Emanzipation von oben

5. Juli 2015, 10:00
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Wie die Frauen den Postkommunismus überlebten und ihnen das Lachen trotzdem verging. Der Kampf um Gleichberechtigung im west-östlichen Systemvergleich

Die Geschlechterdemokratie ist ein essenzieller Teil der Demokratie schlechthin. Ohne Beteiligung der Frauen gibt es keine Demokratie, die diesen Namen auch verdient.

Es waren die banalen Alltagsdinge, die dem Kommunismus lange vor 1989 das Genick gebrochen hatten, und nicht die Sehnsucht nach Freiheit, Menschenrechten und Demokratie.

Als Europa vor kurzem den 25. Jahrestag des Untergangs des Totalitarismus in Osteuropa feierte, da wurde, merkwürdig genug, von einem Thema nicht oder nur sehr am Rande gesprochen: Wie hat sich dieser dramatische Wandel auf die Frauen ausgewirkt? Funktioniert das neue System, die Demokratie, für beide Geschlechter auf ein und dieselbe Weise?

Die Antwort ist nein, das tut es nicht. Selbst wenn die Frauen in Osteuropa heute (endlich) nicht mehr das Gefühl haben, einem einzigen Block anzugehören, so werden sie doch immer noch durch die gemeinsame Erfahrung des Kommunismus zusammengeschweißt, weil diese Erfahrung ihr Leben auch nach 1989 signifikant beeinflusst hat.

Ich persönlich habe den Kommunismus überlebt und konnte sogar über ihn lachen. Seither aber ist mir das Lachen oft vergangen. Zunächst natürlich, weil der Zerfall des alten Systems in Exjugoslawien in Kriegen mündete.

In anderen osteuropäischen Ländern verging den Leuten das Lachen, weil sich der Postkommunismus als etwas anderes entpuppte als das, was sie erträumt hatten. Unsere Welt mag heute aussehen wie ein Supermarkt voller Goodies, aber die meisten von uns müssen sich damit begnügen, von außen durchs Fenster auf diese Goodies zu schauen.

Emanzipationsgesetze als fester Bestandteil

1990, gleich nach dem Fall des Kommunismus, fuhr ich für Ms., eine feministische amerikanische Zeitschrift, durch Osteuropa. Ich fuhr nach Ungarn, Polen, Bulgarien, Rumänien und in die Tschechoslowakei, um das Leben der Frauen in meiner Weltgegend zu beschreiben – und natürlich konnte ich dabei auf meine eigenen Erfahrungen mit dem Kommunismus in Exjugoslawien zurückgreifen.

Was mich interessierte, war die Beziehung zwischen Politik und Alltagsleben. Hier war es so, dass die Frauen, die im System eine untergeordnete Stellung innehatten, die Hauptlast trugen. Sie arbeiteten in Fulltimejobs und mussten sich zugleich um die Kinder, die Alten und den Haushalt kümmern. Jede einzelne Frau, mit der ich gesprochen haben, gleichgültig ob in Ungarn oder Polen, der Tschechoslowakei oder Bulgarien, konnte mir genau erzählen, wodurch sie sich vom Kommunismus betrogen fühlte: von den Engpässen bei Lebensmitteln oder Wegwerfwindeln bis hin zum Mangel an Wohnungen oder Klopapier. Es waren diese banalen Alltagsdinge, die dem Kommunismus lange vor 1989 das Genick gebrochen hatten, und nicht, so leid es mir tut, die Sehnsucht der Menschen nach Freiheit, Menschenrechten und Demokratie.

Der Hauptunterschied zwischen dem Leben der Frauen unter dem Kommunismus und jenem in westlichen Demokratien war das, was ich "Emanzipation von oben" nenne. Emanzipationsgesetze waren fester Bestandteil des kommunistischen Rechtssystems. Sie garantierten Frauen alle grundlegenden Rechte – vom Wahlrecht bis zum Recht, Eigentum zu erwerben, von der Erziehung bis zur Scheidung, vom Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit bis zum Recht, über den eigenen Körper zu verfügen.

Workshop über hohe Stöckel

Die formale Gleichstellung der Frauen wurde in der kommunistischen Welt vor allem in der Öffentlichkeit und ihren Institutionen wahrgenommen. In der Privatsphäre herrschten die alten patriarchalen Gepflogenheiten. Es war nicht nur der Mangel an Freiheit – und Zeit -, der die Frauen davon abhielt, für einen gesellschaftlichen Wandel zu kämpfen, sondern mehr noch der Mangel an Glauben daran, dass ein solcher Wandel überhaupt nötig sei. Schließlich gab es da oben ja jemanden, der damit beschäftigt war, das Nachdenken für sie zu übernehmen.

