OS X El Capitan ausprobiert: Kaum Neues bei Apple

5. Juli 2015, 10:00
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Kommende Version des Betriebssystems weckt Erinnerungen an "Snow Leopard"

Apple hat die Entwicklung seiner Betriebssysteme offenbar aufeinander abgestimmt. Bereits beim Vorschau-Test zu iOS 9 haben wir festgestellt, dass Apple mit dem neuen System ein wenig auf die Innovationsbremse tritt und vergleichsweise wenige neue Funktionen einführt. Die Neuerungen spielen sich stattdessen unter der Haube ab – Performance, Stabilität und Sicherheit. Ein ähnliches Bild zeichnet sich auch bei OS X El Capitan, das ebenfalls im Herbst erscheinen wird. Der WebStandard hat einen Blick auf die aktuell verfügbare Developer-Preview geworfen.

screenshot: martin wendel / der standard
OS X El Capitan ist nach einem Felsen im Yosemite-Nationalpark benannt.

Das neue "Snow Leopard"

Bereits die Bezeichnung des Betriebssystems deutet an, dass es sich bei OS X El Capitan um kein Update mit großen neuen Funktionen, sondern eher um eine Erweiterung von OS X Yosemite handelt. Denn bei El Capitan handelt es sich um einen Felsen im Yosemite-Nationalpark, Apple stellt durch die Namensgebung also eine direkte Verbindung der beiden Betriebssysteme her. Eine ähnliche Strategie wählte der Konzern bereits bei Mac OS X Snow Leopard, das im Jahr 2009 erschienen ist und vor allem die Performance und Stabilität des Vorgängers verbesserte.

Split-View wie in Windows 10

Gänzlich ohne neue Funktionen kommt OS X El Capitan freilich nicht aus – sonst täte sich Apple wohl schwer, den großen Versionssprung auf 10.11 zu argumentieren. Eine der größten Änderungen betrifft dabei die Fensterverwaltung. Apple hat die Kritik der Nutzer offenbar erhört und bietet ab OS X El Capitan einen Split-View im Vollbildmodus an. Dies bedeutet, dass ein Programm per Klick die Hälfte des Bildschirms einnimmt. Auf der anderen Bildschirmhälfte erscheint eine Auswahl der übrigen geöffneten Programme. Fast 1:1 dieselbe Funktion kennt man bereits aus Windows 10.

screenshot: martin wendel / der standard
Den Split-View-Modus kennt man in einer sehr ähnlichen Form bereits von Windows 10.
screenshot: martin wendel / der standard
Die Größe der beiden Programmfenster kann angepasst werden.

Safari mit fixierten Tabs

Weitere Verbesserungen in OS X El Capitan betreffen verschiedene Programme, allen voran Safari. Der Webbrowser erhält mit Version 9.0 gleich eine Reihe an neuen Funktionen. Über einen Rechtsklick können im neuen Safari Tabs fixiert werden. Diese Tabs werden anschließend bei jedem Browserstart geladen und über kleine Icons in der Tab-Leiste dargestellt. Soziale Netzwerke, Nachrichten-Webseiten und weitere Internetangebote sind damit nur einen Klick entfernt. Ein bisschen Optimierung wäre noch toll – etwa dass sich die fixierten Tabs in regelmäßigen Abständen selbstständig im Hintergrund aktualisieren.

screenshot: martin wendel / der standard
Tabs im neuen Safari können fixiert werden und bleiben dann dauerhaft geöffnet.

Bessere Apple-TV-Unterstützung

Von iOS kennt man das bereits: Öffnet man in Safari ein Video, kann der Inhalt direkt per AirPlay auf dem Apple TV wiedergegeben werden. Am Mac fehlte eine solche Funktion bislang, es ließ sich nur der gesamte Bildschirm auf die Set-Top-Box übertragen. OS X El Capitan ändert das. Über ein Icon können jetzt auch HTML5-Videos aus der Desktop-Version von Safari an den Apple TV geschickt werden. Dies funktionierte in unserem Test bereits auf vielen Seiten äußerst zuverlässig, auf allen Webseiten ist das Feature aber nicht verfügbar. Dies hängt wohl mit dem verwendeten Video-Player zusammen. YouTube, Vimeo und Co. liefen aber ohne Probleme.

screenshot: martin wendel / der standard
Ähnlich wie unter iOS können Videos aus Safari nun direkt an den Apple TV geschickt werden.

Mail erhält iOS-Gesten

Weitere Neuerungen gibt es beim mitgelieferten Mail-Programm. Dieses unterstützt nun ähnliche Gesten, wie das iOS-Pendant: Über eine Wischgeste nach rechts kann eine E-Mail im Posteingang als gelesen bzw. ungelesen markiert werden, über einen Swipe nach links wird sie in den Papierkorb verfrachtet. Neu ist außerdem eine verbesserte Unterstützung des Vollbildmodus und eine verbesserte Integration mit anderen OS-X-Programmen zur Erstellung von Terminen und Kontakten. Nette Erweiterungen, aber allesamt keine wirklich bedeutsamen Neuerungen.

screenshot: martin wendel / der standard
Die Gesten aus der Mail-App unter iOS wurden ebenfalls in OS X El Capitan übernommen.

