Videospielen in KZ-Gedenkstätten: Protest gegen Google-Game "Ingress"

2. Juli 2015, 11:39
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Mauthausen und Auschwitz werden als Spielfelder benutzt – Holocaust-Überlebende: "Schändung"

Vertreter der Überlebenden des Holocausts protestieren gegen ein Smartphone-Spiel von Google. Zuvor hatte das "Zeit-Magazin" berichtet, dass KZ-Gedenkstätten in Deutschland, Österreich und Polen als Spielfelder für das Computerspiel "Ingress" benutzt worden seien, das die Google-Tochter Niantic Labs im Dezember 2013 veröffentlicht hatte. "Ingress" ist eine Mischung aus Geocaching und dem Brettspiel "Risiko" mit einer Prise Online-Rollenspiel.

Von Spielern vorgeschlagen

Für die Spielhandlung müssen Nutzer sich mit dem Smartphone zu per GPS markierten Orten bewegen, um dort bestimmte Spielaktionen auszuführen. Solche als Portale bezeichneten Orte finden sich auch an zahlreichen Gedenkstätten des Holocausts und in ehemaligen Konzentrationslagern. Bevor die Portale von Google dort installiert worden waren, hatten "Ingress"-Spieler diese Orte vorgeschlagen.

Laut STANDARD-Recherchen finden sich auch in den Gedenkstätten Mauthausen, Ebensee und Gusen derartige Portale. Auf Anfrage kündigte Google Österreich an, diese Portale rasch löschen zu lassen. "Sie sind unpassend", sagte ein Firmensprecher.

"Friedhof ist für Hinterbliebene wichtiger Ort der Trauer"

Mittlerweile hat Google einen Großteil dieser Portale in Deutschland gelöscht. An kleineren Gedenkstätten wie Oranienburg und Osthofen kann allerdings weiter "Ingress" gespielt werden, ebenso im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im heutigen Polen. In Dachau beließ man Portale auf dem Häftlingsfriedhof. Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann kommentierte: "Der Friedhof ist für die Hinterbliebenen ein wichtiger Ort der Trauer. Dass er von Google für ein Unterhaltungsspiel benutzt wird, ist eine Demütigung der Opfer und der Angehörigen." Google müsse selbst dafür sorgen, dass keine Gedenkstätten des Holocausts zu Spielzwecken missbraucht werden.

Verzichtserklärung von Google

Die Gedenkstättenbetreiber erwarten eine Verzichtserklärung von Google. "Es muss dafür gesorgt werden, dass auch kleinere KZ-Gedenkstätten von Google-Spielen verschont bleiben", fordert Günter Morsch, der die Gedenkstätte Sachsenhausen bei Berlin leitet. "Google muss erklären, künftig dafür zu sorgen, dass Gedenkstätten für Opfer des Naziregimes von 'Ingress' und ähnlichen Spielen freigehalten werden." Besonders scharfe Kritik übt der Verband der Überlebenden des KZ Dachau: "Wir protestieren vehement dagegen, dass für das Computerspiel 'Ingress' Teile des Konzentrationslagers Dachau als Schauplatz ausgewählt wurden", sagt Jean-Michel Thomas, Präsident des Comité International de Dachau. "Wir fordern ein Verbot dieser Schändung."

Kinder im NS-Konzentrationslager Auschwitz.

"Man kann an solch symbolträchtigen Orten nicht spielen"

Jean-Michel Thomas ist Sohn des heute 95-jährigen Dachau-Überlebenden Jean Thomas, der 1944 als Angehöriger des französischen Widerstands per Zug von Paris nach Dachau transportiert wurde. "Von den 100 Kameraden in meinem Waggon starben 71, die waren nicht virtuell", sagt Jean Thomas. "Man kann an solch symbolträchtigen Orten nicht spielen, das ist ein Skandal." (red, sum, 2.7.2015)

  • Auch in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen findet sich ein "Ingress"-Portal. Betroffen waren unter anderen die Gedenkstätten Sachsenhausen, Dachau und Buchenwald in Deutschland.
    foto: reuters

    Auch in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen findet sich ein "Ingress"-Portal. Betroffen waren unter anderen die Gedenkstätten Sachsenhausen, Dachau und Buchenwald in Deutschland.

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