Westbalkan löst Mittelmeer als Hauptroute der Schlepper ab

2. Juli 2015, 12:54
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Wegen Maßnahmen im Mittelmeer werden neue Wege erschlossen – Meiste Grenzübertritte von Schleppern derzeit über Ungarn

Wien – Die Schlepperkriminalität ist laut Innenministerium in den vergangenen Monaten stark gestiegen. Weil die EU-Kontrollen im Mittelmeerraum vor kurzem verstärkt wurden, verlagert sich die Route der Schlepper zusehends in den Westbalkan, berichteten Experten bei einem Pressegespräch am Mittwochabend in Wien.

"Nach unseren derzeitigen Erkenntnissen ist der Weg über den Balkan in Südosteuropa derzeit die Hauptroute der Schlepper", erklärte Oberst Gerald Tatzgern, Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung der Schlepperkriminalität und des Menschenhandels im Bundeskriminalamt. Hauptausgangsland wäre die Türkei, von dort aus würden Menschen entweder über Griechenland oder aber über Mazedonien und Bulgarien nach Europa gebracht. Von Syrien aus würden die Preise für die Flucht durch Schlepper zwischen 8.000 und 10.000 Euro liegen, von Griechenland aus zwischen 2.500 und 4.000 Euro.

Meiste Grenzübertritte aus Ungarn

Dass im vergangenen Jahr verstärkt über Südosteuropa geschleppt wurde, zeigt auch eine aktuelle Statistik des Innenministeriums: Während im Jahr 2014 Italien mit 54 Prozent der Grenzübertritte an der Spitze lag, wurden 2015 die meisten Grenzübertritte (53 Prozent) über Ungarn vermerkt. Wurden im Zeitraum Jänner bis Mai 2014 9.856 illegal eingereiste Personen und Schlepper verzeichnet, waren es von Jänner bis Mai diesen Jahres 20.224 Menschen, also um 105,2 Prozent mehr. Auch die Zahl jener Personen, die der Schlepperei verdächtigt werden, haben sich laut der Statistik im Vergleich zum Vorjahr um 69,4 Prozent auf insgesamt 249 Aufgriffe gesteigert.

Die gängigste Methode der Schlepperei würde laut Tatzgern über den Straßenweg führen. "Meistens sind es Lastwägen, Vans oder Kastenwägen. Besonders gewiefte Personen mieten sich ein Leihauto oder Fahren mit einem einfachen Pkw, um nicht aufzufallen." Aber auch die grüne Grenze spiele nach wie vor eine wichtige Rolle bei der Fluchthilfe. "Sie ist immer aktuell. Oft werden die Menschen vor der Grenze ausgeladen, müssen ein ganzes Stück gehen und werden dann im nächsten Land wieder von anderen Schleppern aufgenommen", erklärte er.

Wichtigkeit der Vernetzung

Wie Hilbert Karl, Leiter der Abteilung Asyl und Fremdenwesen im Innenministerium, berichtete, stiegen auch die Asylanträge im Vergleichszeitraum Jänner bis Mai 2014 und 2015 stark an: Während im vergangenen Jahr 7.279 Personen zu dieser Zeit Asyl beantragt haben, waren es heuer 20.620. "Alleine in diesem Mai haben wir 6.240 Asylanträge erhalten. Das sind um 250 Prozent mehr, als es im Mai 2014 mit 1.781 Anträgen der Fall war", sagte Karl. Am häufigsten würden Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak um Asyl ansuchen.

Im Kampf gegen die Menschenschlepperei sei vor allem die europaweite Vernetzung der Beamten wichtig. Auch grenzpolizeiliche Maßnahmen, bei denen etwa Mitarbeiter in ausländischen Flughäfen oder Botschaften geschult werden, gefälschte Dokumente zu erkennen, kommen verstärkt zum Einsatz. Vielversprechend seien laut Brigadier Günter Schnittler, Leiter des Referats Nationale Stelle Frontex, Grenzdienst, Flughafen- und Flugsicherheitswesen im Innenministerium, auch bi- und multilaterale Streifen, etwa in den Grenzgebieten zu den österreichischen Nachbarländern. "Die Sensibilisierung muss aber schon bei den Kollegen auf der Straße beginnen. Es ist wichtig, dass die Beamten beispielsweise gezielt auf Verhaltensmuster achten", so Tatzgern. Um die grenzüberschreitende Kriminalität und Schlepperei einzudämmen zieht Schnittler Grenzkontrollen eher nicht in Erwägung. "Es ist sicher nicht auszuschließen, aber wir sehen das als letztes Mittel, das angewandt werden sollte." (APA, 2.7.2015)

  • Auch weil die meisten Flüchtlinge nicht mehr aus Afrika, sondern aus den Krisengebieten im Mittleren Osten kommen, führen die meisten Wege über Osteuropa und nicht mehr über das Mittelmeer.
    foto: epa/zoltan balogh

    Auch weil die meisten Flüchtlinge nicht mehr aus Afrika, sondern aus den Krisengebieten im Mittleren Osten kommen, führen die meisten Wege über Osteuropa und nicht mehr über das Mittelmeer.

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