Heilpflanzen: "Da ist tatsächlich ein Schatz zu heben"

Interview4. Juli 2015, 12:00
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Die Heilkraft in der Natur ist noch lang nicht erforscht, sagt Mediziner Lukas Huber

Lukas Huber ist Mediziner und leitet das Institut für Zellbiologie an der Med-Uni Innsbruck. Darüber hinaus führt er das Kompetenzzentrum für personalisierte Medizin im Rahmen von Oncotyrol und des Austrian Drug Screening Institute (ADSI). Anlässlich einer STANDARD-Sommerserie beschreibt er die Rolle, die Heilpflanzen in der Medizin spielen – jetzt, und in Zukunft.

STANDARD: Die Heilkraft aus der Natur ist im Zeitalter der modernen Wirkstoffe wenig beachtet. Woher kommt Ihr Interesse?

Huber: Bei der Entwicklung von Medikamenten haben wir, was die chemischen Wirkstoffe betrifft, einen gewissen Plafond erreicht. Im Gegensatz dazu sind viele Wirkstoffe aus der Natur überhaupt noch nicht erforscht. Genau da setzen wir an. In der Natur liegt eine wahnsinnige, bislang unentdeckte Kraft.

STANDARD: Eine Vermutung?

Huber: Nein, wir setzen ja bereits Wirkstoffe aus der Natur als Medikamente ein, etwa in der Krebstherapie, wie die Spindelgifte aus Pflanzen als Chemotherapeutika. Das sind Substanzen, die die Zellteilung stören. Unser Ziel ist es, Wirkstoffe in der Natur zu finden, die entzündungsbeeinflussende und immunmodulierende Eigenschaften haben, um Stoffwechselerkrankungen zu behandeln.

STANDARD: Worin liegt die Herausforderung?

Huber: Zum einen in der Herstellung, was die Methoden zur Extraktion von Wirkstoffen betrifft. Das ist eine hohe Kunst, und Günther Bonn, unser analytischer Chemiker im Team, beherrscht sie. Zum anderen geht es aber auch darum, wie wir Wirkstoffe erforschen. Bei Pflanzenextrakten handelt es sich immer um ein Wirkstoffgemisch. Wirken sie gemeinsam? Was, wenn wir sie isolieren? Synthetisch nachbauen? Das sind Fragen, die uns beschäftigen.

STANDARD: Wie genau laufen Versuchsreihen ab?

Huber: Wir untersuchen die Extrakte mittels Massenspektronomie, um aktive Stoffe zu erkennen. Dann untersuchen wir, wie diese Wirkstoffgemische bzw. einzelne Wirkstoffe auf Gewebe wirken, etwa auf Fettzellen. Auch dafür haben wir die Infrastruktur, probieren sie auf unterschiedlichen Gewebsproben aus. Wir gehen systematisch vor und versuchen, menschliches Gewebe so gut wie möglich nachzuahmen.

STANDARD: Was ist das Ziel?

Huber: Die Erforschung der Interaktion von pflanzlichen Wirkstoffen und humanen Geweben auf Zellebene. Auf dieser Basis können wir Wirkspektren definieren.

STANDARD: Der bekannteste Wirkstoff ist Acetylsalicylsäure aus der Weidenrinde, bekannt als Aspirin ...

Huber: Das Einzigartige an der Acetylsalicylsäure ist, dass ihr Wirkspektrum so breit ist und sie ganz offensichtlich in viele Regulierungskreisläufe eingreift. Wir verstehen bis heute nicht genau, was alles im Körper passiert, wenn Aspirin im Spiel ist.

STANDARD: Wie funktioniert die Interaktion?

Huber: Wenn pflanzliche Wirkstoffe in den Blutkreislauf gelangen, dann diffundieren sie ins Gewebe, können Zellrezeptoren an- oder abschalten. Solche Kräfte machen sich die Menschen seit Jahrtausenden zunutze.

STANDARD: Was haben Sie im Visier?

Huber: Wir greifen auf den jahrtausendealten Erfahrungsschatz der traditionellen Medizin zurück. Farne, Efeu oder Rosskastanie sind bewährte Mittel. Es gibt viele unerforschte Pflanzen. Da ist tatsächlich ein Schatz zu heben.

STANDARD: Der Beweis für Wirksamkeit ist bei Medikamenten allerdings aufwendig und teuer. Wer zahlt das?

Huber: Wir machen Grundlagenforschung und haben Partner aus der Wirtschaft. Unsere Versuchsreihen laufen nach bewährten Standards. Und zwar verblindet. Ich weiß nie, welche Pflanzenwirkstoffe ich gerade teste. Es würde mich voreingenommen machen. Erst wenn alle Ergebnisse vorliegen, erfahre ich, welche Pflanzenwirkstoffe wir untersucht haben.

STANDARD: Und? Gibt es Erfolgspflanzen?

Huber: Natürlich, doch wie in der Entwicklung von Arzneimitteln generell kann ich erst davon sprechen, wenn Wirkstoffe auch patentiert sind.

STANDARD: Können Sie aber nicht trotzdem ein Beispiel für eine Pflanze nennen, die Sie in den letzten Jahren erstaunt hat?

Huber: Marine Substanzen, also Wirkstoffe aus dem Meer. Auf den Korallenriffen wachsen viele Pflanzen und Organismen, die sich gegen ganz unterschiedliche Feinde zur Wehr setzen können müssen.

STANDARD: Inwiefern ist das für Menschen relevant?

Huber: Wir sind von Viren und Bakterien umgeben, es ist ein ständiges Ringen um Gleichgewicht, auch in der Pflanzenwelt. Pflanzen haben eine Reihe antimikrobieller Schutzmechanismen, mit denen sie sich verteidigen. Wir Menschen haben ein Immunsystem, die Pflanzenwelt arbeitet mit Giften.

STANDARD: Werden Medikamente auch aus Giftpflanzen gewonnen?

Huber: Durchaus. Paracelsus wusste schon, dass es die Dosis ist, die das Gift macht. Insofern gibt es auch keine guten und schlechten Heilmittel aus der Natur, nur solche, die besser oder schlechter erforscht sind. Man muss allem gegenüber offen sein. (Karin Pollack, 4.7.2015)

  • Die Apotheke aus der Natur: Ein Küchen- und Heilkräutergarten gehörte früher zur Grundausstattung eines Haushalts.
    foto: picturedesk/baldrian

    Die Apotheke aus der Natur: Ein Küchen- und Heilkräutergarten gehörte früher zur Grundausstattung eines Haushalts.

  • Lukas Huber erforscht Pflanzen, evidenzbasiert.

    Lukas Huber erforscht Pflanzen, evidenzbasiert.

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