"Bild"-Kampagne zu Griechenland in der Kritik

3. Juli 2015, 14:43
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Springer-Zeitung startet ein "Referendum", ob Deutschland Griechenland weiter unterstützen soll – Journalistenverband ortet Agitation und "politische Show"

Berlin/Wien – Die monatelange Kampagne der "Bild"-Zeitung gegen Griechenland steuert auf einen Höhepunkt, oder eigentlich Tiefpunkt zu – je nach Sichtweise. Am Freitag forderte das Springer-Medium sowohl in der gedruckten Zeitung als auch online ihre Leser dazu auf, darüber abzustimmen, ob Deutschland Griechenland weiterhin mit Geld unterstützen soll. Die Frage lautet: "Sollen wir Griechenland mit weiteren Steuer-Milliarden unterstützen?" Und im Untertitel ist klar, welche Antwort sich die Zeitung erwartet: "Europa zahlt seit fünf Jahren für das bankrotte Griechenland! Insgesamt erhielt Athen rund 325 Milliarden Euro. Deutschlands Anteil daran: rund 88 Milliarden Euro!"

Chefredakteur Kai Diekmann sagt in dem neuen Video-Format "Daily" auf Bild.de, dass er damit rechne, dass die Leser mit Nein stimmen werden. Dies wäre dann auch ein Zeichen für die Mitglieder des Deutschen Bundestags, so Diekmann. Im Herbst müssen sie unter Umständen erneut über weitere Hilfszahlungen abstimmen. Auf Twitter verknüpfte Diekmann seinen Verbleib in Anlehnung an den griechischen Finanzminister mit einem Nein der Leser zum "Referendum" – so nennt es zumindest "Bild".

Für die "Bild"-Aktion erntet Diekmann harsche Kritik vom deutschen Journalistenverband. "Diekmann entfernt sich damit zum wiederholten Mal von seinem Auftrag als Journalist und macht selber Politik. Das ist nicht seine Aufgabe. Journalisten sollen Informationen anbieten, einordnen und erklären", sagt Michael Konken, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalistenverbandes in einer Aussendung. "Die Art und Weise wie die Zeitung seit Monaten versucht, vor und hinter der Grenzlinie zwischen Journalismus und politischer Aktion Stimmung zu machen, ist so nicht hinnehmbar".

Konken weiter: "Statt den Lesern in einer über Europa hinaus reichenden politischen Krise umfassende Informationen und Hintergründe zu liefern, wird hier eine politische Show inszeniert."

Bereits im Februar forderte der Journalistenverband die "Bild"-Zeitung zum Stopp einer Aktion auf. Die Zeitung rief ihre Leser dazu auf, sich zusammen mit der "Bild"-Schlagzeile "Nein – Keine weiteren Milliarden für die gierigen Griechen" zu fotografieren und das Selfie an die Redaktion zu senden. (red, 3.7.2015)

  • "Bild" am Freitag.
    foto: bild

    "Bild" am Freitag.

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