Griechenland: Die Post-Krisen-Unternehmer

4. Juli 2015, 09:00
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Im Athener Altstadtviertel Psiri liegt der "Impact Hub", ein Haus für junge Geschäftsleute mit sozialem Anspruch

Sie nennt es den "big switch", den großen Wandel. Den Schalter, den die Leute umlegen, hier in Athen wie in Barcelona, wo sie eigentlich die meiste Zeit lebt. Die Leute mögen "upcycling", sagt sie.

Draußen vor dem Haus in Psiri, dem Athener Altstadtviertel, wo Nada mit ihrer Schwester Neda gerade Lampenschirme aus den Speichen von Fahrradrädern biegt, stehen die Zeichen eher auf "downcycling". Ein Land entsorgt sich selbst. "NEIN" steht in großen Buchstaben auf Plakaten. Sonntag ist Referendumstag: für oder gegen die Kreditgeber. Männer streiten an Straßenecken. Es geht um Tsipras und die Schulden und die Europäer, die ihren Stiefel in den Nacken der Griechen gesetzt haben. So sieht das zumindest ein großer Teil der Menschen hier.

Nada und Neda aber schwimmen auf der Krise wie drei Dutzend andere junge Unternehmer in dem großen alten Bürgerhaus in Psiri. "Die Krise wirkt sich auf das Geschäft aus, natürlich", sagt Nada, eine 36-jährige Architektin und Designerin. "Aber es gibt mehr und mehr Unternehmen und Privatleute, die lokal Produziertes wollen, neu Hergestelltes aus altem Material, ein eigenes Design. Wenn alle nur zu den großen Ketten gehen, dann schaut jeder gleich aus, isst das Gleiche. Am Ende langweilst du dich mit dir selbst."

Die Zwillinge aus Mazedonien machen aus Müll neues Interieur. Lampenschirme aus Fahrradteilen eben, einen Ausstellungsstand für ein Unternehmen bei der Mobiltelefonmesse in Barcelona, einen Wagen zum Servieren von Wasserpfeifen in Restaurants. Ihr dreisitziges Sofa, das einmal ein Kühlschrank war, nennen sie "ménage à trois". Ihr Unternehmen Transfodesign zählt auch nur drei Köpfe: Nada Tozija und ihr Mann in Barcelona, Neda Tozija, die Marketingfrau, in Athen. Zwei Städte, zwei Länder, dieselbe Krise.

Gründung im Nullpunktjahr

Griechenland ist isoliert? Nicht hier in Athens Impact Hub in Psiri, einer Anlaufstelle für "Sozialunternehmer" – Büro, Werkstatt und Workshop in einem. Acht dieser Unternehmerdrehscheiben gibt es derzeit in der EU, eine auch in Wien. Dimitris Kokkinakis war dort zwei Jahre beschäftigt, bevor er 2013 zusammen mit seiner Freundin Sophie Lamprou den Impact Hub in Athen gründete. 2013 war das Jahr des Nullpunkts, so dachte man damals wenigstens: Griechenland hatte den Boden der Krise erreicht, hieß es, von nun an sollte es langsam aufwärts gehen. Tatsächlich stieg die 27-Prozen-Arbeitslosigkeit nicht mehr weiter an, Griechenland hatte zur Zufriedenheit seiner Geldgeber erstmals einen Budgetüberschuss zusammengespart. Heute, zwei Jahre später, scheint alles verspielt.

In einem Land, in dem alles wackelt – die Politik, die Wirtschaft, das soziale Gefüge -, müssen neue Werte gesetzt werden, sagt Sophie Lamprou. Sie spricht von "sozialem Aktivismus" und der Verbindung mit unternehmerischer Tätigkeit, vom "scaling-up", der Ausweitung einer Geschäftsidee über Griechenland hinaus, von Verantwortung und Dauerhaftigkeit. "Wir brauchen das, um die Fehler unseres Systems zu beheben."

"Ein krankes Umfeld, völlig populistisch, von unseren Politikern in den letzten 30, 40 Jahren geschaffen", so nennt es Alexandros Trinis. "Hoffentlich stimmen die Leute am Sonntag mit Ja, und dann stehen wir zusammen und schaffen etwas Positives", sagt er und scheint es auch durchaus zu glauben. Alexandros managt "Welcome Pickups", einen Wohlfühlservice für Touristen, die am Athener Flughafen landen und dann Fahrer, SIM-Karte und ein Begrüßungssackerl mit Stadtplan und Snack bekommen. "Immer übermäßig besorgt sein bringt nichts. Man muss klar denken", sagt der 31-jährige Grieche: "Krisen sind eine der normalsten Sache, wenn man ein Start-up-Unternehmen gründet."

