Der lange Schatten der Nuklearforschung

Reportage4. Juli 2015, 10:10
367 Postings

In Seibersdorf werden die versteckten Kosten der Kernenergie sichtbar. 170 Millionen Euro kosten Abbau und Lagerung bis 2035.

Seibersdorf – Der sogenannte Bunker ist gut versteckt. Dass unter dem silbrig-grauen Funktionsgebäude aus Stahl und Beton in einem etwas abgelegenen Teil des Forschungszentrums Seibersdorf für die nächsten zwanzig Jahre strahlende Fässer lagern, ist von außen nicht zu erkennen. Der Rasen ist neu angelegt, über ihn führt der Weg zum neuen Handhabungszentrum zur Entsorgung radioaktiven Mülls. Ihn kann nur beschreiten, wer im Eingangsgebäude eine Schleuse passiert hat.

"Alles für die Sicherheit", sagt Roman Beyerknecht. Der Geschäftsführer der Nuclear Engineering Seibersdorf (NES), einer Tochter des staatlichen Forschungsriesen Austrian Institute of Technology (AIT), hat die Aufgabe, jene Reste und Abfälle zu entsorgen, die von Österreichs Ausflug in die Nuklearforschung ab Ende der 1950er-Jahre übriggeblieben sind. Wiewohl die Brennstäbe des Versuchsreaktors bereits Mitte der 1990er-Jahre abgebaut und in die USA verbracht wurden und in Seibersdorf längst keine Nuklearforschung mehr betrieben wird: Der Abfall hat noch immer eine strahlende Zukunft. Jeder Zentimeter Erde auf dem weitläufigen Gelände wurde umgegraben und dekontaminiert, jedes Gebäude, jedes Werkzeug, sämtliche Anlagen "dekommissioniert", also abgebaut, zerlegt, gereinigt zwecks Lagerung verpresst.

Alte Hülle als "Landmark"

Übrig ist nur mehr ein zylinderartiger Bau mit kreisrunder Grundfläche, der, wenngleich kleiner, an einen Gasometer erinnert. Diese Hülle ist die "Landmark" der NES, quasi ein Denkmal für eine strahlende Vergangenheit und die Millionen, die dieser Forschungszweig in Jahrzehnten noch verschlingen wird.

170 Millionen Euro hat die Republik Österreich an Rückstellungen gebildet, um die ordnungsgemäße Lagerung der gefährlichen Stoffe im meterdicken Beton des Bunkers bis 2035 zu gewährleisten. Weitere zehn Jahre können sie im NES-Zwischenlager für mittel- und niederradioaktive Stoffe in Seibersdorf bleiben, am 31. Dezember 2045 muss das letzte Fass aus dem NES-Bunker in eine Endlagerstätte verbracht sein. So sieht es die entsprechende EU-Strahlenschutzrichtlinie vor.

11.000 Fässer

Derzeit sind 11.000 Fässer gelagert, die Gesamtkapazität gibt Beyerknecht mit 15.000 an. Da trotz Atomausstiegs laufend neuer nuklear verseuchtes Material anfällt, nämlich in Krankenhäusern oder in der Industrie, das bei der NES in Seibersdorf entsorgt wird, wurde das sogenannte Handhabungszentrum seit 2009 um 68 Millionen Euro modernisiert (davon 45 Mio. Euro reine Investitionskosten) – inklusive einer Verbrennungsanlage mit mehr als 1000 Grad Celsius und diversen Filtern für die Abluft. Was danach an Radioaktivität übrig ist, findet sich in Asche, Flugasche (beim Aktivabwasser in Schlamm oder Schlacke, die getrocknet wird), die im neuen Handhabungszentrum weiter reduziert, in Stahlfässer verpackt und in der Hochdruckpresse mit 1500 Tonnen Presskraft so gestaucht wird, dass praktisch keine Luft oder Flüssigkeit mehr enthalten ist. "So wird der Platz im Fass optimal genützt und Korrosion praktisch ausgeschlossen", sagt Beyerknecht.

Spezialbehandlung notwendig

Diese Spezialbehandlung erfolgt in mehreren Schritten. Wer sich dem grün markierten Strahlungsbereich mit seinem Herzstück, der "Heißen Zelle", nähern will, muss neben den Schleusen am Eingang weitere Hindernisse überwinden: Vor jeder Tür steht eine Art Sitzbank; kniehoch, gerade hoch genug, um schwungvolles Eintreten unter Missachtung der Sicherheitsmechanismen zu unterbinden.

Was bei einem kurzen Aufenthalt – der STANDARD besichtigte die Anlage vor Beginn des Testbetriebs der Heißen Zelle, die noch heuer in Vollbetrieb gehen soll – kaum spürbar ist, dient dem Strahlenschutz: Im Gebäude erzeugen Pumpen Unterdruck, wälzen pro Stunde 120.000 Kubikmeter Luft Richtung "Caissons", sodass bei einem Zwischenfall Aktivstoffe nicht nach außen fließen können.

Sensible Krankatze

Die von einen Meter dicken Betonmauern umgebene und mit Dreifach-Bleiglasscheiben abgeschirmte "Heiße Zelle" – sie wird das derzeitige Heißzellenlaboratorium mit acht alten Zellen ersetzen – erinnert an einen Operationssaal. Als OP-Personal fungiert die "Krankatze", sie hantiert mit Aktivstoffen und versenkt die Endprodukte in Beton und über Röhren ins Zwischenlager im Bunker. Gesteuert wird die Katze per Hand, aber von außen, weil selbst Kabel und Elektronik andauernde Strahlenbelastung nicht verkraften würden. Echte Schwerarbeit wird hingegen in den beiden "Caissons" erledigt. In diesen Stahlkisten wird verseuchtes Material von Hand zerlegt, geschreddert, gewaschen und dekontaminiert. (Luise Ungerboeck, 3.7.2015)

  • Sind Aktivstoffe reduziert und in Beton gegossen, kann sie die "Krankatze in der "Heißen Zelle" ins Zwischenlager versenken
    foto: ait forschungszentrum seibersdorf

    Sind Aktivstoffe reduziert und in Beton gegossen, kann sie die "Krankatze in der "Heißen Zelle" ins Zwischenlager versenken

Share if you care.