"Nazikeller"-Prozess: Zehn Monate bedingt wegen Wiederbetätigung

2. Juli 2015, 15:35
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Ein 58-Jähriger hatte seine Nazi-Devotionalien in Ulrich Seidls Film "Im Keller" präsentiert. Der Regisseur verteidigte ihn, das Gericht verurteilte den Mann zu bedingter Haft

Eisenstadt – "Wäre mein Mandant ein Nazi, wäre Herr Seidl die Leni Riefenstahl", demonstriert Verteidiger Werner Tomanek vor dem Geschworenengericht in Eisenstadt unter Vorsitz von Karin Lückl (film)historisches Wissen. Mit dem er das Gericht überzeugen will, dass Josef O. nicht gegen das Verbotsgesetz verstoßen hat, als er in Ulrich Seidls Film "Im Keller" seine Sammlung von Nazi-Devotionalien präsentierte.

Dem 58-jährigen Pensionisten aus einem kleinen burgenländischen Ort droht eine Strafe zwischen einem und zehn Jahren Haft. Er bekennt sich nicht schuldig – und argumentiert, dem Regisseur vertraut zu haben und nebenbei praktisch ständig berauscht gewesen zu sein.

"Herr Seidl hat gesagt, er macht einen Dokumentarfilm über Keller", erklärt der Angeklagte. Warum wohl seiner ins Blickfeld kam, interessiert die Vorsitzende. "Nicht nur wegen den Nazisachen. Ich habe ja auch Fotos vom aufgehängten Speck, den Kaiserbildern und Instrumenten geschickt." Er sei nämlich "ein leidenschaftlicher Sammler", und das seit 40 Jahren.

Speck, Instrumente, Hitlerbild

Den Filmemacher tangierten Speck und Instrumente naheliegenderweise kaum. Im Film kommt daher primär jener Raum vor, in dem Ölschinken mit dem Bildnis von Adolf Hitler hängen, Puppen in Nazi-Uniformen stehen und ein Reichsadler mit Hakenkreuz prangt.

Dazwischen erzählt O. in dem Film, dass er jährlich "ins Führerhauptquartier" auf den Obersalzberg fahre, dass das Hitlerbild "mein schönstes Hochzeitsgeschenk war" und er schon auf der Liste der Polizei stehe.

Der Angeklagte ist nämlich vorbestraft. Und erschien auch auf dem Radar der Exekutive, als er auf einem Flohmarkt Wein mit selbstgemachten Etiketten feilbot. Auf denen "Nur für Arier" und "Ein Volk, ein Reich, ein Führer – Hitler, der Befreier Deutschlands" stand.

Besitz ist nicht strafbar

Der Angeklagte beteuert aber, in diesem Fall unschuldig zu sein. Der Besitz der Devotionalien ist nämlich nicht strafbar, dass er sie einer breiteren Öffentlichkeit gezeigt hat, schon. "Der Herr Seidl hat mir gesagt, dass das rechtlich abgesichert ist", erklärt O. nun.

Überhaupt sei es nicht der versprochene reine Dokumentarfilm geworden. Es habe sehr wohl Regieanweisungen gegeben. Auch das von ihm gespielte Lied "Es zittern die morschen Knochen" – ab 1935 das Lied der NS-Organisation Deutsche Arbeitsfront – sei gemeinsam mit Seidl ausgesucht worden.

Ein Liter Wein in der Früh

Und dann sei da noch die Sache mit dem Wein. Der sei vom Filmteam an den sechs Drehtagen kistenweise angeschleppt worden. "Das Erste, was der Regisseur immer gesagt hat, war: 'Trink ma was.' Das war dann schon ein Liter in der Früh."

O.s Bruder gibt als Zeuge aber zu, dass sein Verwandter auch unter Alkoholeinfluss wisse, was er sagt. "Trinkt er viel Alkohol?", fragt die Vorsitzende. "Schaun S', er ist Musiker", lautet die Antwort. "Hin und wieder ist er eingspritzt."

Er selbst sei bei einer Besprechung mit Seidl dabei gewesen und hatte Bedenken. "Ich wollte auch nicht, dass es dargestellt wird, als ob im Burgenland überall die braune Suppe im Keller ist." Der Regisseur habe aber versichert, es könne nichts passieren.

Was der mit Verspätung auftretende Seidl dem Gericht bestätigt. "Ich habe mir Rechtsberatung geholt, da wurde mir gesagt, es darf keine Werbung und Aufforderung geben", sagt er. "Herr O. hat mir auch versichert, er wird nichts machen, was strafbar ist."

Verharmlosung der Vergangenheit

Er leugnet auch nicht, Regieanweisungen gegeben zu haben. "Nichts ist zufällig passiert, aber es basiert alles auf der Wahrheit." Was er damit zeigen wollte: "Er verharmlost die Vergangenheit, als einer von vielen." Aber: "Er ist weit davon entfernt, dass er nationalsozialistisch aktiv tätig ist", betont der Regisseur auf Frage des Verteidigers.

Tomanek kann auch eine Unterschriftenliste vorlegen: 25 Prozent der Wahlberechtigten in dem kleinen Ort haben damit bestätigt, dass O. nie für den Nationalsozialismus geworben oder ihn verherrlicht habe.

Das nicht rechtskräftige Urteil: zehn Monate bedingt wegen Wiederbetätigung. (Michael Möseneder, 2.7.2015)

  • Ein korrekt adjustierter Angeklagter, ein legerer Verteidiger: Josef O. und Werner Tomanek bestreiten, dass O. ein Nationalsozialist ist.
    foto: apa/robert jäger

    Ein korrekt adjustierter Angeklagter, ein legerer Verteidiger: Josef O. und Werner Tomanek bestreiten, dass O. ein Nationalsozialist ist.

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