Ein feministisches Bewusstsein gab es nicht. Weil Frauen ohnehin emanzipiert sind, gibt es keinen Bedarf an einer Diskussion über Frauenrechte, wurde argumentiert. Und jene, die die Frauen über ihre tatsächliche Situation aufzuklären versuchten, wurden als "verdächtige Elemente" gesehen und bezichtigt, "fremde, bourgeoise Ideen zu importieren".

Die erste Gruppe jugoslawischer Feministinnen, meist junge Studentinnen und Akademikerinnen, kam 1978 zu einer Konferenz in Belgrad zusammen, um an der Organisation von Frauennetzwerken zu arbeiten. Das Treffen muss ein Schock für unsere ausländischen Gäste gewesen sein – genauso wie es für uns ein Schock war. Nicht etwa wegen der radikalen Ideen von Betty Friedan und Germaine Greer, die kannten wir schon. Der Grund für den Schock war die Art und Weise, wie wir aussahen! Die meisten jugoslawischen Teilnehmerinnen kamen auf hohen Stöckelschuhen und mit eher heftigem Make-up daher, während die Feministinnen aus Deutschland, Frankreich und Italien überhaupt kein Make-up trugen, dafür flache Schuhe und Sackkleider. Es war so, als wollten sie alle Vorurteile bestätigen, die über sie im Umlauf waren. Es gab sogar einen Workshop über hohe Stöckel, so wichtig wurden Äußerlichkeiten in der feministischen Ideologie genommen.

"Ich bin keine Feministin, aber ..."

Wir versuchten, unseren Kolleginnen, unter ihnen Dacia Maraini, Alice Schwarzer und Hélène Cixous, zu sagen, dass Make-up wichtig für uns war, weil man es nur sehr schwer bekommen konnte. Später wurde uns klar, dass unsere Differenzen viel tiefer lagen als in Kleidungsfragen. Unsere Erfahrungen mit der "Emanzipation von oben" und ihr von unten ausgehender Graswurzelkampf kollidierten miteinander.

In den 80er-Jahren war es so, dass sich osteuropäische Frauen bei ihrem öffentlichen Auftreten mit dem Satz "Ich bin keine Feministin, aber ..." vorstellten. Dies taten sie natürlich aus Angst, dass man sich über sie lächerlich machen könnte. Sehr lange, auch nach 1989, wollten Frauen nicht als Feministinnen identifiziert werden, selbst dann, wenn sie es waren. Vorurteile gegen westliche und speziell US-Feministinnen wurden von der Presse verbreitet: Diese Männerhasserinnen waren nicht nur zu hässlich, um einen Mann zu finden, sondern sie verbrannten auch noch ihre BHs! Ich persönlich glaube, dass dieses BH-Verbrennen-"Argument" sich genau in jener Weltgegend am effektivsten auswirkte, wo es sehr schwer war, überhaupt einen guten BH zu finden.

Was hat nun 1989 zur Emanzipation der Frauen beigetragen? Vor kurzem verging mir das Lachen aus einem neuen Anlass: In meinem Land, Kroatien, dem neuesten, 29. Mitgliedsstaat der EU, ist die Abtreibung wieder ins Gerede gekommen. Das Recht der Frauen, selbst zu entscheiden, ob sie ein Kind zur Welt bringen wollen oder nicht, ist ein Grundpfeiler der Frauenemanzipation, und jeder Versuch, dieses Recht abzuschaffen oder einzuschränken, verweist sogleich auf eine Menge anderer Probleme in der politischen, sozialen, ökonomischen und rechtlichen Position der Frauen.

Ende 2014 meldeten Medien, dass immer mehr Gynäkologen in öffentlichen Spitälern in Kroatien sich weigern, abzutreiben. Nicht genug damit, dass ein Schwangerschaftsabbruch für die meisten Frauen eine qualvolle Entscheidung ist. Nicht genug damit, dass es sich um eine schmerzhafte Prozedur handelt, wenn man kein Extrageld bezahlen kann. In Kroatien riskieren Frauen, von einem Spital weggeschickt zu werden, nur um im nächsten draufzukommen, dass die Ärzte auch dort keine Abtreibungen machen.

