Verbrecher. Ein Grund mehr, dass wir uns von denen lösen'", erklärt der Historiker Nicolas Moll die Dynamik. Dodik tritt für die Sezession der RS von Bosnien-Herzegowina ein. Der bosnische Intellektuelle Enver Kazaz übte scharfe Kritik daran, dass die NGO "Mütter von Srebrenica" und das Organisationskomitee für das Genozidgedenken damit gedroht hatten, die Veranstaltung am 11. Juli abzusagen, falls Orić nicht vorher freikomme. "Die Opfer sind völlig politisiert, und der Tod ist ein politischer Faktor der ersten Art geworden", so Kazaz. Die bosniakische politische Elite, die von Bakir Izetbegović geführt wird, habe den Völkermord instrumentalisiert, so Kazaz zu Radio Freies Europa. Er sprach von einer Demütigung der Opfer aus dem Eck arroganter politischer Macht.

Keine Kritik an Orić

Eine differenzierte Betrachtungsweise wurde durch die Polarisierung erschwert, meint auch Moll. Kaum einer traue sich nun mehr Orić zu kritisieren, weil man sonst unter Bosniaken als Verräter gelten würde. Dadurch, dass der Massenmord in Srebrenica als Völkermord eingestuft wurde, hat er in Bosnien-Herzegowina eine hoch symbolische Bedeutung bekommen, aber er wurde auch noch mehr zum Streitobjekt, denkt der Historiker. Moll kritisiert auch, dass die Politisierung des Genoziddiskurses teilweise dazu führe, dass Opfer von anderen Massenverbrechen gar nicht mehr als "richtige" Opfer wahrgenommen würden. Diese Hierarchisierung der Opfer würde allen, die unter dem Verlust ihrer Angehörigen leiden, aber nicht gerecht.

Fakten nicht anerkannt

Die RS wird wiederum durch ihre nationalistischen Eliten seit zwei Jahrzehnten in Geiselhaft der Verleugnung der Fakten gehalten. Im Jahr 1995, als die bosnisch-serbische Armee Srebrenica einnahm, wurde dies in der Zeitung "Javnost" als "eine Reinigung eines Schandflecks auf der Landkarte" gefeiert. Heute spricht Dodik davon, dass Srebrenica der "größte Betrug des 20. Jahrhunderts" sei. Er zweifelt nicht nur die Zahl der Ermordeten an, sondern verweigert auch die Benennung als Völkermord. "Dodik nützt es, die Bosniaken als Feindbild darzustellen. Die Debatte um Srebrenica ist perfekt, um zu sagen: 'Die akzeptieren uns nicht'", meint Moll.

Sogar Mladen Ivanić, der im bosnischen Staatspräsidium sitzt, meinte, dass die von den Briten vorgeschlagene UN-Resolution zu mehr Zwist zwischen den Volksgruppen führe. Argumentiert wird, dass man sich nicht zu einer "Verbrechernation" machen lassen wolle, obwohl davon nirgends die Rede ist. "Man stellt sich als verfolgte Unschuld oder zumindest als ungerecht behandelt dar und betont, dass Verbrechen von Serben immer übertrieben und serbische Opfer immer vergessen würden", analysiert Moll. (Adelheid Wölfl, 6.7.2015)

  • Laut dem Forschungs- und Dokumentationszentrum wurden nach dem Fall von Srebrenica im Juli 1995 in Srebenica, Zvornik, Bratunac und Vlasenica 8.331 Bosniaken getötet, darunter 1.416 Soldaten.
    foto: reuters/dado ruvic

    Laut dem Forschungs- und Dokumentationszentrum wurden nach dem Fall von Srebrenica im Juli 1995 in Srebenica, Zvornik, Bratunac und Vlasenica 8.331 Bosniaken getötet, darunter 1.416 Soldaten.

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