Das große Nein gegen Berlin und die Gläubiger

6. Juli 2015, 01:02
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Alexis Tsipras und seine linksgeführte Regierung haben ihre Wette gewonnen: Das Nein gewann deutlich beim Referendum. Doch was nun folgt, ist unklar

  • Die Griechen stimmten beim Referendum mit etwas mehr als 61 Prozent für Nein zu den Spar- und Reformvorgaben der Gläubiger.
  • Griechenlands Premier fordert erneut Schuldenschnitt und will unverzüglich wieder in der Verhandlungen mit den Geldgebern treten.
  • Krisentreffen auf mehreren Ebenen am Montag: EZB entscheidet über Nothilfen für Banken; Merkel bei Hollande; EU-Kommissionsschef führt Telefonkonferenzen mit EU-Politikern und den Vertretern der Geldgeber (ehemals Troika)
  • Die griechischen Banken sollen am Dienstag wieder öffnen.
  • Ein Euro-Sondergipfel findet ebenfalls am Dienstag statt.


Die Minute des Triumphs und der Genugtuung kommt für Yanis Varoufakis um 19.02 Uhr. Vier Prognosen erscheinen auf den Bildschirmen der griechischen Sender, und alle sagen am Sonntagabend einen Sieg des Nein-Lagers voraus. Noch mehr als Regierungschef Alexis Tsipras war Varoufakis, der Finanzminister mit dem Bruce-Willis-Image, zum Ziel von Spott und Häme in Brüssel geworden. "Wir brauchen erwachsene Menschen", sagte Christine Lagarde, die Direktorin des Internationalen Währungsfonds, zuletzt. Varoufakis hatte als Einziger seinen Rücktritt angekündigt, sollten die Griechen Ja zum Kreditabkommen sagen, das die Gläubiger vorschlugen. Jetzt ist er wieder zurück im Ring.

Das Ergebnis des Referendums auf der Karte des Guardian.

Ob es dort nun leichter wird, ist eine andere Frage. Die Verhandlungen mit den Kreditgebern müssen sehr bald abgeschlossen werden, noch innerhalb von 48 Stunden, sagt Regierungssprecher Gabriel Sakellaridis schon kurz nach Veröffentlichung der Prognosen. In 24 Stunden könnte es auch möglich sein, twittert Varoufakis. Kein Gedanke an Staatsbankrott und Austritt aus der Eurozone.

Jubel auf dem Syntagma-Platz

Der Syntagma-Platz füllt sich am Sonntagabend langsam. Erst kommen die Fahnenverkäufer – das große Format der blau-weißen Flagge mit dem Kreuz ist um vier Euro zu haben –, dann die Würstelbrater und nach und nach Tausende von Anhängern des Nein-Lagers. Sie alle warten auf Tsipras und Varoufakis.

fischer


"Ich freue mich, weil trotz aller Propaganda und der geschlossenen Banken das Nein gewonnen hat", sagt Chara. Die 25-Jährige arbeitet bei eben einer der Banken, die kaum nach Bargeld und Einlagen haben. Ihren Eltern hat sie gedroht auszuwandern, sollte das Kreditabkommen mit den neuen Steuererhöhungen Zustimmung finden, so ezählt sie. Die Eltern waren so betroffen, dass sie wie ihre Tochter am Sonntag mit Nein stimmten. "Ich hoffe, dass Tsipras nun mit stärkerer Kraft verhandeln kann", sagt sie: "Mit dem Ja hätten wir keine Zukunft in diesem Land."

Allerdings gibt es auch nüchterne Stimmen. "Ich habe für das Nein gestimmt, aber ich kann mich nicht freuen, weil ich nicht weiß, was nun geschieht", sagte Ionna, eine 53-jährige arbeitslose Griechin auf dem Platz. "Am Ende gibt es keinen großen Unterschied zwischen einem Ja oder Nein. Ein Abkommen muss es geben."

Die Auszählung der Stimmen übertrifft später noch die Prognosen. 60 Prozent, meldet Innenminister Nikos Voutsis zwischenzeitlich und strahlt unter seinem Schnauzbart.

