Estland: Ein Land von Flieder und Kastanie

Fundstücke und Begegnungen einer Frühlingsreise in Estlands vielgestaltige Hauptstadt Tallinn und deren naturschöne Umgebung

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Reportage8. Juli 2015, 15:02

Estland ist das Land der Kastanie und des Flieders, zumindest wenn man im Juni dorthin reist. Dann blüht alles, und süßlicher Duft ist allgegenwärtig. Vielerorts ballen sich die violetten oder weißen Büsche zu regelrechten Wäldchen. Sehr schön harmoniert all das mit den ebenso zahlreich auftretenden Holzhäusern, die ihrerseits oft in bräunlichen, grünen oder blauen Farbtönen gehalten sind.

Die selbstverständliche Alltäglichkeit bar jeder Aufgehübschtheit macht die Schönheit dieser Gebäude aus. Sie werden benutzt und nicht vorgezeigt. Es sind in ihrer schlichten Zurückhaltung wahrhaft menschliche Häuser, typischerweise trennt ein zentrales Stiegenhaus aus Stein zwei identische hölzerne Flügel.

foto: robausch
Bissige Hunde haben in Estland zumindest lautmalerisch etwas für sich.

Im Tallinner Nordwesten formen sie den Charakter eines ganzen Viertels, Kalamaja, dem neben stalinistischen Einsprengseln en miniature auch eine kommunale Sauna nicht fehlt. Vorstädtisch und ein bisschen verstaubt fühlt es sich hier an, kaum zehn Minuten vom historischen Zentrum entfernt.

Hier begann vor hundert Jahren Tallinns Industrialisierung mit der Ansiedlung kleinerer und größerer Fabriken. Proletarisch geprägt und mit dem Ruch von Ärmlichkeit behaftet, schlummerte die so grüne und ruhige Ecke in Vergessenheit recht unbeschadet bis ins Heute. Dort angekommen, etablieren sich mittlerweile da und dort Hipster-Enklaven. Je weiter man sich stadtauswärts orientiert, etwa mit der Tram Nummer eins hinaus auf die ausfransende Halbinsel Kopli, desto mehr nimmt der Nostalgiefaktor ab. Das Russische wird häufiger, ebenso wie die Anzahl der Betrunkenen in den Grünanlagen.

Tallinns Bucht entlang

In unmittelbarer Nachbarschaft zur Unesco-prämierten Altstadt, Tallinns mittelalterlichem Verkaufsschlager, hat sich menschengemachtes Land zwischen die Stadt und die hier Westmeer genannte Ostsee geschoben. Es ist von Industrieüberbleibseln und Hafenbestand besetzt. Mehrspurige Straßenstränge formieren einen nur umständlich zu überwindenden Riegel. Man arbeitet an Attraktivierung und dem erleichterten Zugang zum Wasser.

Wie ein angeschwemmtes Urtier liegt hier ein gigantischer Block verrottenden Betons. Niemals würde man in dem bunkerhaften Etwas seine wahre, musische Identität vermuten: Das ist die Linnahall, Tallinns (mittlerweile ehemaliges) Veranstaltungszentrum. Kaum zu glauben, dass dieses wie aus der Zeit gefallene Ding erst 1980, anlässlich der Olympischen Spiele von Moskau, der Estnischen SSR geschenkt worden sein soll. Einst erfreuten in dem Konzertsaal die großen Stars das Publikum in diesem so sangestollen Land, nun liegt der Klotz einsam da. Tallinns Jugend nutzt ihn für ihre Graffitiübungen oder zwitschert auf dem ausgedehnten Flachdach das eine oder andere Getränk.

Barock in Weiß, Rosa und Mokka

Was für ein anderes Bild bietet sich da in Kadriorg. Etwas weiter im Norden der in keckem Schwung ausgreifenden Tallinner Bucht sitzt dort inmitten eines großen, wohlgepflegten Parks mit Brunnen und Teichen das gleichnamige Schlösschen – Barock in Weiß, Rosa und Mokka, heiter wie eine Mehlspeisjause am Nachmittag.

