Dalai Lama: Pekings Furcht vor einem Halbgott

Analyse5. Juli 2015, 09:00
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Der Dalai Lama wird 80. Peking schenkt sich alle Glückwünsche. Dort wartet man schon auf seine Wiedergeburt und will einen neuen Dalai Lama unter Chinas Fittiche nehmen

Im zweiten Stock des Pekinger Außenministeriums, wo Pressekonferenzen abgehalten werden, liegen im Vorraum Broschüren zum Mitnehmen aus. Darunter passt ein in mehrere Sprachen übersetztes Buch nicht recht ins politische Sortiment. Unter dem Titel "Die Reinkarnation des Dalai Lama" erklärt der Tibetologe Chen Qingying die religiösen Rituale, nach denen seit 500 Jahren die Wiedergeburt des geistlichen Oberhaupts der Buddhisten in Tibet vonstattenging. Er nennt 14 Reinkarnationen bis zum heutigen, 14. Dalai Lama und Friedensnobelpreisträger. Am 6. Juli wird dieser 80 Jahre alt.

Das Buch ist wichtig, weil Chen herausfand, dass die Zentralregierung schon bei der Wiedergeburt des fünften Dalai Lama (1617 bis 1682) die Genehmigungsaufsicht führte. Der Kaiserhof erteilte seinen Segen. In Erbfolge meldete nun ausgerechnet Chinas atheistische Partei ihren Anspruch an, bei Reinkarnationen das letzte Wort zu haben.

Die Kommunisten wollen fromme Schiedsrichter sein, wenn es um die Suche nach dem Seelenkind und Nachfolger des heutigen Dalai Lama geht, mit dem sie auf Kriegsfuß stehen. Nach dem missglückten Aufstand der Tibeter gegen Chinas Oberherrschaft 1959 floh er aus Lhasa in den indischen Exilsitz Dharamsala. Seit Mao Tse-tung versprechen alle KP-Führer, ihre Tür für seine Rückkehr nach Tibet offen zu halten. In Wirklichkeit haben sie sie längst zugeschlagen. Neun Treffen von Vertretern Pekings mit Emissären des Dalai Lama verliefen annäherungslos, bis Peking sie 2010 ganz beendete.

Unabhängigkeitsmantra

Es sei wie bei einem "buddhistischen Mantra", sagte der Dalai Lama einmal. Je öfter er Peking vorbete, dass er keine Unabhängigkeit, sondern "wirkliche Autonomie" für Tibet wolle, desto öfter beteten die chinesischen Führer nach, dass er das Gegenteil meine. Er strebe nach einem Großtibet, um China zu spalten. Als er 2011 die politische Verantwortung für die Exilregierung abgab und aller weltlichen Macht entsagte, nannte Peking das einen besonders durchtriebenen Schachzug.

Mit Kampagnen und brutaler Unterdrückung gingen Chinas Behörden gegen die tiefgläubigen Tibeter vor. Tausende Klöster wurden zerstört. Im als Buch erschienenen aktuellen Interview "Der Appell" mit dem Publizisten Franz Alt sagt der Dalai Lama, er befürchte, dass "zwischen 1950 und 1983 1,2 Millionen Tibeter ums Leben gekommen sind". Heute "gibt es über 2000 politische Gefangene in Tibet".

Im ebenfalls neu erschienenen chinesischen Buch "Dalai Lama – Das Exilleben eines Spalters" gibt der Tibet-Experte Zhiyunbianji von der Pekinger Universität einen Einblick, wie tief die Ängste bei der chinesischen Führung sitzen, dass der Dalai Lama in Tibet eine Protestbewegung lostreten könnte, wie sie anderswo viele Regime zu Fall brachten. Er nennt den iranischen Ayatollah Khomeini, der nur als spiritueller Führer die Islamische Revolution auslöste, oder die tunesische Jasminrevolution bis zur irrationalen Welle der bisher mehr als 137 Protest-Selbstverbrennungen. Doch der Autor rät auch immerhin der Pekinger Führung, mehr Respekt vor dem Dalai Lama als religiösem Führer zu zeigen, der er nun einmal sei. Die Lage in Tibet sei "mit den Ländern mit farbigen Revolutionen" nicht zu vergleichen. Ein Dialog sei vonnöten.

