Spieltaktik: Forscher widerlegen nationale Fußball-Klischees

2. Juli 2015, 14:58
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Grazer Sportwissenschafter werteten technische und taktische Spielweisen von europäischen A-Ligen aus

Graz – Innerhalb der europäischen Fußball-Ligen gibt es nicht so viele Unterschiede wie vielfach angenommen und oftmals medial transportiert wird. Grazer Sportwissenschafter haben Spielerteams aus ganz Europa genau unter die Lupe genommen und Videos von Matches digital analysiert. Aus ihrer Sicht ist es zu einer verstärkten Angleichung der technischen und taktischen Spielweisen gekommen.

Das Sportwissenschafter-Trio Admir Kozlic, Norbert Schrapf und Markus Tilp von der Universität Graz verfolgte mit der Videokamera die Fußballspieler auf Schritt und Tritt, Kick und Pass. Dabei zeigte sich: "Tiki-Taka" – das vor allem spanischen Kickern zugeschriebene Kurzpassspiel – oder "Kick and Rush", wie es angeblich von den englischen Mannschaften bevorzugt wird, sind mittlerweile nur noch Klischee, aber längst nicht mehr nationale Spielertaktik.

Detaillierte Auswertung

Kozlic – der neben seinem Studium der Sportwissenschaften als Konditionstrainer und Spielanalytiker beim FC Olimpic Sarajewo arbeitet – hat die Taktiken der jeweils höchsten Spielklassen von deutschen, englischen, italienischen, spanischen und österreichischen Fußballteams miteinander verglichen. Dazu hat er die Fußballmatches mit einer eigens entwickelten Computer-Software ausgewertet. Die Software speichert, klassifiziert und erfasst die Aktionen wie etwa Pässe und Torschüsse auch statistisch.

Einzelne Aktionen können damit spezifisch abgerufen werden und ermöglichen es, die Technik und Taktik der Spieler zu ermitteln und zu vergleichen. "Die Auswertung der Daten gibt Aufschluss darüber, welche Spielzüge erfolgreich abgelaufen sind und warum", erläuterte Markus Tilp, der bereits mehrere vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF geförderte Projekte zur Spielanalyse u.a. im Beachvolleyball und Handball geleitet hat.

Taktische Internationalisierung

"Deutschlands Spieler gehen genauso oft in Zweikämpfe, wie die als 'körperbetont' verrufenen Engländer", resümierte Kozlic. Und in Italien, das angeblich mehr Wert auf Verteidigung als auf Angriff legt, wurden laut dem Kozlic in der vergangenen Saison mehr Tore – es waren insgesamt 1.024 – als in den anderen untersuchten Liegen erzielt. Im "Tiki-Taka"-Land Spanien hätten in den untersuchten Spielen sogar weniger Pässe ihr Ziel erreicht als in England, Deutschland und Italien.

Kozlic, der zurzeit seine Dissertation am Sportinstitut der Universität Graz verfasst, sieht den Grund für die verstärkte Angleichung der Technik und Taktik der einzelnen Mannschaften innerhalb Europas in der zunehmenden Internationalisierung auf dem Spieler- und Trainermarkt. (APA, 2.7.2015)

  • Italiener sind spielen eher defensiv? Unsinn, sagen Grazer Sportwissenschafter.
    foto: ap/gregorio borgia

    Italiener sind spielen eher defensiv? Unsinn, sagen Grazer Sportwissenschafter.

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