Die jungen Frauen rührten sich nicht

Dies alles in einem Land, in dem Abtreibungen seit 1969 legal sind. Seit 1996 haben jedoch Ärzte, Krankenschwestern und Pharmazeuten das Recht, diese aus Gewissensgründen abzulehnen.

Im April 2015 gab es einen ähnlichen Versuch, die Wahlfreiheit der Frauen einzuschränken, diesmal indem der Verkauf der sogenannten "Pille danach" eingeschränkt wurde. Diese Pillen sind nach den Regeln der EU nicht verschreibungspflichtig. Der kroatische Gesundheitsminister erließ aber eine Fülle von Instruktionen an die Apotheker, wonach sie nur dann verkauft werden können, wenn die Frauen ein Formular mit einer Reihe intimer Fragen beantwortet haben, beginnend mit ihrer letzten Menstruation und abschließend mit dem Zeitpunkt, zu dem sie das letzte Mal Sex hatten. Das Ziel dieser entwürdigenden Prozedur, die oftmals in Gegenwart anderer Kunden am Verkaufstisch durchgeführt wird, ist es, die Frauen von der Verwendung der Pille abzubringen.

Sieht man einmal davon ab, dass hier ein säkularer Staat mit einer sozialistischen Regierung offenkundig unter dem Einfluss der katholischen Kirche agiert, so ist das wirklich Erstaunliche, dass sich Frauen zu dieser Sache so gut wie gar nicht zu Wort gemeldet haben. Es gab ein paar Ausnahmen, aber die Frauen, vor allem junge Frauen, die am meisten betroffen sind, rührten sich einfach nicht. Es gab keine Massenproteste, wie man erwarten hätte sollen, weder auf öffentlichen Plätzen noch in den sozialen Netzwerken. Warum hat die neue Generation der Frauen, die in ein demokratisches System hineingeboren wurden, nicht auf etwas reagiert, was nur als klare Einschränkung ihrer Rechte beschrieben werden kann?

Vielleicht verstehen sie gar nicht, dass eine derartig drastische Einschränkung ihrer Rechte sie überhaupt betrifft. Oder sind sie, wenn sie es verstehen, zur Ansicht gekommen, dass Abtreibung etwas ist, was sich in Kroatien heute einfach nicht gehört? Obwohl jüngsten Umfragen zufolge 51,2 Prozent der Studentinnen für die Wahlfreiheit der Frauen sind?

Unerwartete neue Einschränkungen

Kroatien ist ein Land, das stolz darauf ist, eine Präsidentin zu haben, was sich nach einem ansehnlichen Sieg für die Frauen anhört, als eine Widerlegung der gläsernen Decke in der Politik. Aber weibliche politische Führerschaft bedeutet nicht notwendigerweise eine Verbesserung der Situation der Frauen. Kolinda Grabar-Kitarovic wurde 1968 geboren. Sie wuchs im kommunistischen Jugoslawien auf, war daher nominell gleichberechtigt mit den Männern und hatte die Möglichkeit, sich persönlich zu emanzipieren. Historisch gesehen waren in Kroatien die meisten Frauen, wie in vielen anderen Feudalstaaten in Osteuropa, Analphabetinnen. Sie konnten weder Güter erben, sich scheiden lassen noch beschließen, dass sie keine Kinder haben wollten. Die Großmutter unserer Präsidentin, die vielleicht irgendwann Mitte der 1920er-Jahre geboren worden war, hätte von einer politischen Karriere nicht einmal träumen können, ehe sie von der kommunistischen Regierung 1945 das Wahlrecht zuerkannt bekam. Das war allerdings etwas, was die Präsidentin bei einer Uno-Frauenkonferenz in diesem März nicht erwähnte. Hätte sie es getan, hätte sie auch zugeben müssen, dass es eine kommunistische Erziehung war, die es ihr möglich gemacht hatte, die höchste politische Position im neuen, demokratischen Kroatien zu erreichen.

Von einer entrechteten Großmutter zu einer künftigen Präsidentin, die mit gleichen Rechten aufwuchs – das ist ein Beispiel für den Wandel, den der Kommunismus in sehr kurzer Zeit mit seiner Emanzipation von oben für die Frauen erreicht hat. Die jungen Frauen in den exkommunistischen Staaten genießen dieselben Vorteile dieser historischen Erbschaft, wie etwa das Recht, sich scheiden zu lassen, das Recht auf sexuelle Freiheit oder das Recht, mit jemandem in einer außerehelichen Beziehung zusammenzuleben. Wie ihre Mütter und Großmütter genießen sie zumindest formal die Rechte, für die Frauen in den westlichen Demokratien hart kämpfen mussten. Und aus einer anderen Perspektive betrachtet: Es war exakt diese Art der Emanzipation, die sie so passiv werden hat lassen.

