To do-Liste: Heute "Hassen", am Sonntag Preise

3. Juli 2015, 17:15
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Perspektiven auf das Heute beim Ingeborg-Bachmannpreis. Der zweite Lesetag in Klagenfurt

Klagenfurt – Nachdem am Donnerstag Familie und Beziehungen dominierten, stand der zweite Lesevormittag im Zeichen sozialer und moralischer Fragen. Mit mäßigem Erfolg.

Peter Truschner, in Berlin lebender Klagenfurter, etwa schaffte es in seinem Text RTL-Reptil nicht, den "riesigen Floskelhaufen" (Klaus Kastberger), der jenen ausmachte, abzutragen. Den Assi- und Trash-TV-Sprech, den er als Versatzstücke gebrauchte, stilbildend einzusetzen, gelang ihm nicht. Zwischen "Allmachtsfantasien und Ohnmacht" (Stefan Gmünder), missionarischer Kritik und plakativer Moral überschlugen sich Reiz- und Signalworte poesielos und hohl bei ermüdend kalkulierter Provokation.

Sozial und Moral

Die experimentelle Parabel über Schreckensregime und Krieg der Wienerin Falkner erschien Meike Feßmann dann "ergebnislos" und hat für Hildegard Keller "gar nicht funktioniert". Über der Diskussion der Manifesthaftigkeit ihres Manifests blieb manches wie das wiederkehrende Motiv des Kirschenessens leider unerforscht.

Auch Tim Krohn, der mit seiner Adam-und-Eva-Geschichte Zum Paradies die großen Fragen stellen wollte, drang nicht zu jenen durch. Für Juri Steiner enthielt seine Rehjagd "alles, was die Menschheit ausmacht" – für Kastberger allerdings "auf dem Reflexionsniveau einer 6-Jährigen". "Auf groteske Weise misslungen, weil er es sich zu einfach macht", urteilte Hubert Winkels über den übereinstimmend attestierten Kinderbuchstil.

Preisfähig?

Waren am Vormittag die Fragen zu groß und die Mittel mitunter zu dürftig, brachte der Nachmittag mit Monique Schwitter einen unaufdringlich einnehmenden Text über späte zweite Lieben, Demenz, den Umgang damit und Partnerschaft. "Kein psychologischer Überschuss" (Winkels), "produktive Leerstellen" (Gmünder), "beiläufig und komplex" (Keller) lobte die Jury. Gut! Aber gut genug für den Hauptpreis, der bisher mangels konsensfähiger Konkurrenz in Fritschs Hand scheint?

Bissig dann der Vortrag Ronja von Rönnes. Bei der Jury konnte die Berlinerin mit ihrer Skizze einer sich zynisch und hassend (so der Eintrag in ihrer To do-Liste) gegen Medien- und Erfolgsgesellschaft zur Wehr setzenden jungen Frau auf der Suche nach Sinn, Struktur und einem Platz nur bedingt punkten. Bewusst Pose, bewusst Trash, bewusst provokant ist ihr Text zwar äußert heutig und daher "mit Ablaufdatum" (Gmünder) zu lesen, bis dahin aber unmittelbar wuchtig. Dass es solche Coming of Age-Geschichten schon seit den 80ern gibt, darf man der 23-Jährigen nicht wirklich vorwerfen!

Der letzte Lesetag wartet mit Jürg Halter, den Österreicherinnen Anna Baar und Teresa Präauer sowie Dana Grigorcea auf. Die vier Preise im Gesamtwert von 49.500 Euro werden am Sonntag vergeben. (Michael Wurmitzer, 3.7.2015)

  • Ronja von Rönne bei ihrer Lesung in Klagenfurt. Das Kleid mit unschuldigem Bubikragen täuscht.
    foto: orf/johannes puch

    Ronja von Rönne bei ihrer Lesung in Klagenfurt. Das Kleid mit unschuldigem Bubikragen täuscht.

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