Vier Monate verhandelte die linksgeführte griechische Regierung mit den Vertretern von IWF, Europäischer Zentralbank und der Eurogruppe. Es mangelt ihr an Erfahrung, die Gläubiger korrigieren sogar stilistische Unebenheiten der auf Englisch verfassten Vorlagen aus Athen. Als Tsipras Ende Juni schließlich einen Finanzplan vorlegt, der acht Milliarden Euro Einnahmen bringen sollte, wird dieser von den Finanzministern der Eurogruppe als zu leicht befunden.

Vorbild 1940

Der junge Regierungschef wollte keine weiteren Kompromisse machen und ließ eine Volksabstimmung ansetzen. Tsipras stilisierte die Entscheidung nach dem Vorbild des historischen Nein, das der griechische Diktator Ioannis Metaxas 1940 dem faschistischen Italien entgegengehalten hatte. Mussolini forderte die Besetzung von Stützpunkten in Griechenland. Seither wird der 28. Oktober als "Nein-Tag" gefeiert. Metaxas einte damals für einige Zeit die Nation, Tsipras aber spaltete sie nun.

Angefeuert von einem Chor von Ochi-Rufern, eilt Alexis Tsipras am Sonntag morgen die Gasse hinunter zu seinem Wahllokal in Kipseli, einem der ärmlich gewordenen Stadtviertel Athens. Ochi heißt Nein, und die Rufe schneiden wie Pflugscharen durch das Land und teilen die Griechen. "Heute siegt die Demokratie über die Furcht", behauptet Tsipras, als er seinen Stimmzettel in die Urne steckt. Sein Gesicht ist ein wenig aufgequollen von der Anspannung der vergangenen Wochen und dem wenigen Schlaf. Aber auch Boxer sehen so aus.

Rückhalt bei den Jungen

Die meisten Stimmen gegen die Kreditgeber kommen von den jungen Griechen, so erklären die Meinungsforscher später. Zwei Drittel der 18- bis 34-Jährigen folgen der Linie der Regierung, auch die Hälfte der 35-55-Jährigen. Nur bei den Pensionisten stößt Tsipras mit seiner Herausforderung der Gläubiger und der deutschen Regierung auf weniger Zustimmung. Sie sind schockiert von der Bankenschließung und dem Chaos bei der Auszahlung einer kleinen Rate von 120 Euro vergangene Woche. "Ich habe Ja gewählt", sagt einer von ihnen am Abend am Varnava-Platz in der Athener Innenstadt. "Ich weiß nicht, was nun kommt. Doch das Wichtigste, ist dass meine Kinder nicht hungern", sagt der 70-jährige Giorgos. Denn das hat er selbst schon durchgemacht.

Tispras’ Referendum hat viele Griechen auch perplex gemacht. Sie fürchten den Grexit und Griechenlands Abkoppelung von Europa. Es sind grimmige Gesichter, die in der Skoufa-Straße in Kolonaki wählen gehen, zwischen alten Bürgerhäusern und Cafés, die einmal trendig waren, als die Krise noch nicht zugeschlagen hat. "Es gibt keine Logik darin", grummelt Athas, der sich als Schriftsteller vorstellt, über das Referendum. "Wir müssen mit dieser Verrücktheit fertig werden. Aber es waren die Europäer, die uns in diese Lage gebracht haben. Wenn man auf Leute ständig diesen Druck ausübt, dann bekommt man am Ende eine solche Abstimmung."

Opposition geschockt

Viele nennen es die Wahl zwischen einer Katastrophe, die sie kennen, und einer, die sie nicht kennen. Den Verlierern der Spar- und Rezessionsmaschine macht ein Bruch mit dem Geld der Europäer nun keine Angst mehr. Leuten wie Mersa etwa, einer jungen Musiklehrerin: "Wie schlimm kann es noch werden? So wie wir jetzt zurechtkommen, werden wir auch danach zurechtkommen."

Die pro-europäischen Oppositionsparteien reagierten geschockt auf das Ergebnis. Die neue Chefin der auf Kleinformat geschrumpften sozialistischen Pasok, Fofi Gennimata, rief Tsipras auf, nun rasch ein Abkommen mit den Kreditgebern zu schließen.

Wegen der Niederlage des Ja-Lagers beim Referendum trat der Chef der oppositionellen konservativen Nea Dimokratia, Antonis Samaras, noch am Sonntagabend zurück. Vorläufiger neuer Parteichef werde der frühere Parlamentspräsident Evangelos Meimarakis, sagte Samaras im Fernsehen. (Markus Bernath aus Athen, 5.7.2015)

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