"Der Sturm": Zausel sein im Quarantäneland

2. Juli 2015, 17:32
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William Shakespeares "Der Sturm" in Perchtoldsdorf

Perchtoldsdorf – Prospero, der geheimnisvolle Zauberer aus Shakespeares Der Sturm, hat eine wahrhaft weite Reise hinter sich. Aus Mailand, von wo man ihn einst vertrieb, segelte er vielleicht zu den Bermudas weiter. Seinen wahren Bestimmungsort, einen sandigen Strand mit Luft- und Naturgeistern, hat er aber in Perchtoldsdorf gefunden.

Genauer gesagt: Vor der Fassade der Burg mimt der Schauspieler Andreas Patton einen Hippiemonarchen, einen Schmuddelfürsten hart am Rande der Verwahrlosung. Töchterchen Miranda (Josephine Bloéb) windet dem kiffenden Zausel ein paar Lockenwickler ins Haar. Prospero hat sich als Renaissancemensch sein Aussteigertum hart erarbeiten lassen. Er lebt auf der Insel von den Früchten fremder Lohnarbeit. Seine cholerischen Anwandlungen sind in Michael Sturmingers viel zu gemächlicher Inszenierung freilich kaum der Rede wert.

Der milde Wilde unterhält unter seiner Dachkammer eine astreine Inselcombo, genannt die Pogo Purcell Sisters. Ein Theremin sendet Störgeräusche, Geist Ariel (Nadine Zeintl) hat ein gipsernes Antlitz und singt mit flatternden Ärmeln berückend schöne Weisen. Sie alle wurden von Sturminger, dem Intendanten der Perchtoldsdorfer Sommerspiele, zum Zwecke der Wahrheitsfindung vereint. Auf dem Spiel steht laut Programmheft die Umkehrung des Kolonialzeitalters. Von Shakespeare führt angeblich eine schnurgerade Linie zu Joseph Conrad und dem Herzen der Finsternis.

Im Schutz der Burg wird das Gerüst einer Karavelle mit einem Schlauch (breite Streuung!) nassgespritzt (Ausstattung: Renate Martin, Andreas Donhauser). Immerhin muss der Hofstaat aus Neapel in Prosperos Quarantänelager notlanden. Caliban (Veronika Glatzner), der versklavte Ureinwohner, starrt vor Lehm. Im malerischen Sand steckt Holz im Gegenwert eines Waldschutzgebietes. Ferdinand (Aaron Friesz), Mirandas deklamationsschwacher Bräutigam, versteht sich auf die Kunst, Holz in kleine Scheiter zu spalten. Lauter erstbeste Einfälle ergeben leider keine zusammenhängende Erzählung.

Stumm steht der fast volle Mond über Perchtoldsdorf. Er wird Zeuge von Possierlichkeiten, die sich zu keinem Ganzen fügen. Shakespeare stimmt im Alterswerk ein höhnendes Gelächter an. Prospero verzeiht, aber er vergisst nichts. Patton muss den Jim Morrison geben. Seine Widersacher sind am Schluss zu Renaissance-Salzsäulen erstarrt. Dem Besucher war kaum regsamer zumute. (Ronald Pohl, 2.7.2015)

  • Haarig: Josephine Bloéb und Andreas Patton als Insulaner.
    foto: lalo jodlbauer

    Haarig: Josephine Bloéb und Andreas Patton als Insulaner.

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