USA-Besuch

Davon will Peking nichts wissen. Die Schimpfkanonaden reißen nicht ab, während weltweit der Geburtstag gefeiert wird. Den 6. Juli wird der Dalai Lama in den USA verbringen, als Teil einer Auslandstour, die ihn auch nach Frankfurt führen wird.

Vor Beginn seiner Reise forderten US-Abgeordnete Peking in einer Resolution auf, damit aufzuhören, die Reinkarnation manipulieren zu wollen. Wie sie sich tatsächlich einmischt, führte Chinas Regierung bei der Suche nach dem "Seelenkind" für den Panchen Lama vor, den zweithöchsten Religionsführer im tibetischen Buddhismus. Hohe Geistliche hatten im April 1995 nach dem Tod des 10. Panchen Lama 1989 sein "Seelenkind" im sechsjährigen Gendun Choekyi Nyima gefunden. Per "Ferndiagnose" bestätigte der Dalai Lama von Indien aus die Wiedergeburt. Darauf erklärten Pekings Behörden die Wahl für ungültig, ließen den Jungen wenige Tage später verschleppen. Im November 1995 wurde der fünfjährige Gyaltsen Norbu als offizielle Wiedergeburt des elften Panchen Lama erkoren. Bis heute gaben die Behörden nicht bekannt, wo und wie der vom Dalai Lama bestätigte erste Junge lebt.

Suche nach dem Seelenkind

Der zweite Panchen Lama wurde in Peking zum Buddhisten erzogen und zog 2010 ins Beraterparlament ein. Sollte der jetzige Dalai Lama sterben, soll der Panchen Lama die Suchgruppe für sein Seelenkind leiten. Doch vergangenen März zeigte sich, dass der heute 25-Jährige nicht nur nach der Pfeife der Partei tanzt. Vor dem Beraterparlament hielt er eine aufmüpfige Rede, nannte Kontrollen und Personalquoten für die Klöster und Mönche in Tibet eine "Gefahr für die Ausübung der Religion". Offiziell durfte seine Rede nicht verbreitet werden.

Auch der Dalai Lama machte Pekings mit dem 80. Geburtstag verbundenen vorschnellen Hoffnungen, ihn bald beerben zu können, einen Strich durch die Rechnung. Augenzwinkernd sagte er Interviewer Franz Alt: "Ich habe geträumt, dass ich 113 Jahre werde. Mein Arzt sagt, 100 werde ich bestimmt."

Zugleich stellte er in seinen Gesprächen die Tradition der Reinkarnation infrage: Er könnte sich auch neue Formen vorstellen, ein außerhalb Chinas gefundenes Seelenkind, die Reinkarnation als Frau oder als Biene. Chinas Funktionäre waren außer sich. Der Dalai Lama vergehe sich am tibetischen Buddhismus. Über Reinkarnationen habe er "nichts zu entscheiden".

Doch der Dalai Lama hatte nur mit Schalk auf ihre grobe Einmischung in Tibets religiöse Zeremonien reagiert. Im Alt-Buch erklärte er, warum er von seiner Wiedergeburt als Biene sprach: "Ich esse zum Beispiel zu viele Süßigkeiten, sodass die Gefahr besteht, dass ich als Biene wiedergeboren werde." (Johnny Erling, 5.7.2015)

  • Massenphänomen Dalai Lama: Dem heute 80-Jährigen fliegen die Herzen der Menschen zu. Das ist China ein Dorn im Auge. Als er aller weltlichen Macht entsagte, hielt man das in Peking für "durchtrieben".
    foto: apa/epa/will oliver

    Massenphänomen Dalai Lama: Dem heute 80-Jährigen fliegen die Herzen der Menschen zu. Das ist China ein Dorn im Auge. Als er aller weltlichen Macht entsagte, hielt man das in Peking für "durchtrieben".

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