Die 1989 wiedergewonnene Freiheit hat unerwartete neue Einschränkungen von ökonomischen, sozialen und Reproduktionsrechten mit sich gebracht. Frauen wurden hart von Kürzungen der öffentlichen Aufgaben getroffen und werden als mindere Arbeitnehmer behandelt. Mehr und mehr Frauen bleiben zu Hause und meiden die Politik und das öffentliche Leben, in der Überzeugung, dass das das Richtige sei.

Finanzkrise als gemeinsamer Nenner

Trotz alledem ist keine neue Frauenbewegung entstanden. Es gibt kein Gefühl für wechselseitige Interessen. Die Idee, dass Frauen Frauen unterstützen sollten, um gemeinsame Ziele zu erreichen, existiert nicht, ebenso wenig wie eine Vorstellung von kollektiver Solidarität. Frauen in Regierungspositionen erkennen Gender nicht als ein politisches Thema an. Der größte Hemmschuh für die politische Partizipation der Frauen ist womöglich nicht rechtlicher, sondern kultureller Natur.

Was in den vergangenen 25 Jahren in Westeuropa passiert ist, ist auch nicht ermutigend. Im Westen haben die Frauen jahrzehntelang in Graswurzelbewegungen und mit Massenprotesten für ihre Rechte gekämpft. Gewiss sind hart erkämpfte Privilegien dauerhafter als jene, die gönnerhaft über einen ausgeschüttet werden. Auch Frauen im Westen leiden unter mangelnden Jobchancen, Einkommensungleichheit, der gläsernen Decke und Statusverlust. Auch im Westen engagieren sich Frauen immer weniger in der Politik. Die Finanzkrise ist der gemeinsame Nenner. Sie hat ganz Europa und all seinen Bewohnern einen Schlag versetzt, ob in Ost oder West, ob Mann oder Frau.

Weshalb sollte man sich auf das Schicksal der Frauen konzentrieren, wenn auch die Männer ihr Fett abbekommen? Es stimmt: Jobverlust und der Verlust des sozialen Status bescheren Männern und ihrer Identität wirkliche Probleme. Aber während die Männer Probleme haben, finden sich die Frauen mit einer veritablen Krise konfrontiert: Die Jugendarbeitslosigkeit ist am höchsten unter Frauen; die Mehrheit der Menschen, die entlassen werden, sind Frauen, die Mehrheit derer, die krankheitshalber aus dem Arbeitsprozess herausfallen, die Mehrheit der Armen: Es sind alles Frauen.

Wir leben in einem ökonomischen System, das von den Prinzipien der Profitmaximierung und der Kostenminimierung beherrscht wird. Das ist ein Grund dafür, warum Frauen die Krise anders erleben als Männer: Frauen sind als Arbeitskräfte teurer, in erster Linie, weil sie Kinder bekommen können. Wenn sie sich entschließen, Mütter zu werden, sind sie auf die Hilfe der Gesellschaft in Form spezieller Zuwendungen angewiesen, wie etwa den Mutterschutzurlaub. Sie werden mit größerer Wahrscheinlichkeit Pflegeurlaub in Anspruch nehmen, um sich um kranke Kinder zu kümmern. In einem Wohlfahrtsstaat haben sie auch Anspruch auf andere Benefits, die für den Staat und für private Arbeitgeber kostspielig sind. Das Resultat ist, dass immer mehr Frauen in unsicheren Teilzeitjobs arbeiten, und viele entscheiden sich dafür, überhaupt keine Kinder zu kriegen.

Frauen, schuld am "Tod der Nation"

In kapitalistischen Gesellschaften wird das Kinderbekommen zunehmend als eine Sache der individuellen Verantwortung behandelt. Gleichzeitig warnen nicht nur Nationalisten davor, dass Europa aussterbe und wir mehr Kinder brauchen. Politische Führer in den verarmten exkommunistischen Staaten bezichtigen die Frauen, sie seien am "Tod der Nation" schuld. Was also gilt jetzt? Ist die Entscheidung einer Frau, ob sie Kinder bekommen will oder nicht, nur eine Privatsache oder eine Frage der Pflicht gegenüber der Gesellschaft?