Auf der Rückseite des Gebäudes liegt ein kleiner Garten, streng geometrische Rabatten zwischen orangen Kieswegen. Wasserbecken, Löwenköpfe, aus deren Mäulern ein schüchterner Strahl rieselt; im Zentrum ein Wassermann mit Delfin. Zar Peter der Große, der all dies als Sommerresidenz in Auftrag gab und nach seiner Gemahlin Katharina benannte, hat das Ergebnis nie gesehen. Er starb 1725 noch vor der Vollendung.

foto: robausch
Gegeigt wird in der Linnahall nicht mehr, die musische Ader der Esten bleibt davon aber natürlich unbeeinflusst. Laut einer Statistik aus dem Jahr 2013 sind sie unter den EU-Bürgern die vierteifrigsten Konzertbesucher hinter Schweden, Dänen und Letten.

Vor dem estnischen Geschichtsmuseum liegt ein metallener Löwe. Mit salopp übereinandergeschlagenen Tatzen gibt er die Gangart dieser Institution vor. Hinter zwei gut geschlossenen Türen im etwas düsteren neogotischen Palazzo verbarg sich eine ältere Empfangsdame. Sie ließ sich in ihrem mutmaßlich privaten Telefongespräch keineswegs beirren, ehe sie dem Störenfried auf recht raue Art beschied, dass das Museum zwar selbstverständlich geöffnet, die zentrale Dauerausstellung allerdings nicht zugänglich sei. Es werde renoviert. Allerdings gebe es in den ehemaligen Stallungen eine kleine Exposition zur deutschen und dann sowjetischen Besetzung Estlands ab 1940 zu sehen.

Zwischen Hakenkreuz und Sowjetstern

foto: robausch
In Maarjamäe.

Die in ihrer altvaterischen Aufmachung beinahe rührende Schau wirft ein Schlaglicht auf eine nationale Tragödie. Als Maarahvas, "Hiesige", hatten sich die Menschen hier durch die Zeiten bezeichnet, erst spät begannen sie sich als Nation zu begreifen. Nun fanden sie sich hineingeworfen in die Auseinandersetzung zweier grausamer Totalitarismen. "Die meisten von uns", sagte der ehemalige estnische Präsident Lennart Meri einmal, "haben einen Verwandten, der in Sibirien zugrunde ging. Einen Verwandten, der im Krieg auf deutscher Seite kämpfend starb, und einen, der auf der sowjetischen umkam; einen Verwandten, der Mitglied der kommunistischen Partei war, und einen, der vor den Kommunisten nach Westen floh. Die Frage, ob der Kommunismus besser war als der Nazismus oder umgekehrt, ergibt für diese Esten keinen Sinn."

Eine Riesennadel stößt in den Himmel

Gleich hinter der Umzäunung des etwas erhöht über dem Meer gelegenen Museumsareals waren einige Arbeiter mit dem Mähen der weitläufigen Wiesen beschäftigt. Dort liegt, eine ausgedehnte Übung in Landschaftsarchitektur, das verfallende Kriegerdenkmal von Maarjamäe. Vor der älteren deutschen Begräbnisstätte legten die Sowjets Mitte der 1970er-Jahre schiefe Ebenen aus Beton und Dolomit an. Plätze, Wege, Rasenflächen und ein torartiger Durchlass mit dramatischer Vogelskulptur können durchwandert werden. Alles wird gekrönt von einer in den Himmel stoßenden Riesennadel. Eine eigentümliche Leere geht von dem futuristischen Brutalismus der Anlage aus, wie er auch vergleichbaren anderen Monumenten sozialistischer Erinnerungsarchitektur innewohnt.

Noch ein Stück weiter draußen erreicht man die Mündung des Pirita-Flusses. Dort sitzt am einen Ende eines langen und ziemlich perfekten Sandstrandes, eingefasst vom Dunkelgrün einer Pinienschonung, das olympische Segelzentrum, mit seiner grauen Eckigkeit eine ausgesprochen unauffällige Silhouette unter dem an diesem Tag ganz ähnlich gefärbten Himmel. Am Ende der Marina steht, schief, aber doch noch: das Logo der XXII. Sommerspiele mit dem stilisierten Turm der Lomonossow-Universität, gekrönt vom fünfzackigen Stern.

