Hans Niessl und die neue pannonische Pröllianz

6. Juli 2015, 05:30
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In den vergangenen Monaten hat sich Hans Niessl merkbar gewandelt. Der stets so brave Burgenländer zeigt seiner SPÖ nun, dass der Eisenstädter Bartl den Most zuweilen auch aus St. Pölten holt

Die Frage, welcher Teufel oder Schalk Hans Niessl geritten hat und offenbar weiterhin reitet, beschäftigt längst nicht mehr nur das Burgenland. Die ganze Republik fragt sich das. Und in dieser insbesondere die SPÖ, die allerdings nicht nur dadurch in einen brandheißen Sommer unangenehmer Selbstbespiegelung geschickt worden ist.

Hans Niessls wild entschlossener Pakt mit der FPÖ wird mit einigem Recht als arger Tabubruch interpretiert, über den, könnte er es sich noch leisten, wohl auch Werner Faymann so not amused wäre, wie Michael Häupl es tatsächlich ist. Allerdings ist dem burgenländischen Landeshauptmann damit auch – wie anzunehmen ist, unfreiwillig – der Nachweis geglückt, dass das nunmehr gebrochene Tabu das letzte Kleidungsstück war, mit dem die Sozialdemokratie ihre Blößen hat notdürftig bedecken können. Und mehr als ein verschlissener Stringtanga war das auch nicht.

Hans Niessl gleicht da ein wenig dem unschuldigen Kind aus dem schönen Märchen des Hans Christian Andersen. Alle bewundern den prachtvoll gewandeten, stolz durch die Menge gockelnden Kaiser. Dann ruft Hans Niessl: "Aber der ist doch nackt!" Auf einmal fällt es der halben SPÖ wie Schuppen von den Augen. Und jetzt, rechtzeitig vor den Wahlen in Oberösterreich und vor allem Wien, hat sie den Salat einer Grundsatzdebatte.

Das ist für sich allein schon bemerkenswert genug. Denn Hans Niessl war über all die Jahre, ja Jahrzehnte stets ein 200-prozentiger Loyalist. Nie hörte man von ihm ein böses oder auch nur schnippisches Widerwort Richtung Wien. Während Franz Voves hoch vom Dachstein an erzherzogjohannjodelte wie einst die steirischen VP-Eichen Krainer sen. und Krainer jun., war Hans Niessl hauptsächlich nur brav. Selbst Salzburgs Gabi Burgstaller frönte gern dem besserwissenden Zuruf und stellte Hans Niessl damit locker in den Schatten ihrer charismatischen Erscheinung, die dann dummerweise am Faktischen des Finanzdebakels zerschellte.

Nicht, dass Hans Niessl das mäuschenhafte Schattendasein nicht zu schätzen wusste. So weit Burgenländer ist er ja, dass ihm ein wenig graute vor der Schlüpfrigkeit des Wiener Parketts. Hätte er je diesbezügliche Ambitionen gehabt, ein Seitenblick auf Norbert Darabos hätte genügt, ihn davon zu kurieren.

Dass er nunmehr den Wienern fast projektilartig in die Parade fährt, passt dennoch ins Bild. Denn aus Niessl'scher Sicht war es ja umgekehrt. Da sei ihm, hört man aus dem Kreise gewöhnlich gut informierter Niesslversteher, die Bundespolitik zuletzt ordentlich ins Gehege gekommen mit ihrer gelähmten und lähmenden Inkompetenz, dem Reformstau und der gegenseitigen rot-schwarzen Blockade, die er ja auch aus dem heimatlichen Regierungsgeschäft ganz gut kennt.

Die Grandenambition

Deshalb, so wird es kolportiert, ließ er seinen Parteichef Werner Faymann beim Asylgipfel mit der verpflichtenden Bezirksquote ins Leere seiner beredten Wortlosigkeit rennen. Deshalb, so hört man, stellte er sich gemeinsam mit Niederösterreichs Erwin Pröll vom Spielfeld der Schulreform und ließ solcherart lieber die Unterrichtministerin und Parteifreundin Gabriele Heinisch-Hosek anrennen, als die zwischen ihm und Pröll schon vereinbarte Länderkompetenz für die Personalverwaltung zur Debatte zu stellen.

Mit Erwin Pröll, so scheint es, teilt Niessl mittlerweile, am Beginn seiner immerhin schon vierten Amtsperiode, durchaus auch die Grandenambition.

Jedenfalls hat er sich hör- und merkbar dazu entschlossen, nun auch das eine oder andere Widerwort nach Wien zu schicken. "Am Ende des Jahres", so ließ Niessl unmittelbar nach der Wahl und der Gewissheit, drei Mandate verloren zu haben, die Journalisten wissen, "werden wir wiederum die stärkste sozialdemokratische Landespartei sein."

So wie die Umfragen für Wien ausschauen, können die ernüchternden burgenländischen 42 Prozent tatsächlich außer aller Reichweite sein. Und mag sein, Hans Niessl hat sich – zumal dies betont unbedankt blieb parteiintern – angefangen zu fragen, ob die Genossen nicht anfangen könnten, sich zu fragen: "Wie macht das der Niessl nur?" So wie sich die Schwarzen ja auch ein ums andere Mal fragen, wie der in St. Pölten das macht. In der SPÖ freilich fragen sie einstweilen noch nicht "Wie?", sondern nur: "Warum um Himmels Willen?"

Eine Antwort darauf liegt zweifellos auf dem Fußballplatz. Der geprüfte A-Lizenz-Trainer Hans Niessl war in seinem aktiven ballesterischen Leben ein bissig-defensiver Midfielder von zwar kleiner, aber gedrungen-wuchtiger Statur. Einer also, der zeit seines Kickerlebens auf unzählige Pressbälle gegangen ist. Das aber kann nur gutgehen, wenn einer eines stets beherzigt: Wer zurückzuckt, läuft unmittelbar Gefahr, sich selber zu verletzen. (Wolfgang Weisgram, 6.7.2015)

  • Burgenlands Landeshauptmann Hans Niessl übt schon eifrig, wie sich das SPÖ-Orchester von Eisenstadt aus dirigieren ließe.
    foto: apa/roland schlager

    Burgenlands Landeshauptmann Hans Niessl übt schon eifrig, wie sich das SPÖ-Orchester von Eisenstadt aus dirigieren ließe.

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