Moderne Karawanserei

Eine Oase der glücklich Abgeschiedenen inmitten der Athener Pleitewelt ist der Impact Hub ohnehin nicht, eher schon eine moderne Karawanserei für junge Unternehmer: Lambrou und Kokkinakis haben eines der Häuser des deutschen Architekten Ernst Ziller gemietet, der zusammen mit Theophil Hansen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das neoklassizistische Gesicht der Stadt schufen. Das Haus in der Karaiskaki-Straße in Psiri, ein großer quadratischer Bau mit Hof, ist immer noch im Besitz derselben Familie, für die Ziller es entwarf.

Die Woche, in der Griechenlands Banken schließen und das Land einem Volksentscheid entgegentaumelt, der nur mehr weitere Fragen aufwerfen könnte, geht nicht spurlos an den Leuten im Impact Hub vorbei. Doch ganz anders als bei den Kundgebungen der "Pro-Europäer" und der "Nein-Sager" zu den Kreditgebern auf dem Syntagma-Platz ist nichts von Wut und Drama zu spüren, weit mehr eine gewisse Abgeklärtheit: Diese jungen Griechen haben auf ihre Weise mit der Krise schon abgeschlossen.

"Ich fühle mich unsicher und optimistisch zugleich", sagt Dora Thanopoulou, Mitbegründerin von Logou Paignon – "Sprachfigur" -, einem Unternehmen, das interaktiven Unterricht für Jugendliche anbietet; Schulen oder andere Behörden und Verbände kaufen diese Art von Unterrichtsveranstaltungen ein. "Egal, wie das Referendum ausgeht, allein schon der Akt, dass wir, das Volk, direkt gefragt werden, ist etwas Besonderes. Das ist seit dem Sturz der Junta 1974 nicht mehr geschehen."

"Euro-Ausstieg irrational"

Freunde oder nur zufällige Bekannte auf der Straße setzen sich hin und führen in diesen Tagen erstmals eine Diskussion mit Argumenten über den Euro, den Platz in Europa, die notwendigen Reformen, sagt Dora. "Ich gehöre zu denen, die den Ausstieg aus der Eurozone für irrational halten", erklärt die junge Bildungsunternehmerin. Aber sie sieht über den Politik- und Wirtschaftsstreit in Griechenland hinaus: "Der Wandel findet sowieso schon statt. Wir bewegen uns zum Sozialunternehmertum, wir achten auf ökologische Bilanzen, auf Selbstverwaltung."

Kann man auch leben vom neuen jungen Unternehmertum? Alexandros und seine Kollegen investieren noch in Welcome Pickups. Bei Nada und Neda laufen mittlerweile Aufträge für Interieurs ein; "mehr und mehr", sagen sie. Für Dora und ihre Geschäftspartner Elena Lamprou und den Lehrer und Kinderbuchautor Panayotis Tsirides bleiben unterm Strich derzeit nur wenige hundert Euro im Monat übrig. Sie arbeiten nebenbei noch in anderen Jobs. Irini Kareta wiederum kommt ganz gut zurecht. Die 32-Jährige managt gemeinsam mit einer Kollegin Faire Trade Hellas, eine Non-Profit-Organisation, die unter dem Dach einer italienischen Vereinigung steht. Sie vertreibt fair gehandelten Kaffee und Reis in den Geschäften einiger Athener Viertel und gibt Unterricht in "ethischen Konsum". Griechenland müsse sich natürlich ändern, sagt Irini, "ich hätte aber gern ein Europa der Solidarität, nicht eines, das manche Mitglieder wie Kolonien behandelt. Die Finanzen, so sieht man jetzt, sind das Hauptverbindungsstück in Europa."

Irinis ganzes Büro ist der Laptop, wie bei den meisten anderen im Impact Hub. Die Sozialunternehmer zahlen ihren Beitrag für das Haus und die Workshops, die ständig in einem der Stockwerke laufen. Für Griechenland, in dem Familienunternehmen das Rückgrat des Unternehmertums sind, ist das alles eine Revolution. "Bewegung ist die natürliche Situation", sagt Irini, "nicht Stabilität." (Markus Bernath, 4.7.2015)

  • "Upcycling" mit Fahrradschrott: Nada (li.) und Neda Tozija stellen Möbel und andere Innenausstattung her. "Frauen sind vielleicht mutiger, Neues anzufangen", sagen sie über das Leben in Griechenland.
    foto: markus bernath

    "Upcycling" mit Fahrradschrott: Nada (li.) und Neda Tozija stellen Möbel und andere Innenausstattung her. "Frauen sind vielleicht mutiger, Neues anzufangen", sagen sie über das Leben in Griechenland.

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