Roger Cicero: Swingen unterm Rock der Tradition

2. Juli 2015, 17:18
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Zu Beginn des Jazzfestes Wien gastierte der deutsche Musiker in der Staatsoper

Wien – Paulchen Kuhn, jene deutsche Sympathievariante des nonchalanten Entertainers mit jazzigem Zungenschlag, ist leider nicht mehr. Und es ist fraglich, ob je würdige Nachfolger auftauchen. Dessen Methode, mit scheintreuherzigem Blick einer Samstagabendshow Jazznoten unterzujubeln, während Hans-Joachim Kulenkampff devot Hände küsst, war einzigartig. Paulchen verband (am Klavier und gesanglich) das Leichte mit dem Synkopierten – melancholisch wie unbeschwert. Schwer zu toppen.

Der Weg, den Roger Cicero einschlägt, stimmt indes hoffnungsvoll; zwischen Paulchen und Roger gibt es Parallelen. Auch Kuhn musste von etwas leben, suchte Hitparaden- wie Schlagerkontakt ("Der Mann am Klavier"). Zudem vertrat er die Heimat beim Song Contest, und im öffentlich-rechtlichen TV-Paradies hatte er Wohnrecht. Auch Cicero war beim Song Contest ("Frauen regier'n die Welt", 19. von 24 Plätzen), sein Publikum geht – bedingt durch leichtes Hitrepertoire – längst durch die Clubdecke.

Und was die Glotze anbelangt, ist Cicero immerhin bei Vox tätig gewesen, "Sing meinen Song" (Tauschkonzert von Xavier Naidoo) holte ihn als Gast. Vor allem aber ist bei Cicero offenbar so eine kleine Jazzsehnsucht vorhanden, der Wunsch nach ein paar Noten mehr, der Junge will scatten und geht dabei ein Jazzstück weiter als Paulchen.

In der Staatsoper bei der Eröffnung des Jazzfestes wagt er sich jedenfalls aufs glatte Parkett der bebopigen "dobidubo"-Linearität, und es ist nicht die kokette Pose eines Leichtmatrosen; es scheint hier ein echtes Anliegen vorzuliegen. Cicero sucht gar hohe, brenzlige Vokalregionen auf, und er improvisiert herzhaft auch jene langen Linien, die reichlich Geläufigkeit erfordern (wie etwa bei James Moodys "Moody's Mood").

Klar und hell

Intonatorisch landet zwar manches im Ungefähren. Umso sympathischer allerdings, dass einer ein Risiko eingeht, sich nicht nur auf eine angenehme Stimme verlässt. Sie birgt etwas Billy Joel wie auch Michael Bublé. Klarheit trifft da Helligkeit, Abgebrühtheit etwas Juveniles, immer aber ist da ein gewisses Etwas, das Cicero beim Improvisieren nicht nur zelebriert, vielmehr auch hörbar an Grenzen führt. Als Songinterpret bleibt er – jazzig gesehen – indes zumeist an der Songoberfläche. Besonders bei "The Long and Winding Road" der Beatles wirkt er neben der Singatmosphäre, ebenso bei Paul Simons "50 Ways to Leave Your Lover". Da ist Cicero ein bisschen jener Chansonnier, der sich in einen Jazzclub verirrt hat und auf die Bühne muss, da er mit einem Original verwechselt wurde. Beim Simon-Lied empfiehlt sich etwa zum Vergleichsstudium Sidsel Endresens Version (mit Bugge Wesseltoft).

Vollends bei sich ist Cicero hingegen bei Van Morrisons "Moondance". Da stimmen Atmosphäre und Hitzegrade, eine passable Band tut ihr Übriges (Bass Hervé Jeanne, Schlagzeug Matthias Meusel und Klavier Maik Schott), wie auch Ciceros helles Timbre. Es erinnert an Morrison – es dauert halt auch für erfolgreiche Jungs, bis sie zum Original heranwachsen. Wird schon. (Ljubiša Tošić, 2.7.2015)

Konzerthinweis

3.7.: Caro Emerald, Staatsoper (19.30 Uhr); Anthony Strong, Porgy & Bess (20.30 Uhr).

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Jazzfest Wien

  • Sänger und Entertainer Roger Cicero lässt die Band im alten Stil swingen und zeigt, dass er durchaus auch eine passable Jazzseite hat. Der Weg zu tiefer Interpretationskunst wäre allerdings noch zu gehen.
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Sänger und Entertainer Roger Cicero lässt die Band im alten Stil swingen und zeigt, dass er durchaus auch eine passable Jazzseite hat. Der Weg zu tiefer Interpretationskunst wäre allerdings noch zu gehen.

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