Schweizer "Tatort: Schutzlos": Ringen mit sich selbst

4. Juli 2015, 11:13
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Trotz der ungewöhnlichen Finsternis bleibt letztlich alles zu sauber

Reto Flückiger geht es nicht gut. Rattern, Rauschen, Rumoren im Kopf und Ratten, die es gar nicht gibt. "Der Stress", sagt der Doktor: "Lächeln hilft." Der Kommissar verzieht das Gesicht. Nicht lustig.

Überhaupt gibt es in diesem Schweizer Tatort eher keine Sicht auf blitzblanke Berggipfel und sattgrüne Wiesen – was gut ist. Ein Schwarzafrikaner wird ermordet, durch Luzern schleichen abgemagerte Junkies und verschwiegene Dealer. Ebi ist 16, als er aus Niger in die Schweiz kommt. Den Fragen der Asylbehörde antwortet er korrekt, beim Fotografieren lächelt er in die Kamera. Bitte nicht. "Und was ist der Grund für Ihren Antrag?", fragt der Beamte. Ebi schweigt.

Zwei Jahre später ist er ein anderer, verkehrt in abrissreifen Häusern, dealt und ist selbst süchtig. Das kann nicht gutgehen. Überfall, Schlag auf den Kopf, Stich in die Brust, ausgehaucht. Wer trägt die Verantwortung? Der Beamte im Migrationsamt, der das Gesetz zitiert? Das zynische System? Das Volk? "Wir haben die direkte Demokratie in unserem Land", sagt der Beamte. "Und wenn das Volk ein scharfes Asylgesetz will, dann müssen Sie sich beim Volk beschweren." Kein Wunder, dass einem da der Kopf dröhnt.

Grau-gelblich wälzt sich der Fall dem Ende zu, dazu kommen einige hoppertatschige Drehbucheinfälle. Völlig richtig ist, dass es hier keine Lösung geben kann. Aber trotz der für Schweizer Tatorte ungewöhnlichen Finsternis bleibt letztlich alles zu sauber. Das Ringen des Kommissars mit sich selbst, ein Mord, der auf soziale Missstände verweist, ein unsympathischer Vorgesetzter, Schreiduelle unter Kollegen: Das Tatort-Reißbrett kam hier einmal mehr zum Einsatz. (Doris Priesching, 4.7.2015)

  • Die Kommissare Franz Hofstetter (Andreas Krämer), Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) bei der drogenabhängigen Sascha (Mona Petri).
    foto: orf/ard/srf/daniel winkler

    Die Kommissare Franz Hofstetter (Andreas Krämer), Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) bei der drogenabhängigen Sascha (Mona Petri).

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