Bachmannpreis: Trotz Sparprogramms nichts "Grottenschlechtes"

2. Juli 2015, 17:44
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Der Bachmannpreis muss sparen. Nicht an Texten, dankenswerterweise. Die Grazerin Valerie Fritsch gehört seit Donnerstag definitiv zum Kreis der Favoriten. Am Freitag sind zwei Österreicher am Start

Klagenfurt – Von "harten Tagen" sprach ORF-Landesdirektorin Karin Bernhard, in Anlehnung an Ingeborg Bachmanns Gedicht "Die gestundete Zeit" am Mittwochabend. Inmitten schlichter weißer Wände hielten sie, der Juryvorsitzende Hubert Winkels und Autor Peter Wawerzinek da ihre Reden zur Eröffnung der 39. Tage der deutschsprachigen Literatur.

Denn besagte "harte Tage" gehen, trotz obligatorischen Brimboriums aus Dank, locker-flockigen Interviews und Applausen, auch an den Kostenträgern des Wettlesens nicht spurlos vorüber. Die gegenüber den Vorjahren spartanische Kulisse im ORF-Theater Klagenfurt ist Resultat eines dem Bachmannpreis verordneten Sparpakets, dessen Auswirkungen, soweit sichtbar, sich bisher aber verschmerzen lassen. Etwas idealistischer und romantischer kann man die ungewohnte, konzentrierte Klarheit der Ausstattung nämlich auch viel positiver argumentieren: Sein statt Schein, Fokus auf den Inhalt statt auf die Form.

Dem spricht auch ein Bachmann-Zitat ins Wort, das am rechten Bühnenrand prangt: "Ich weiß keine bessere Welt ..." Ein weißes Stück Papier mit all seinen Möglichkeiten, was will man mehr?

Die ersten Texte

Vor dem Hintergrund dieser Möglichkeiten lasen am Donnerstag die ersten fünf Kandidaten aus ihren anderen Welten vor. "Grottenschlecht", wie Neo-Juror Klaus Kastberger sich den ersten Text des Bewerbs gewünscht hätte, war allerdings keiner.

Für "ganz okay" befand er stattdessen Katerina Poladjans sprachlich glatte und auch inhaltlich eher plan bleibende One-Night-Stand-/Beziehungsgeschichte "Es ist weit bis Marseille". Großen Publikumsbeifall erntete dann Nora Gomringer für ihre perspektivenreiche "Verstörungskomödie" (Sandra Kegel) "Recherche". Ein Zuhörtext at its best. Aber wie viel Hörspiel darf ein Text sein, um auch als Lesetext noch zu funktionieren? Diese Frage dominierte die anschließende Diskussion.

Ein an Andeutungen und Selbstmitleid leidender innerer Monolog über den "Exodus eines Schwangerschaftsfeindes" (Hildegard Keller) von Saskia Henning von Lange sowie eine psychiatrische "Staatsallegorie" (Sandra Kegel) von Sven Recker stellten die Jury, die sich trotz oder dank ihrer Neuzugänge als gut geölter Interpretationsapparat mit Mut zu markigen Urteilen präsentierte, dann vor wenig Einigkeit.

Große Bilder

Bei Valerie Fritsch übermannte die Kritiker schließlich die Eintracht. Die Grazerin zählt jetzt definitiv zum Kreis der Favoriten. Es sei beinah "unmöglich, etwas gegen den Text zu haben", fasste Juror und STANDARD-Literaturredakteur Stefan Gmünder die Stimmung in Jury und Saal zusammen. Und doch: Ab und zu ein Atemholen zwischen den Wortspektakeln, großen Bildern und oft hermetischer Artifizialität hätte die 26-Jährige ihrem Beitrag gönnen können.

Eine gemeinsame thematische Tendenz ausmachen wollend, könnte man feststellen, die heutigen Texte kreisten um Möglichkeit bzw. Schwierigkeit von Familie und Paarbeziehungen. Wie es morgen weitergeht?

Den Lesetag am Freitag bestreiten der Austrodeutsche Peter Truschner, die Wienerin Falkner, Tim Krohn, Monique Schwitter sowie die erst 23-jährige "Welt"-Feuilleton-Autorin und Berliner Schnauze Ronja von Rönne. (Michael Wurmitzer, 3.7.2015)

  • Das Sparprogramm wird in Klagenfurt von der Pflicht zur Tugend: Schreibpapier dient als Inspiration für die Kulissen. Valerie Fritsch hinterließ da ihre Spuren.
    foto: michael wurmitzer

    Das Sparprogramm wird in Klagenfurt von der Pflicht zur Tugend: Schreibpapier dient als Inspiration für die Kulissen. Valerie Fritsch hinterließ da ihre Spuren.

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