Gegen eine Stress-Medizin der Türlsteher

Kommentar der anderen2. Juli 2015, 17:07
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Nicht nur den Auswahlverfahren für künftige Ärzte fehlt die soziale Dimension

Im Juli 2011 erschien an dieser Stelle ein Appell an die Verantwortlichen an den Medizinuniversitäten, den nach Meinung des Autors zur Auswahl der am besten geeigneten zukünftigen Ärzte ungeeigneten "Mediziner-Stresstest" in seiner damaligen Form abzuschaffen. Dieser sei "eher zur Auswahl von Piloten geeignet als von (Allgemein-) Medizinern". An seine Stelle, so die damalige Forderung, sollte ein verpflichtendes Pflegepraktikum treten, um die soziale Kompetenz der Doctores medicinae universae in spe auszuloten.

Vier Jahre später lässt die Meldung aufhorchen, wonach bei den 2015er-Arzt-Aspiranten die soziale Kompetenz als Auswahlkriterium zur Studienzulassung vermehrt in den Vordergrund gestellt werden soll. Man kann es kaum fassen: Hat man in unserem Land mit einem völlig untypischen, weil diesfalls minimal ausgeprägten Stupor austriacus die Zeichen der Zeit erkannt und zielgerichtet gegengesteuert? Mitnichten!

Von analoger menschlicher Zuwendung als Auswahlkriterium weiterhin keine Spur. Im Testteil "Soziales Entscheiden" soll neuerlich unter Stressbedingungen (!) in einem Multiple-Choice-Format "die Eigenschaft, Entscheidungen in sozialen Kontexten hinsichtlich ihrer Bedeutung zu reihen", gemessen werden. Diese Herangehensweise legt den Verdacht nahe, dass sie eher zur weiteren "Entmenschlichung" der Medizin beiträgt.

Callcenter statt Hausarzt

Solcherart leistet diese Art der Arztauswahl den aktuellen Entwicklungen in der medizinischen Versorgung Vorschub, die durch weitere Digitalisierung mehr Distanz statt mehr Nähe zum Patienten schafft. Zu diesem Trend passt die geplante Etablierung von Call-centern (genannt Telemedizinzentren), deren Hauptaufgabe im "Gatekeeping" besteht (vgl. die Namensgebung in der Schweiz: "Medgate"). Deren Mitarbeiter fungieren als das, was man auf gut Wienerisch als "Türlsteher" bezeichnet.

Wenn man nach Japan blickt, kann man mit ein wenig Fantasie ahnen, was passieren kann, wenn man medizinisches Personal zu lange zu viel Stress aussetzt. In der dortigen, ebenfalls rasant alternden Gesellschaft werden in wenigen Jahren zehntausende Menschen in Medizin und Pflege fehlen. Die Gegenstrategie besteht aber nicht in der Attraktivierung des Arzt- oder Pflegeberufs: Toyota Motors will mit einem Pflegeroboter fehlende menschliche Ressourcen kompensieren.

Könnte eine Alternative zu diesen Szenarien nicht ein medizinisches Versorgungssystem sein, das endlich vom Stress befreit wird? Fällt uns angesichts von hunderttausenden Arbeitslosen einerseits und ebenso vielen einsamen alten und chronisch kranken Menschen andererseits wirklich nicht mehr ein als Medizin-Apps fürs Smartphone, Callcenter und Pflegeroboter? Muss der Stress, der viele Ärzte entweder sofort nach Absolvierung der Ausbildung ins Ausland, andernfalls Jahre später ins Burnout treibt, schon das Umfeld bestimmen, in dem die Überprüfung der Berufseignung stattfindet? (Andreas Schindl, 2.7.2015)

Andreas Schindl, Arzt und Autor. In der Wiener Ärztekammer leitet er das Referat für medizinische Datensicherheit.

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