Sechs Konkurrenzen hatten 1980 hier stattgefunden, die österreichischen Teilnehmer, darunter das legendäre Duo Raudaschl/Ferstl, zwei Silbermedaillen abgeräumt. Die vereinzelten Verwegenen des Pirita Surfi Klubi, die an diesem kühlen Tag den scheinbar ewigen Wind für ihren dynamischen Ritt zu nutzen wissen, haben damit nichts mehr zu schaffen.

Paldiski

foto: robausch
Seit 1724 steht auf der Pakri-Halbinsel bei Paldiski ein Leuchtfeuer. Seine aktuelle Inkarnation, 52 Meter hoch, ist 126 Jahre alt.

Das Ende der Welt erkor die Sowjetunion zum Stützpunkt ihrer baltischen U-Boot-Flotte und würfelte ein paar Wohnblocks in die Gegend. Das ist Paldiski, dessen estnische Bezeichnung sich vom ehemaligen russischen Namen der Kleinstadt ableitet: Baltijski Port. Hinter Gebüsch im Park findet sich ein güldenes Denkmal für Salawat Julaew, den baschkirischen Dichter und Freiheitskämpfer wider das zaristische Joch. Im Jahr 1800 verschmachtete er hier in Festungshaft, die Eishockeymannschaft von Ufa, Hauptstadt Baschkortostans, trägt nach wie vor stolz seinen Namen. Eine noch wie neu glänzende orthodoxe Kirche steht nicht weit davon, 2013 errichtet aus hellgrünem Holz. In Paldiskis Blocks herrscht sichtbar Leerstand, mit dem Abzug der Roten Armee verlor es einen Großteil seiner Einwohnerschaft. Die Bewältigung ihrer nuklearen Hinterlassenschaft in Gestalt militärischer Versuchsreaktoren erwies sich für die Esten als große Herausforderung.

Einen gut bestückten Konsum gibt es und den recht lebendigen Industriehafen. Gleich daneben trotzte eine Dame dem Sturm, einzige Besucherin des kurzen Schotterstrandes, die dort ihren sehr blassen Teint den Elementen offenbarte. Von hier aus kann man, immer hart an der Abbruchkante einer bröselnden Kalksteinklippe entlang, eine Wanderung zum Leuchtturm an der Spitze der Halbinsel Pakri unternehmen. Er ist der höchste Estlands, und nur alle heiligen Zeiten wird seine einsame Existenz von einer Busladung Touristen vorübergehend belebt. Bis man das Gebäude in abblätterndem Rot erreicht, hat der anlandige Wind das ausgesetzte linke Ohr verlässlich taub geblasen.

Die Bahnstrecke nach Paldiski war einst die erste in ganz Estland und seit 1870 via Tallinn die Verbindung des eisfreien Hafens mit St. Petersburg. Das Bahnhofsgebäude ist als nationales Denkmal ausgewiesen, fest verschlossen bietet er jedoch – rosa und natürlich hölzern – nicht mehr als sich selbst. Lange Reihen von Kesselwagen auf den Geleisen bilden den modernen Kontrast, nach wie vor rollen hier die russischen Bodenschätze gen Westen.

Tallinn erreicht man in den quietschorangen Garnituren der estnischen Bahn in einer Stunde. Junge blonde Frauen führen hier engelsgleich das schaffnerliche Regiment. Auf den Bahnsteigen vereinen schwarze Objekte auf einfallsreiche Weise die Funktion des Beleuchtungskörpers mit jener der Sitzgelegenheit. Von den Haltestellen bleibt des Öfteren nicht viel mehr als Wiese, vom Waldesrand führen schmale Pfade darauf zu.

Flora

foto: robausch
Entspannt bis engagiert: die Flora-Ultras.

Die Göttin der Blüte und der Jugend lockte 274 Menschen nach Lilleküla. Dort steht das Stadion, in dem Estlands Fußball-Nationalteam seine Heimspiele austrägt, das aber auch Flora Tallinn Heimstatt ist. Mit einer Kapazität von etwa 10.000 Plätzen ist es dem Rekordmeister gleich mehrere Nummern zu weit. In der Regel kommen zwar immerhin mehr als doppelt so viele zu den Matches der ersten Liga, doch der diesmalige Gegner zieht nicht: Narva Trans, das Team aus der überwiegend russischsprachigen Stadt hart an der Grenze. Vielleicht war aber auch einfach zu schönes Wetter, und die Hauptstädter hatten an diesem sonnigen Freitagabend Besseres vor.

