Drogenprozess: "La Familia" und die koksende Pokerrunde

6. Juli 2015, 16:29
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Zehn Angeklagte, davon sieben aus einem Familienverband, sollen einen schwunghaften Drogenhandel betrieben haben

Wien – "La Familia" und Drogen – das hört sich nach dem Chicago Outfit, der Kosher Nostra, Protagonisten wie "Mad Hatter" Anastasia oder "The Enforcer" Nitti an. Wien kommt jedoch nicht ganz an den Glamour der organisierten Kriminalität in den USA heran. Hier geht es um Menschen wie Manfred R., Harald K. oder Andreas K., wie drei der zehn Angeklagten heißen, die in einem Drogenprozess vor einem Schöffensenat unter Vorsitz von Michaela Röggla-Weisz sitzen..

Gleich zu Beginn entscheidet sich die Vorsitzende in dem brütend heißen Verhandlungssaal bei der Abwägung zwischen der Würde des Gerichts und der Aufrechterhaltung der Gesundheit für Letztere: Die Beteiligten dürfen ohne Talar und Sakko verhandeln.

Zwischen 19 und 50 Jahre sind die angeklagten acht Männer und zwei Frauen alt. Fünf sind Mitglieder der Familie R. – Vater, Mutter, Kinder, zwei weitere sind (Ex-)Partner der Tochter. "La Familia" haben sie sich selbst genannt.

Schrecklich nette Familie

"Manfred R. war der Clan-Vater dieser schrecklich netten Familie", sagt Staatsanwältin Anja Oberkofler in ihrem Eröffnungsplädoyer. Er soll zehn Monate lang einen schwunghaften Handel mit Cannabis und Kokain betrieben haben, seine Kinder als Wiederverkäufer benutzt haben.

Einer der Söhne und ein Freund von diesem hätten auch eine Cannabisplantage unterhalten: "Dort haben sie einen Ab-Hof-Verkauf betrieben", sagt die Staatsanwältin. Die anderen Angeklagten seien die Lieferanten oder Zwischenhändler gewesen – alle zusammen hätten daher eine kriminelle Vereinigung gebildet.

Christian Werner, Verteidiger des Ehepaares, sieht das gar nicht so. Beide seien unbescholten, hätten gearbeitet, 3000 Euro im Monat zur Verfügung gehabt. Zum Handel ist Manfred R. zwar geständig – aufgrund von Telefonüberwachung und Zeugenaussagen wohl alternativlos –, aber es sei keine Vereinigung gewesen.

Geld floss in Eigenkonsum

"Er hat selbst Drogen genommen, sein Verdienst ist eins zu eins in seinen eigenen Konsum geflossen", behauptet Werner. Aber in Wahrheit sei es ein Dutzendfall mit Lieferanten und Zwischenhändlern, die auch sonst nie als kriminelle Vereinigung angeklagt werden würden.

Auch die anderen neun sind grundsätzlich geständig, bestreiten aber, eine Vereinigung gewesen zu sein. Marcus Januschke, Verteidiger von Manfred B., verdeutlicht das so: "Für ihn hat es keine 'La Familia' gegeben, er war ein Einzelkind." Sein Mandant habe Kokain an einen der Angeklagten geliefert, die Übrigen sehe er zum ersten Mal.

"Erzählen Sie einmal, wie Sie zu der ganzen Sache gekommen sind", fordert die Vorsitzende den Erstangeklagten auf. "Es hat mit der Pokerrunde begonnen. Da haben wir nebenbei immer ein paar Drogen genommen." Allerdings, erzählt Manfred R.: "Vor einem Jahr ist es bei mir dann immer mehr geworden."

Auf dreifache Menge gestreckt

Er habe zu handeln begonnen: Die Gewinnspanne beim Cannabis war überschaubar, bei einem Einkaufspreis von 5,5 Euro pro Gramm verkaufte er es um maximal sechs Euro, beteuert der Angeklagte. Beim Kokain war das anders: Er streckte es auf die dreifache Menge. Das große Geld habe er damit aber nicht verdient – die Polizei hatte den Umsatz allerdings auf 240.000 Euro hochgerechnet.

Dass er die Rauschmittel an seine Kinder weitergab, begründet er so: "Nachdem ich erfahren habe, dass sie alle schon was nehmen, habe ich mir gedacht, dann gebe ich es ihnen gleich selbst." Aber: "Ich war nicht Herr meiner Sinne", bedauert er nun.

Seine Ehefrau sagt, sie sei überhaupt gegen die ganze Sache gewesen, habe aber zu wenig Selbstbewusstsein und Autorität gehabt. Auf Nachfrage von Anklägerin Oberkofler muss sie allerdings zugeben, auch selbst gekokst zu haben. "Mein Mann hat mir gesagt, mit dem kann man abnehmen." Mittlerweile habe sie gelernt, sei in Therapie und habe die Scheidung eingereicht.

Der Senat verhängt, nicht rechtskräftig, Strafen von sechs Monaten bedingter bis 21 Monaten unbedingter Haft – und glaubt an die kriminelle Vereinigung, nur die Ehefrau und der Kokainlieferant sind davon ausgenommen. (Michael Möseneder, 6.7.2015)

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