Absprachen durch Software: Preiskartell der Nullen und Einsen

6. Juli 2015, 05:30
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Verfahren der US-Justiz wegen illegaler Preisabsprachen von Computerprogrammen

New York / Stuttgart – Egal, ob 1,7 Millionen Dollar für ein Biologiebuch auf Amazon oder 415 Dollar für eine innerstädtische Fahrt mit Uber in New York bei einem Schneesturm – der immer stärkere Einsatz von Computeralgorithmen zur Preisermittlung kann auch zu kurios anmutenden Auswüchsen führen. Nichtsdestotrotz sind sie in unserem Alltag beinahe omnipräsent. Auch Buchungs- und Shopping-Portale haben schon seit längerer Zeit dynamische Preismodelle implementiert, die mithilfe von Algorithmen die Nachfrage antizipieren und auf dieser Grundlage Preise ermitteln.

"Wir bestimmen nicht den Preis. Der Markt legt den Preis fest. Und wir haben Algorithmen, die bestimmen, was der Markt ist", sagt Uber-Boss Travis Kalanick. Die Argumentation ist einigermaßen zirkulär. Was der Markt ist und wie die Algorithmen funktionieren, bleibt unklar. Uber legt die Kriterien für seine Fahrtarife nicht offen. Das Unternehmen sah sich wiederholt des Vorwurfs des "algorithmischen Monopols" ausgesetzt.

Wie eine neue Studie der Kartellrechtler Ariel Ezrachi von der University of Oxford und Maurice E. Stucke von der University of Tennessee belegt, können Algorithmen ein Parallelverhalten in der Preissetzung abstimmen. Anders als Menschen können Computer zwar keine illegalen Preisabsprachen in Hinterzimmern treffen, aber vorhersagen, wie sich andere Computer verhalten. Und mit dieser Information können sie effektiv miteinander kooperieren, indem sie ihre eigenen gewinnmaximierenden Interessen verfolgen.

Kartellbehörde für Computer

Die US-Justiz hat im April in San Francisco erstmals ein Verfahren gegen ein E-Commerce-Portal wegen illegaler Preisabsprachen eingeleitet. David Topkins, der Gründer von "Poster Revolution", die auf Plattformen wie Amazon Poster vertrieb, soll mithilfe von Algorithmen künstlich Preise in die Höhe getrieben haben. Topkins gestand und akzeptierte eine Strafzahlung von 20.000 Dollar, worauf das Verfahren eingestellt wurde. "Wir werden kein wettbewerbswidriges Verhalten dulden, ob es in einem rauchgeschwängerten Hinterzimmer oder über das Internet durch die Nutzung von Preisalgorithmen auftritt", sagte der leitende Staatsanwalt Bill Baer.

Rechtsprofessor Salil K. Mehra von der Temple University schlägt eine Marktregulierung durch eine unabhängige Agentur vor, also eine Kartellbehörde für Computer. Das derzeitige Kartellrecht läuft bei algorithmischen Preisabsprachen zumeist ins Leere. Insofern scheint eine Novellierung des Wettbewerbsrechts unabdingbar. Denn Algorithmen drehen öfter an der Preisschraube, als man gemeinhin annimmt. (Adrian Lobe, 4.7.2015)

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