"Der Stoff, aus dem Hollywood-Filme sind"

Interview3. Juli 2015, 17:31
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Die Fahrervereinigung bat Fans der Formel 1 zur Umfrage. Das Ergebnis fiel ernüchternd aus. Der Vorsitzende Alexander Wurz sieht trotzdem keine große Krise

Wien – Fans aus aller Welt haben in einer von der Fahrervereinigung GPDA lancierten Umfrage ihre Meinung zur Formel 1 kundgetan. Die Motorsportserie wurde von 217.000 Teilnehmern mit den Attributen "teuer", "technologisch" und "langweilig" verbunden. Der GPDA-Vorsitzende Alexander Wurz fällt deshalb nicht vom Sessel.

STANDARD: Vor dem Grand Prix in Silverstone wurde es quasi amtlich, die Formel 1 ist teuer und fad. Kann man den Fans widersprechen?

Wurz: Der Befragung gingen zwei langweilige Rennen voraus, das hat sicher Einfluss gehabt. Widersprechen sollte man aber nicht. Es gilt vielmehr, die Daten zu analysieren und die Ergebnisse den Entscheidungsträgern vorzulegen.

STANDARD: Gibt es denn ausreichend Handlungsspielraum für entscheidende Verbesserungen?

Wurz: Einige Maßnahmen sind gewiss realisierbar. Man wird aber nicht das ganze Geschäftsmodell über den Haufen werfen können.

STANDARD: Der geneigte Beobachter ist vom Ergebnis der Umfrage nicht gerade überrascht. Sind Sie es?

Wurz: Ich bin es auch nicht, wir haben mit einer kritischen Einschätzung gerechnet. Die Annahme alleine ist aber zu wenig, wir brauchen es schwarz auf weiß. Auch um ein Profil des Fans zu erstellen, um uns die Wünsche und Erwartungen im Detail anzusehen.

STANDARD: Die Motorsportfreunde erwarten einen spannenden Wettkampf. Wird die Formel 1 dieser Mindestanforderung gerecht?

Wurz: Nicht im gewünschten Ausmaß, der Sport hat sich zu weit vom Optimalzustand entfernt. Es braucht heldenhafte Fahrer, die sich Rad-an-Rad-Kämpfe liefern. Solche Duelle haben die Fans in den vergangenen Jahren vermisst.

STANDARD: Fehlen auch die Fahrer, die man als Typen bezeichnet?

Wurz: Es gibt sie schon noch. Kimi Räikkönen zum Beispiel. Er redet zwar nicht viel, wenn er aber etwas sagt, ist er so, wie er ist. Auch Fernando Alonso ist ein authentischer Typ. Solche Fahrer kommen beim Publikum gut an. Zu korrekte Typen bewegen nicht.

STANDARD: Die Allzeithelden der Fans heißen aber Senna, Schumacher und Prost. Wo bleibt die neue Generation?

Wurz: Die kommt später. Experten haben uns bereits im Vorfeld gesagt, dass bei solchen Fragen eher zu alten Zeiten tendiert wird.

STANDARD: Senna wurde nach dem Rennen schweißgebadet aus dem Cockpit gehoben. Heute springen die Fahrer aus dem Auto, als wäre nichts gewesen. Selbst im Paddock hört man Stimmen, die Boliden seien zu einfach zu pilotieren.

Wurz: Das entspricht nicht der Wahrheit. Diese Behauptungen sind ärgerlich, vor allem da sie im F1-Tross selbst aufgebracht wurden. Das dringt nach außen und alle glauben es. Die Boliden sind extrem komplex, erfordern am Limit allerhöchste Fahrkunst. Nur körperlich ist es tatsächlich einfacher geworden, die Fliehkräfte in den Kurven wurden reduziert, der Nacken wird weniger belastet.

STANDARD: Trauern die Fans traditionell alten Zeiten hinterher?

Wurz: Das weiß ich nicht. Aber vor zehn Jahren hieß es auch, dass die Formel 1 zu langweilig sei, dass es keine Überholmanöver gäbe. Jetzt hören wir, dass damals alles super war. Die Boliden der 2000er Jahre wurden sogar zu den schönsten aller Zeiten gewählt.

STANDARD: Einst gab es einen Konsens: Die Formel 1 ist die Königsklasse des Motorsports. Selbst das wird mittlerweile infrage gestellt. Laut Umfrage, wohlgemerkt unter Fans, bestätigen dies nur noch sechzig Prozent. Da müssen doch sämtliche Alarmglocken schrillen.

Wurz: Die Formel 1 ist nach wie vor die Königklasse, das steht außer Zweifel. Die Zahlen belegen das, die Reichweiten sind unübertroffen. Zuerst kommt die Formel 1, dann lange nichts. Le Mans und Indianapolis haben gute Quoten, das sind aber Einzelereignisse, nicht zu vergleichen.

STANDARD: Die Zahlen sagen aber auch, dass die Quoten sinken. Wie tief ist also die Krise der Formel 1?

Wurz: Es ist keine dramatische Krise. Die Formel 1 hat ja noch immer sehr tolle Einschaltquoten. Nur ist man in einigen Ländern auf Pay-TV umgestiegen. Das mag zwar die Einnahmen optimieren, schmälert aber die Reichweite. Da muss man sich schon auch die Sinnfrage stellen.

STANDARD: Sicherheit wird großgeschrieben, Umweltschutz ist ein Thema, fahrerlose Autos sind im Kommen. Ist die Formel 1 überhaupt noch zeitgemäß?

Wurz: Davon bin voll überzeugt. Es gibt Menschen und Maschinen, es gibt Gefahren und Dramen. Das ist der Stoff, aus dem Hollywood-Filme sind, das geht immer. (Philip Bauer, 3.7.2015)

Alexander Wurz (41) nahm zwischen 1997 und 2007 an 69 GPs teil. Der Niederösterreicher fuhr für Benetton, McLaren und Williams. 1996 und 2009 gewann er den 24-Stunden-Klassiker von Le Mans.

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Ein großer Denkzettel für die Formel 1: Die Königklasse hat sich einen Ruf erarbeitet: Sie ist teuer und langweilig, geht aus einer Umfrage unter 217.000 Fans hervor

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Die Ergebnisse der Umfrage im Detail

  • Alexander Wurz will nicht schwarzmalen: "Es ist keine dramatische Krise. Die Formel 1 hat ja noch immer sehr tolle Einschaltquoten."
    foto: apa/epa/scheriau

    Alexander Wurz will nicht schwarzmalen: "Es ist keine dramatische Krise. Die Formel 1 hat ja noch immer sehr tolle Einschaltquoten."

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