Notizen-Programm wird mächtiger

Dieselben Änderungen am Notizen-Programm, die Apple mit iOS 9 umsetzt, werden auch am Mac durchgeführt. Es handelt sich um die erste Funktionserweiterung der App in mehren Jahren. Apple erlaubt bei den Notizen künftig Checklisten, verschiedene Aufzählungszeichen, eine Integration in Safari und Apple Maps zum Einfügen von Links und vieles mehr. Zudem können Notizen für mehr Übersicht in Ordnern abgelegt werden. Insgesamt sehr gute Änderungen, die das Programm deutlich umfangreicher machen. Vom Funktionsumfang eines OneNote oder Evernote bleibt die App aber noch weit entfernt.

screenshot: martin wendel / der standard
Der Funktionsumfang der Notizen-App wurde in iOS 9 und OS X El Capitan erweitert.

Spotlight lernt dazu

Eine der letzten größeren Neuerungen stellt Spotlight dar. Die Suche unter OS X El Capitan soll noch mehr Ergebnisse durchforsten und aufbereiten können – die Darstellung von Wetterdaten, Aktienkursen und Video-Suchergebnissen. In der aktuellen Beta scheinen diese Funktionen aber noch nicht implementiert zu sein. Außerdem erlaubt Spotlight nun "natürliche Sprache" für Sucheingaben. Gibt man etwa "E-Mails von gestern ein", zeigt Spotlight die Nachrichten vom Vortag an. Neu ist außerdem, dass das Spotlight-Fenster verschoben und in der Höhe angepasst werden kann. Man fragt sich, warum das nicht bereits in OS X Yosemite so implementiert wurde.

screenshot: martin wendel / der standard
Spotlight beherrscht neue Suchbegriffe, außerdem kann das Suchfenster nun beliebig positioniert und in der Höhe verändert werden.

Spürbar bessere Performance

OS X El Capitan soll jedoch nicht nur durch diese neuen Funktionen glänzen, sondern vor allem auch durch Verbesserungen unter der Haube. Und diese sind bereits in den frühen Betaversionen spürbar. Zwar läuft das System an der einen oder anderen Stelle noch etwas instabil, insgesamt ist die User-Experience für eine so frühe Betaversion aber beeindruckend. Selbst auf unserem etwas betagten Testgerät, einem MacBook Pro aus dem Jahr 2011, merken wir spürbare Performance-Verbesserungen. So flüssig wie unter OS X El Capitan waren Animationen wie bei Mission Control, beim Starten des Vollbildmodus oder selbst bei der Vergrößerung von Programmfenstern unter Yosemite definitiv nicht.

Metal für OS X

Auf aktuelleren Systemen könnte die Performance dank Metal, das auf allen Macs aus den Jahren 2012 und neuer angeboten wird, sogar noch besser ausfallen. Bei Metal handelt es sich um eine neue Grafikschnittstelle, die Apple bereits seit iOS 7 für seine Mobilgeräte anbietet. Mit OS X El Capitan wird sie auch den Weg auf dem Mac finden. In einem Interview stellte Apples Marketing-Chef Phil Schiller klar, dass Metal von großer Bedeutung für den Mac sei und die Auswirkungen für die Plattform signifikant wären. Neben grafiklastigen Anwendungen wie Spielen sollen auch Produktiv-Programme wie die Adobe-Creative-Suite davon profitieren.

Entwickler sind gefordert

Beurteilen lassen sich diese Aussagen freilich noch nicht. Dafür fehlen derzeit noch die Anwendungen, die wohl erst nach dem Start von OS X El Capitan im Herbst auftauchen werden. Dann wird sich zeigen, ob Entwickler die neue Grafikschnittstelle auch tatsächlich einsetzen und ob Grafikengines von Computerspielen dafür angepasst werden. Bei der Akkuleistung konnten wir im Vergleich zu OS X Yosemite beim neuen Betriebssystem übrigens keine Einschnitte feststellen.

Fazit

Die Vorzüge von OS X El Capitan liegen eher im Detail. Das neue Mac-Betriebssystem bietet weder große neue Funktionen, noch sieht es anders aus. Dafür läuft es selbst auf älterer Hardware flotter als der Vorgänger OS X Yosemite, und das bereits in den frühen Betaversionen. Ob die Änderungen nun tatsächlich einen großen Versionssprung rechtfertigen, sei mal dahingestellt. Dafür lässt sich derzeit auch kaum beurteilen, was Metal für den Mac tatsächlich bedeuten wird. Aber da Apple das Betriebssystem so wie die Vorgänger kostenlos anbieten wird, sind die Verbesserungen und neuen Funktionen gerne gesehen. OS X El Capitan wird im Herbst erscheinen, noch im Juli soll es eine öffentliche Betaversion geben. (Martin Wendel, 5.7.2015)

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