Darwin und der Börsencomputer

4. Juli 2015, 12:06
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Immer stärker werden die Finanzmärkte von Handelssystemen geprägt, die miteinander in Wettbewerb stehen. Das führt auch zu Kurskapriolen

Wien – Mit ungläubigen, fassungslosen oder entsetzten Gesichtern beobachteten selbst hartgesottene Aktienhändler, wie vor gut fünf Jahren der sogenannte "Flash Crash" der Wall Street die Finanzwelt kurzfristig aus den Angeln gehoben hatte. Am 6. Mai 2010 sackte der Dow Jones ohne nachvollziehbaren Grund binnen Minuten um 1000 Punkte ab, das entsprach damals einem Verlust von neun Prozent. Ebenso plötzlich wie der Kurseinbruch einsetzte erholte sich der Markt auch wieder davon. Am Ende des Handelstages lag der Index nur noch knapp drei Prozent unter dem Vortageswert.

Noch kurioser muten die Kurskapriolen mancher Einzelaktien an: Die Papiere von acht Unternehmen wie jene des Beratungskonzerns Accenture stürzten bis auf einen Cent ab, während andere – darunter Apple oder Hewlett-Packard – plötzlich auf sechsstellige Kursniveaus sprangen. Direkter Schaden ist dadurch keiner entstanden, da die entsprechenden Transaktionen später rückabgewickelt wurden.

"Flash Crash"

Im April dieses Jahres wurde in London zwar ein Börsenhändler verhaftet, dem vorgeworfen wird, durch den betrügerischen Einsatz eines automatisierten Handelsprogramms die Marktverwerfung zumindest mitverantwortet zu haben. Allerdings ist immer noch nicht eindeutig geklärt, was genau den "Flash Crash" ausgelöst hat – es steht jedoch fest, dass der sogenannte Hochfrequenzhandel eine entscheidende Rolle gespielt hat.

Dabei handelt es sich um ausgeklügelte Computerprogramme, die über Glasfaserleitungen in Sekundenbruchteilen vollautomatisch Käufe und Verkäufe tätigen. Wer um ein paar Millisekunden schneller ist als die Konkurrenz, kann geringfügig günstigere Kurse realisieren. Bei Abermillionen Transaktionen kommt schnell ein hübsches Sümmchen zusammen.

Finanzmärkte auf Autopilot

Dementsprechend rasant hat der computergesteuerte Hochfrequenzhandel die Finanzmärkte erobert. Derzeit soll er für die Hälfte bis 70 Prozent des Börsenhandels in den USA stehen. In Europa liegt der Prozentsatz zumindest bei den offiziellen Börsen tiefer: "Bei uns an der Deutschen Börse beträgt der Anteil des Hochfrequenzhandels zwischen 20 und 25 Prozent", sagt Sprecher Frank Herkenhoff. "Wir glauben aber nicht, dass diese Volumina noch bedeutend weiter ansteigen."

Zumeist behält der Mensch dabei derzeit noch die Oberhoheit: Ein Fondsmanager entscheidet, die Gewichtung einer Branche zu erhöhen und ein Programm führt dessen Vorgaben vollautomatisch an verschiedenen Börsen aus.

Mischung

Längst geht es aber auch anders: Computerprogramme führen Analysen durch und treffen selbstständig Entscheidungen. Dabei hat sich eine Mischung aus fundamentaler und technischer Analyse als erfolgversprechende Kombination herauskristallisiert. In der Folge wurden auch Stimmungselemente und semantische Ansätze erfasst: Wird im Internet öfter nach einer Firma gesucht, zeigt die Aktie laut einer Studie in den nächsten Wochen oft eine überdurchschnittliche Entwicklung.

Forscher haben herausgefunden, dass sich Computerprogramme und technische Ausstattung dabei gemäß der Evolutionstheorie von Charles Darwin entwickeln: Schafft eine Neuerung unter konkurrierenden Handelssystemen Mehrwert, wird sie sich – wie bei genetischen Mutationen – durchsetzen und andere verdrängen. Die natürliche Selektion findet also auch an den Börsen statt. Ob dies künftig einen weiteren "Flash Crash" verhindern kann, bleibt jedoch abzuwarten. (Alexander Hahn, 3.7.2015)

  • Am 14. Februar 2002 läutete Roboter Asimo nicht nur eine Sitzung der New Yorker Börse ein, sondern auch die Ära des Computerhandels.
    foto: reuters / peter morgan

    Am 14. Februar 2002 läutete Roboter Asimo nicht nur eine Sitzung der New Yorker Börse ein, sondern auch die Ära des Computerhandels.

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