Marx goes pädagogischer Anspruch

Userartikel6. Juli 2015, 09:19
87 Postings

Ein Berliner Kollektiv hat unsere Gesellschaft in die museale Glasvitrine gepackt. Im Museum des Kapitalismus in Berlin kann man die Selbstverständlichkeiten und Widersprüche unseres Wirtschaftens ergründen – natürlich kostenlos

Der Begriff Kapitalismus ist vielerorts immer noch verpönt. Kapitalismus, das klingt irgendwie nach einer ganz schön gemeinen Sache. Das Wort kommt europäischen Politikern selten über die Lippen. Schon in der Schule lernt man: Wir leben in einer sozialen Marktwirtschaft. Das Revolutionäre des Kapitalismus ist uns unsichtbar. Arbeit, Geld und Waren sind Alltag. Der Zwang zur Arbeit, der Imperativ des Wachsens, die ungleiche Verteilung von Ressourcen. Alles scheint natürlich, alles scheint, als wäre es immer schon so gewesen. Die Zeit ist reif, das Alleralltäglichste zu problematisieren. Der Kapitalismus gehört ins Museum. Genau das hat ein Berliner Kollektiv nun realisiert.

Rausziehen, reinschieben, rumkurbeln

Die temporäre Ausstellung befindet sich in einem ehemaligen Supermarkt in Neukölln. Finanziert wird sie durch Spenden. Das Museum verstrickt sich nicht in theoretische Grabenkämpfe, sondern versucht das Abstrakte greifbar zu machen. Auf 200 Quadratmetern lässt sich einiges ausprobieren. Überall kann man etwas rausziehen, reinschieben, rumkurbeln, wegschieben oder draufschlagen. Dabei führt das Museum artig in den Marxismus ein.

Tropfen Lohn im Becher

An einem Tisch kann man unterschiedliche Gegenstände über ihren Tauschwert zueinander in Beziehung setzen – wie es der Meister selbst auch in seinem Hauptwerk macht. Gegenüber davon kann der Besucher Wasser in ein Becken pumpen. Das ist der Mehrwert. Aus den Schläuchen fallen ein paar Tropfen Wasser in einen Becher. Das ist der Lohn. Der Lohnkampf zwischen Arbeiter und Kapitalisten wiederum wird durch eine riesige Küchenwaage repräsentiert. Die unterschiedlichen Ressourcen der beiden können symbolisch in die Waagschale geworfen werden. Dabei zeigt sich, dass zum Beispiel die Drohung des Outsourcings schwerer wirkt als die Drohung des Streiks.

Das Prinzip der Konkurrenz im Kapitalismus kann man im Jahrmarktstil nachspielen. Während die Unternehmer am Markt versuchen ihre Produkte abzusetzen, wetteifern die Museumsbesucher darum, ihre Bälle werfend in Mulden unterzubekommen. Dabei gibt es immer einen Ball zu viel. Die Message ist einfach: Im Kapitalismus gibt es immer Gewinner und Verlierer. Die Jahrmarkt-Metapher passt.

Hau den Kapitalismus

Auch ein Hau-den-Lukas-Spiel gibt es. Der Apparat ist mit unterschiedlichen Hämmern ausgestattet. Von einem schweren Holzhammer bis zu einem leichten aus Styropor sowie einem winzigen zwei Zentimeter großen Exemplar. Die Hämmer sind so unterschiedlich wie auch die gesellschaftlichen Ausgangsbedingungen im Kapitalismus. "Jeder kann es schaffen, wenn er sich nur anstrengt!" Auf diesen meritokratischen Mythos wird hier gehörig eingeprügelt. Darüber hinaus wird die Künstlichkeit unserer Bedürfnisse sowie Kolonialismus, Patriarchat und Rassismus als Teil des Kapitalismus diskutiert. Doch es bleibt stets offene und niedrigschwellige Auseinandersetzung. Nicht ohne Grund wuseln viele Kinder durch die Ausstellung.

Doch das Museum ist mehr als eine kunterbunte Versinnbildlichung abstrakter Prinzipien und einer pädagogischen Aufbereitung von Marx für jedermann. Es ist vor allem ein politisches Projekt. Der Raum wird genutzt, um zum Engagement aufzurufen. Von der Decke hängen Flyer für verschiedene politische Projekte. Die Besucher werden angehalten, ihr Leben im Kapitalismus zu hinterfragen und ihre eigenen alternativen Visionen zu artikulieren. Auf der Facebook-Seite des Museums findet sich der Spruch: "Museen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt drauf an, sie zu verändern."

Disneyland für Bobos

Vor allem der stadtpolitische Kampf steht im Vordergrund. Auf einer Kreidetafel steht eine "Protestspeisekarte" mit aktuellen Protestversammlungen in Berlin gegen Zwangsräumungen. Wohnraum wird zur Ware. In einer kleinen Box ist eine kleine Miniaturwohnung ausgestellt. Es handelt sich um "feinsten innerstädtischen Wohnraum". Aufwertungen von Kiezen führen zu Verdrängungsprozessen. Und das Museum ist mittendrin.

Neukölln ist Berlins großer Problemkiez außer Dienst. Die Gegend rund um das Museum verkommt mehr und mehr zu einem Disneyland für Bobos. Der ganze Bezirk befindet sich inmitten einer Turbo-Gentrifizierung. Nicht zuletzt dadurch hat es auch die linken Kapitalismuskritiker hierhergespült, die mit ihrem kritischen Projekt auch an der Aufwertung beteiligt sind.

Das Museum ist damit selbst eine Metapher für die Funktionsweise des Kapitalismus. Doch dass der Kapitalismus ins Museum gehört, wird dadurch nicht weniger wahr. (Florian Buchmayr, 6.7.2015)

Florian Buchmayr ist Niederöstereicher und studiert derzeit in Berlin Soziologie.

Museum des Kapitalismus, Böhmische Straße 11, Berlin. Die Ausstellung ist noch bis 2. August zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag, Freitag von 17 bis 21 Uhr, Sonntag: 11 bis 19 Uhr. museumdeskapitalismus.de

Zum Thema

Kommentar der anderen: Kapitalismus abschaffen? Zähmen reicht

Kommentar der anderen: Die Armen gegen Piketty

Kommentar der anderen: Chaos droht: Der Kapitalismus ist todgeweiht

  • In Berlin widmet sich eine Ausstellung dem Kapitalismus.
    foto: ap/joerg sarbach

    In Berlin widmet sich eine Ausstellung dem Kapitalismus.

Share if you care.