Kopf an Kopf zur Abstimmung

3. Juli 2015, 22:47
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Einen "Verrückten", der Griechenland in Brand setzte, nannten die Konservativen Premier Alexis Tsipras. Die Stimmung ist aufgeheizt

Athen/Brüssel/Wien – Die eine Hälfte sagt Nein, die andere Ja. So geht Griechenland in die Volksabstimmung über Europa und die Kreditgeber an diesem Sonntag. Die Umfragen können keinen Sieger voraussagen. "Das Schlimmste ist, dass das griechische Volk gespalten wird. Und dafür ist Alexis Tsipras verantwortlich", empört sich Makis, ein junger Arzt.

Die "Proeuropäer" wie Makis stehen vor dem Marmorstadion, die Neinsager auf dem Syntagma-Platz, die Entschlusslosen und Weder-noch-Wähler rief die Kommunistische Partei zum Omonia-Platz: In der Athener Innenstadt hat die Kampagne um die Volksabstimmung am Freitagabend mit Massenkundgebungen ihr erbittert umkämpftes Ende gefunden.

Einen "Verrückten", der Griechenland in Brand gesetzt habe, nannte Kostas Karagounis, der Sprecher der konservativen Oppositionspartei Nea Dimokratia, zuvor schon den linken Regierungschef Alexis Tsipras. "Grenzenlose Sparpolitik" komme, wenn am Sonntag das Ja gewinne, prophezeite der stets zurückhaltende Vizepremier Yanis Dragasakis im "roten Radio" Sto Kokkino.

Insolvent erklärt

Doch was zumindest das Lager der Ja-Wähler am meisten besorgt, ist der voraussichtlich knappe Ausgang des Referendums, auf das Europa blickt. "Wir brauchen ein starkes Ja, damit Tsipras versteht: Spieler müssen weg!", sagt Vassili, ein Ingenieur aus der Energiebranche. "Glauben Sie mir, ich war früher ein Linker, aber diese Typen sind keine Linken, das sind Spieler."

20.000 Menschen strömten am Freitagabend mit grünen und roten Ja-Fähnchen zur Abschlusskundgebung vor das Marmor-Stadion, wo 1896 die ersten olympischen Spiele der Neuzeit stattgefunden hatten. 25.000 sollen es auf dem Syntagma-Platz gewesen sein, wo Tsipras sein Nein zum Finanzabkommen mit den Gläubigern verteidigte. Im Gedächtnis der Nation ist immer noch der Bürgerkrieg von 1946 bis 1949 eingebrannt, der ganze Familien über Generationen hinweg in Linke und Rechte auseinandergerissen hatte.

Letzte Umfragen sagten um die 43 oder 45 Prozent für beide Lager voraus. In den Endspurt der Kampagne platzte am Freitag eine Nachricht aus Brüssel: Der Eurorettungsfonds erklärte Griechenland offiziell für insolvent.

Höchstgericht weist Klage ab

Die Abruptheit, mit der Griechenlands Regierungschef die Entscheidung für ein Referendum innerhalb nur einer Woche bekanntgegeben hatte, löste im In- wie im Ausland Kritik aus. Eine Farce und einen "Putsch" nennt die Opposition die Abstimmung, "absurd" sei die Fragestellung, kritisierte der konservative Expremier Antonis Samaras. Der Europarat rügte die Abstimmung als nicht dem Standard der Staatenorganisation entsprechend. Der Staatsrat, das Oberste Verwaltungsgericht, wies hingegen zwei Privatklagen gegen das Referendum ab. Der Weg für die Durchführung war damit frei.

Für Alexis Tsipras sieht es gleichwohl eng aus. Spekulationen über den Tag nach der Abstimmung nahmen zu, nachdem sich am Freitag die Regierungsspitze mit den Bankenvertretern und dem Gouverneur der Zentralbank getroffen hatte. Denn schon werden insbesondere kleine Euroscheine knapp im Land. Viele Griechen heben jeden Tag ihr Limit ab, Supermärkte, Restaurants und andere Geschäfte nehmen Bargeld entgegen – doch niemand trägt es zurück zur Bank.

Mögliches Tageslimit: 20 Euro

Bis zur offiziell für Dienstag geplanten Wiederöffnung seien die Geldinstitute noch liquid, so wurde die Chefin der griechischen Bankenunion zitiert; ob danach die Europäische Zentralbank einspringen muss, blieb offen. Ob die EZB das tut, hängt wohl auch vom Ausgang des Referendums ab. Gerüchte wurden laut, das Tageslimit am Automaten könnte gar auf 20 Euro begrenzt werden. Die größte Backwarenkette des Landes kündigte bereits an, sie werde ab Freitag jeweils abends nach 22 Uhr Brot an Bedürftige verteilen.

Finanzminister Yanis Varoufakis machte das Aufsperren der Banken am Freitag von einer Einigung mit den Gläubigern abhängig. Er wirbt wie Tsipras um ein Nein bei der Abstimmung und verlangte am Freitag erneut einen Schuldenschnitt um 30 Prozent, was umgehend abgelehnt wurde.

Nationalbank-Gouverneur und EZB-Rat Ewald Nowotny sieht die Position Athens bei einem Nein geschwächt. "Wir haben die ELA-Kredite diese Woche verlängert, aber nur bis Montag. Daher werden wir am Montag zu diskutieren haben, wie die Sache weitergeht." Vom Markt seien die Geldhäuser aber abgeschnitten. (Markus Bernath, Luise Ungerboeck, 3.7.2015)

  • Anhänger der kommunistischen Partei Griechenlands gingen am Freitagnachmittag auf die Straße. Sie sind strikt gegen ein neues Sparpaket.
    ap / petros karadjias

    Anhänger der kommunistischen Partei Griechenlands gingen am Freitagnachmittag auf die Straße. Sie sind strikt gegen ein neues Sparpaket.

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