"Bei Agrarreform ging es um Erhalt des Status quo"

Interview6. Juli 2015, 05:30
101 Postings

Markus Hofreither, Professor an der Universität für Bodenkultur, hält eine vollständige Umstellung in absehbarer Zeit für unrealistisch

STANDARD: Für wie effizient halten Sie die EU-Agrar-Fördersysteme?

Hofreither: Natürlich ist eine Zahlung, die mehr oder weniger gießkannenartig ausgeschüttet wird, wenig zielgenau und damit potenziell ineffizient. Das wurde vor der letzten Reform auch massiv kritisiert und gefordert, Mittel aus der ersten Säule, also den Direktzahlungen, in die zweite Säule zu verschieben, wo Maßnahmen im Umwelt- und Regionalbereich finanziert werden. Passiert ist das nicht. Auch nach der Reform 2014 dominieren die Direktzahlungen mit mehr als 70 Prozent des EU-Agrarbudgets. Österreich fällt hier positiv auf, weil etwa die Hälfte des österreichischen Budgets auf die zweite Säule entfällt, wo also Programme mit gewissen Zielsetzungen gefördert werden.

STANDARD: Aber viele Zahlungen auf EU-Ebene werden für bestimmte Aktivitäten ausgezahlt. Mit dem Greening müssen Förderungen ökologisch ausgerichtet werden.

Hofreither: Studien zeigen, dass die Greening-Regeln den Umweltzustand kaum beeinflussen, weil die meisten Betriebe diese Kriterien schon jetzt erfüllen oder aber Ausnahmen gelten. In Österreich etwa fallen weniger als 25 Prozent der Betriebe unter das Greening. Obwohl kaum Umweltverbesserungen zu erwarten sind, leiden Betriebe unter dem damit verbundenen hohen Kontroll- und Verwaltungsaufwand.

STANDARD: Welche Interessen dominieren die Agrarpolitik?

Hofreither: Bei der letzten Agrarreform ging es definitiv um den Erhalt des Status quo, primär, was Umfang und Bedingungen der Direktzahlungen betrifft. Diese sind deshalb so attraktiv, weil sie direkt einkommenswirksam sind und die nationalen Budgets schonen: Sie werden zu 100 Prozent von der EU finanziert. Die Programme der zweiten Säule dagegen müssen mit nationalen Mitteln "kofinanziert" werden. Stark kritisiert werden die Direktzahlungen auch wegen ihrer regressiven Verteilungseffekte: Im EU-Durchschnitt entfällt die Hälfte dieser Zahlungen – etwa 20 Milliarden Euro jährlich – auf wenig mehr als fünf Prozent der größten Betriebe.

STANDARD: Ist die Branche vorbildlich, was Transparenz betrifft?

Hofreither: Wenn Sie damit die Transparenzdatenbank ansprechen, die seit kurzem wieder online ist, da ist die Landwirtschaft vorbildlich. Analog dazu wäre es sicher auch interessant zu sehen, wo die Milliarden von Unternehmensförderungen außerhalb der Landwirtschaft hingehen. Vielleicht wehren sich die Bauern auch deshalb so vehement gegen diese Datenbank, weil nur sie der Neidgesellschaft ausgesetzt sind. Trotzdem ist dieses Instrument eine sinnvolle Möglichkeit, auf lokaler Ebene vergleichende Einblicke in Förderstrukturen und -beträge zu erhalten.

STANDARD: Kann der weltweit notwendige Schub bei der landwirtschaftlichen Produktion mit der zunehmenden biologischen Bewirtschaftung erreicht werden? Denn die Weltbevölkerung wächst.

Hofreither: In der Tat entwickelt sich der Biolandbau in der EU gut, er hat sich seit 2005 verdoppelt. Dennoch wäre es unrealistisch, in absehbarer Zeit eine vollständige Umstellung auf Biolandbau zu erwarten, der vielleicht auch noch Exportüberschüsse liefert. In den Entwicklungsländern könnten oft durch einfache Know-how-Transfers deutliche Produktivitätsfortschritte in der traditionellen Landwirtschaft erzielt werden. Diese Form von regional angepasstem "Biolandbau" wäre risikoarm und zukunftssicher. Die bisherigen Erfahrungen mit hochtechnisierter Intensivlandwirtschaft auf durch "land grabbing" geschaffenen Großbetrieben in Afrika sind eher ernüchternd. Auch die auf Gentechnik setzenden Strategien haben ihre Praxistauglichkeit noch nicht bewiesen.

STANDARD: Da die Agrarpolitik vergemeinschaftet, also eine reine EU-Sache ist, gibt es die vielen Förderungen trotz der Sparpakete in den Ländern noch immer. Das ist ein großer Vorteil, oder?

Hofreither: Natürlich. Knappe Budgets sind ein drängendes Problem vieler Mitgliedsländer, da sind von der EU "geschenkte" Direktzahlungen fast ein Segen. Allerdings wird auch das EU-Budget durch die Beiträge der Mitglieder gespeist, weshalb bei der letzten Reform die Nettozahler defensiver argumentiert haben. Weil die Mitgliedstaaten Programme im Umwelt- und Regionalbereich kofinanzieren müssen, sind diese deutlich weniger beliebt. Das ist schade, weil ihre Treffgenauigkeit deutlich höher ist als etwa jene von Greening.

STANDARD: Aber es hat sich doch seit der letzten Reform einiges verbessert?

Hofreither: 2014 hat formale Veränderungen gebracht und auch viel politische Rhetorik. Im Grunde hat sich am Status quo und damit an den Unzulänglichkeiten nicht allzu viel verändert. Wenig treffgenauen Maßnahmen steht häufig ein hoher Verwaltungs- und Kontrollaufwand gegenüber. Ökonomisch gesehen bleiben damit große Spielräume für Effizienzsteigerungen. (Johanna Ruzicka, 6.7.2015)

foto: ingeborg sperl
Markus Hofreither ist Volkswirt und war von 1991 bis 2014 Professor für Volkswirtschaftslehre, Wirtschaftspolitik und Agrarpolitik der Universität für Bodenkultur Wien. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Söhne.
  • Das "Greening" – also die Vorgabe, dass jede Agrarförderung in der EU eine Umweltkomponente haben muss – ist wenig zielgenau, kritisiert Boku-Professor Markus Hofreither. Das, was da vorgegeben ist, machen die meisten Betriebe bereits.
    foto: ingeborg sperl

    Das "Greening" – also die Vorgabe, dass jede Agrarförderung in der EU eine Umweltkomponente haben muss – ist wenig zielgenau, kritisiert Boku-Professor Markus Hofreither. Das, was da vorgegeben ist, machen die meisten Betriebe bereits.

Share if you care.