Dunkelbraun und streng riechend

Für die gut 50 Flora-Jünger der inbrünstigeren Art, junge Frauen und kleine Kinder zählten zu ihnen, galt das nicht. Gedrängt um einen beleibten Trommler suchten sie ihre Elf zu erhöhen, Schlachtgesänge zur Pippi-Langstrumpf-Melodie hallten durch das Rund. Neben Bier, der universellen Nahrung der Freunde des Jalgpalli, hat dessen estnischer Jünger eine sehr spezielle Vorliebe: dunkelbraun und streng riechend, wird sie an der Schank in Plastikbecher gefüllt ausgegeben. Es sind in Knoblauchbutter geröstete Schwarzbrotschnitzen, die da laut knackend verzehrt wurden.

Den Triumph aber kosteten exklusiv fünf treue Seelen aus Narva, die ihre Mannen in die ferne Hauptstadt begleitet hatten. Extatisch sprangen sie nach Spielende auf dem ansonsten menschenleeren Parkplatz auf und ab. Ihr baumlanger ukrainischer Tormann Smisko, kahlgeschoren und auf Storchenbeinen tänzelnd, hatte abgewehrt, was abzuwehren war. Und die Flora schlich geschlagen vom Feld, als Narvas lettischem Stürmer Zils auch gar noch das einzige Goal des Spiels gelungen war.

Olga

foto: robausch
Das Gestade der Ostsee in Kopli. Man könnte sagen: der Hausmeisterstrand Tallinns.

Aus Narva kommt auch Olga. Sie saß im Bus nach Riga, mit ihrem karottenroten Haar, und lachte still vor sich hin, über den Witzen ihres bunten Blättchens. Als sie mich auf Deutsch telefonieren hörte, sprach sie mich an. Estnisch musste sie sich als Fremdsprache aneignen im neuen, unabhängigen Estland. Wie so viele andere auch, deren Familien es nach dem Krieg aus Russland hierher verschlagen hatte. Bereits viel früher hatte sie Deutsch gelernt, so vieles aber schon wieder vergessen. Sie wiederholt das oft.

Sowjetbürger hatten keine Möglichkeit zu reisen, und so habe sie die Sprache nie wirklich gebrauchen können. Bis in die jüngste Vergangenheit, als es sie auf der Suche nach Arbeit doch noch nach Deutschland verschlug – und auch nach Österreich. Es sei nicht einfach, sich in Narva durchzuschlagen. Sie hat alte Menschen betreut, und da scheint oft gegenseitiges Unverständnis geherrscht zu haben.

Eisige Wellengebirge

Olga, etwa 50 wird sie sein, winkt ab. Sie ist schon seit vier Uhr morgens unterwegs und hat es noch weit: Bis Kiew geht es heute noch, zu einer Freundin. "Vielleicht für zwei Wochen?" In Österreich hat sie in Tankstellen geputzt, zusammen mit einer zweiten Frau. Die Nächte verbrachte sie dann offenbar in einer Art Wohnwagen. Einsam habe sie sich gefühlt, allein im fremden Land.

Draußen zieht die Landschaft vorüber, deren höchste Erhebungen die Überführungen an den Kreuzungspunkten der größeren Straßen sind. An ihrem Scheitelpunkt gewinnt man Ausblick auf scheinbar unendliches Waldland. In Deutschland, sagt Olga, war alles groß. Auch die Häuser im Dorf. In Estland dagegen sei alles klein. Glücklich schätzen könne man sich, in Wien zu leben. Es ist doch so eine schöne Stadt. Auch Kärnten hat ihr gefallen, die Berge, der Schnee. Olga lächelt. Auch nach Estland soll man im Winter kommen, wenn alles friert – sogar die Wellen auf dem Meer, die sich dann in eisige Gebirge verwandeln. (Michael Robausch, 8.7.2015)