Londoner Anschläge 2005: Gedenken im Schatten des Terrors

7. Juli 2015, 05:30
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Betroffene erinnern sich an die Londoner Terroranschläge vor zehn Jahren – Die Suche nach Antworten und neuen Strategien geht weiter

Irgendwann werde der Zorn noch kommen, haben die Experten zu Mavis und John Hyman gesagt. Der Abscheu vor dem Mörder ihrer Tochter. Die Bitterkeit über das jäh beendete Leben einer brillanten jungen Frau. Zehn Jahre sind vergangen seit jenem 7. Juli 2005, an dem vier islamistische Selbstmordattentäter 52 Menschen in London töteten sowie hunderte verstümmelten oder verletzten. Drei Bomben explodierten in U-Bahn-Zügen, den vierten Sprengsatz zündete Hasib Hussain (18) im Oberdeck eines roten Doppeldeckers der Linie 30. Miriam Hyman (32) saß direkt vor ihrem Mörder. Sie war sofort tot.

"Ich hätte fast den Verstand verloren vor Schmerz", sagt Mavis Hyman (85) mit fester Stimme. "Aber nie haben mein Mann und ich Zorn oder Bitterkeit empfunden." Vielleicht spiegelte die Reaktion der Trauernden die Persönlichkeit der freiberuflichen Bildredakteurin wider. Als "wandelndes strahlendes Lächeln" hat ein Freund aus dem Kunstgeschichtsstudium seine Ex-Kommilitonin Miriam in Erinnerung.

"Etwas Positives"

Wie Mavis und ihr im Jänner verstorbener Mann John empfanden auch viele andere "das überwältigende Gefühl, etwas Positives bewirken zu wollen", wie Hyman erläutert. So ist ein Buch mit Miriams Kunstwerken entstanden, zehntausende Pfund wurden einer Augenklinik in Indien gespendet, eine Stiftung unter Leitung von Miriams Schwester Esther (46) hält die Erinnerung an die Tote wach. Seit vergangener Woche bietet die gemeinsam mit Experten des renommierten University College entwickelte Website miriamsvision.org den Lehrern elf- bis 14-jähriger Kinder detaillierten Unterrichtsstoff an. Inspiriert von Miriams Leben sollen die Schüler Fragen nachgehen wie: Was sind Menschenrechte? Welche Probleme hat Indien? Welche Konsequenzen hatten die Anschläge vom 7. Juli?

Die modern präsentierten Lehrmittel könnten aktueller kaum sein. Zu Monatsbeginn ist eine neue Vorschrift in Kraft getreten, die Schulen und Universitäten auf die Bekämpfung extremistischer Ideologien verpflichtet. Immer neue Antiterrorgesetze hat die Regierung dem Unterhaus vorgelegt. So dürfen Terrorverdächtige bis zu vier Wochen ohne Anklage in Haft gehalten werden. Die Geheimdienste haben weitgehende Befugnisse zur Ausspähung von Extremisten, im Herbst soll das flächendeckende Abzapfen von Internetkommunikation auf eine neue rechtliche Grundlage gestellt werden. Die Einwände von Bürgerrechtsgruppen wie Liberty wischt Premier David Cameron beiseite: "Man verteidigt die Freiheit nicht mit Gesetzen, die von der Technik überholt wurden."

Leben unter Generalverdacht

Spätestens seit jenem blutigen Tag in London leben die knapp drei Millionen Muslime auf der Insel mit dem Generalverdacht, der sich wegen einer winzigen Minderheit auf sie richtet. Jeder neue Anschlag – die gescheiterten Autobomben von London und Glasgow 2007, die misslungene Mission des "Unterhosenbombers" Umar Abdulmutallab 2009, die brutale Ermordung des Soldaten Lee Rigby 2013 in London-Woolwich – verstärkt den Druck. Nach dem Massaker in Tunesien mit 30 britischen Toten mahnte Cameron vergangene Woche einheimische Muslime zu größerer Wachsamkeit gegenüber Extremisten: "Wir müssen mehr Intoleranz gegenüber der Intoleranz zeigen."

Wie Mavis Hyman empfindet auch Jeff Porter keinen Hass auf den Mann, der an jenem 7. Juli sein Leben veränderte. Der U-Bahn-Zug des damals 46-Jährigen kam kurz vor dem Bahnhof Edgware Road gerade zum Stehen, als im entgegenkommenden Zug Mohammed Siddique Khan seine Bombe zündete. Porter benachrichtigte die Leitstelle, geleitete seine knapp 1.000 Passagiere in Sicherheit, wurde als einer der Helden des Jahres geehrt. Das Trauma – die Rußwolke, die gellenden Hilferufe der Verletzten, die grässlich verstümmelten Leichen – holte ihn erst mit einjähriger Verspätung ein.

Eigene Strategien

Plötzliche laute Geräusche jagen ihm noch immer einen Schreck ein, ungewisse Situationen machen ihn nervös, lauten Diskussionen geht er aus dem Weg. Aber er steuert weiterhin U-Bahn-Züge, auch durch Edgware Road. Ob er sich eine andere Route gewünscht hat? "Ach nein, ich bleibe meiner Circle Line treu."

An früheren Jahrestagen hat Porter Ansprachen gehalten, hat zu "Tanz und Lebensfreude" aufgerufen, als bestem Mittel gegen den Terror. Diesmal weicht er dem Rummel aus und macht ein paar Tage Urlaub in Cornwall. Esther und Mavis Hyman gehen anders vor. Am Montag sind sie im Londoner Rathaus, wo eine Ausstellung mit Miriams Kunstwerken eröffnet wird. Am Dienstag nehmen sie in der Paulskathedrale am offiziellen Gedenkgottesdienst teil. Anschließend gibt es einen Empfang im Mansion House der City of London, wo viele Opfer und Angehörige von 7/7 zusammenkommen, die im Lauf der Jahre zu guten Bekannten, sogar Freunden geworden sind. "Darauf freue ich mich", sagt Mavis und lächelt. (Sebastian Borger, 6.7.2015)

  • Gedenktafel für die Opfer in der Buslinie 30.
    foto: standard/borger

    Gedenktafel für die Opfer in der Buslinie 30.

  • Gedenkminute in London.
    foto: apa/epa/will oliver

    Gedenkminute in London.

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