Chilly Gonzales: Es gibt Moll, Baby!

3. Juli 2015, 17:09
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Der große und großartige Klassikverehrer Chilly Gonzales beim Jazzfest Wien

Wien – Der Dandy, behütet von Morgenmantel und Hauspatscherln, hat sich pianistisch schon ein wenig echauffiert. Nun aber ergreift er Mikro und Wort, kommt zum Skandalösen – Gerechtigkeit für Brahms! Der hätte zu Unrecht als konservativ gegolten; Richard Wagner wäre über Brahms gestellt worden! Er jedoch schätze Brahms überaus, so Chilly Gonzales. Wagner hingegen war ein übler Kerl; Schreckliches hat der von sich gegeben!

Bevor er wegen dieser Ungerechtigkeit in der Staatsoper Herzprobleme verspürt, besänftigt Chilly sein Inneres mit dem dritten Satz der dritten Symphonie von Brahms. Das Thema des "Poco allegretto" wird ein bisschen zu Adagio, das aber macht die Sache in c-Moll nur noch trauriger, also beruhigender. Moll liebt Gonzales. Wegen Moll ist er Musiker geworden. Dieses Dunkle der beiden Grundfarben des Harmonischen ist auch bei "Happy Birthday" näher dran am Leben als helles Dur. Mit dem Kaiser Quartett stimmt Gonzales das Liedchen an. In Moll.

Mit Comedy aus den Untiefen der Schwermuts

Grundsätzlich gibt er den letzten Romantiker, den Pianisten, dessen Leben mitten in Tschaikowskis b-Moll-Konzert eingefroren wurde. Mit Comedy jedoch zieht er sich aus den Untiefen der Schwermut. Gonzales ist das und auch dessen Gegenteil. Er ist jener, der musikalisch Triviales in Künstlerpose präsentiert.

Er ist ebenso aber der Parodist, der klassische Künstlerposen verulkt. Er hämmert sich wild durch seine Lieder ohne Worte. Dann wieder mag er Riffs mit überhübschen Motiven verzieren. Das erinnert bisweilen an Minimal Music, an Eric Satie für Kinder, an einen verträumten Klavierbegleiter mitunter auch, dem entging, dass der Solist davongelaufen ist. Aber Chilly ist eine Kunstkategorie für sich. Also groß. Seine eklektische Musik zeigt auch: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner (von anderen geborgten) Teile.

Zudem ist da auch lustige Pädagogik, also bitte: Pizzicato demonstriere das Cello mit einem Quintmotiv. Das Tremolo erkläre die Bratsche, Flageolett die 2. Geige. Und "ricochet" heiße es, wenn die 1. Geige den Bogen auf Saiten fallen lässt. Con tutta la forza geht es dann ins nächste Stück, Applaus. (Ljubiša Tošic, 3.7.2015)

Veranstaltungshinweise

4.7.: Melody Gardot und Malia; 5.7.: Wainwright/Kirchschlager.

  • Rappt, spielt, tobt – Chilly Gonzales, der letzte Romantiker.
    foto: apa/pfarrhofer

    Rappt, spielt, tobt – Chilly Gonzales, der letzte Romantiker.

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