Rumänien unter Ceausescu war das Beispiel einer kommunistischen Gesellschaft, die Frauen als Gebärmaschinen betrachtete. Abtreibung war verboten, und die Menstruation wurde mit engmaschigen Pflichtuntersuchungen überprüft. In vielen postkommunistischen Gesellschaften der Gegenwart haben Frauen nicht das Alleinverfügungsrecht über ihre Körper, weil diese als Mittel zum Zweck der gesellschaftlichen Reproduktion betrachtet werden. Trotzdem ist es so, dass die Staaten, je mehr sie die Reproduktion kontrollieren wollen, umso weniger Geld dafür ausgeben. Im Ergebnis kann das Grundrecht einer Frau auf freie Wahl jederzeit widerrufen werden. Einer der ersten Akte, den die erste demokratisch gewählte polnische Regierung setzte, war die Abschaffung des Abtreibungsrechts.

Seit der Einführung empfängnisverhütender Mittel ist Biologie kein Schicksal mehr. Die Frauen aber sollten nicht vergessen, dass eine sozioökonomische Krise jederzeit einen Backlash provozieren kann. Deshalb ist das Recht auf Abtreibung ein ganz elementares Recht, auf das wir mit Argusaugen aufzupassen haben.

Noch wichtiger scheint mir aber, dass Frauen verstehen müssen, dass ihre Rechte nur so weit reichen können wie ihre politischen Interessen. Frauen können nicht für ihre Rechte kämpfen, ohne sich dessen gewahr zu sein, dass es sich um einen wirklichen Kampf handelt, und ohne dass sie den prekären Status der Frauen und ihre speziellen Bedürfnisse artikulieren. Was würde passieren, wenn Frauen die Gefahren, die ihnen drohen, nicht einmal erkennen und dann auch kein Bedürfnis verspüren, für Gleichberechtigung zu kämpfen? Was, wenn sich die Werte so geändert haben, dass Frauen ihre untergeordente Position zunehmend normal finden?

Keine Demokratie ohne Frauen

In einer Folge der populären amerikanischen TV-Serie Good Wife will eine junge Angestellte einer Rechtsanwaltskanzlei ihren Arbeitsplatz verlassen, weil sie heiratet. Aber warum denn, fragt sie eine ältere Kollegin. Du bist gut, du solltest weiterarbeiten. Die zukünftige Braut aber antwortet: Vielleicht war es für deine Generation wichtig zu arbeiten, aber meine Generation hat es nicht nötig, sich zu beweisen.

Nun, sie hat unrecht. Beim Kampf der Frauen um Gleichberechtigung ist es nicht darum gegangen, sich selbst zu beweisen. Es ging darum sicherzustellen, dass andere Frauen nicht dieselbe Diskriminierung erleiden müssen wie man selbst.

Was für eine Strategie bleibt zu verfolgen? Wir sollten uns immer wieder vor Augen führen, dass in einer Demokratie die Bürger – und dieser Begriff schließt die Frauen mit ein – die Macht besitzen, Gesetze zu ändern. Geschlechterdemokratie ist ein essenzieller Teil der Demokratie schlechthin; ohne Beteiligung der Frauen gibt es keine Demokratie, die diesen Namen verdient. Das ist die Situation, in der wir uns heute befinden, und nicht nur in Osteuropa. Was wir daher brauchen, ist eine Emanzipation nach der Emanzipation, eine neue Emanzipation. (Slavenka Drakulic, aus dem Englischen, Christoph Winder, Album, 4./5.7.2015)

Slavenka Drakulic ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Kroatiens. Gekürzte Version eines Vortrags, den sie am 29. 5. beim Fellows-Meeting am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien gehalten hat. Volltext bei Eurozine (eurozine.com) und IWM (iwm.at). Foto: APA/Rastegar

  • Näherinnen in einer Textilfabrik in der polnischen Stadt Zyrardów (2002).
    foto: picturedesk.com

    Näherinnen in einer Textilfabrik in der polnischen Stadt Zyrardów (2002).

  • Straßenarbeiterinnen und Straßenarbeiter beim gemeinsamen Asphaltieren einer Straße in Budapest (1968).
    foto: der standard

    Straßenarbeiterinnen und Straßenarbeiter beim gemeinsamen Asphaltieren einer Straße in Budapest (1968).

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