Melody Gardot: Die dunkle Seite des Besonderen

5. Juli 2015, 18:15
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Die Jazz-, R&B- und Latin-Sängerin war ebenso wie Malia in der Wiener Staatsoper beim Jazzfest Wien zu Gast

Wien – Der Aufwand ist nicht unbeträchtlich – drei muntere Herren sind als kleine Blechblasarmee angetreten. Sie vereinen Trompete, Saxofone (Bariton-, Tenor- wie Altsax) und auch Bassklarinette zu funkig-souligen Riffinterventionen. Melody Gardots Band ist jedoch auch mit Keyboards, Schlagwerk, Bassklampfe und sechssaitigem Zupfbrett ausgestattet. Allerlei Klangfacetten umgarnen also die Musik der US-Lady, wobei auch sie selbst begleitend zur Gitarre greift, auch am Klavier eine Ahnung gibt davon, wie das bei ihr daheim aussehen mag. Wenn sie komponiert.

Die instrumentale Vielfalt ist ein Beleg dafür, dass eine im Mainstream (Jazz, Rhythm & Blues und Latin) wandelnde Künstlerin mitunter mehr will, als nur Erwartungen zu erfüllen. Zwar ist Gardot nicht gegen verkaufsfördernde CD-Maßnahmen gefeit; sie bleibt also gerne im Rahmen von radiokompatibler Songkonvention. Allerdings, selbst in schmusig-unschuldigen Liedkleinigkeiten gibt Gardot eine Ahnung von schlummernde Tiefe; ein sensibles, fragiles Wesen ist immer mit Gestaltungswillen unterwegs, immer auf dem Weg zum Ausloten von dunkler Emotion. Was sie stimmlich "berührt", erlangt somit delikate Ausprägung; auch Dürftiges wie der Eigenbausong Our Love Is Easy.

Um eine Ballade anflehen

Gardots Stimme ist zudem technisch nie wankend, immer klar und von der Farbe her flexibel. Sie kann, wo sie lauter wird, das Erdig-Herbe erwecken, um ihre bluesigen Stücke zu erhitzen. Sie kann allerdings auch diskret hauchen, so subtil klingen, als wollte sie Antônio Carlos Jobim, den großen Bossa-Komponisten, posthum um eine neue Ballade anflehen. Gardot ist eine Sängerin, bei der Technik und Ausdruck eine magische Liaison eingehen.

Die Sangeslinien habe ihr individuell schwebendes Tempo, Gardot transportiert eine in sich ruhende Melancholie, die sich nicht hetzen lässt. Nichts klingt aufgesetzt, nur unmittelbar und seelenvoll. Wissenschaftlicher Schlussbefund: Speisekartentexte könnte die US-Dame singend als Träger tiefer Botschaften erscheinen lassen.

Schlummerndes Potenzial

Dass nicht der ganze Abend in der Staatsoper (beim Jazzfest Wien) voll von anspruchsvollen Momenten war, bisweilen die Selbstunterforderung der Künstlerin dominierte, ist schade. Aber epische Stücke zeugten doch, welch Potenzial noch schlummert.

Auch Vergleiche machen sicher. An der markanten, samtigen Stimme von Malia, die zuvor auftrat, war zu studieren: Wenn tolles Stimmmaterial auf limitierten Gestaltungscharme trifft, ergibt das nur Oberflächenkunst. Die Oper war anderer Meinung, auch für Malia gab es Ovationen. (Ljubisa Tosic, 6.7.2015)

6. 7. Wiener Staatsoper: "Sinatra Tribute" u. a. mit Thomas Quasthoff, Orchester der Vereinigten Bühnen Wien

  • Melody Gardot, die 1985 in New Jersey geborene Sängerin, kann auch Schnulziges bedeutend erscheinen lassen.
    foto: jazz foto brunner

    Melody Gardot, die 1985 in New Jersey geborene Sängerin, kann auch Schnulziges bedeutend erscheinen lassen.

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