NSA-Dokumente: Server für "massive Internetspionage" in Wien

1. Juli 2015, 19:49
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Folien zeigen Serverstandorte für das Xkeyscore-Programm, das Internetverkehr für bis zu fünf Tage speichert

Es ist wohl das mächtigste Programm der NSA: Mit Xkeyscore ist es den US-Lauschern möglich, mit einfachen Begriffen Milliarden an Informationen zu durchsuchen. Für das "NSA-Google", wie Journalisten das System pointiert bezeichneten, werden konstant Glasfaserkabel weltweit abgezapft. Das Programm ist darauf ausgelegt, den gesamten Internetverkehr an bestimmten Stellen abzuschnorcheln, die Daten werden dann mindestens drei, maximal fünf Tage gespeichert. In diesem Zeitraum werden die Informationen automatisiert durchsucht, "verdächtige" E-Mails oder Chats wandern in andere NSA-Datenbanken.

Standort in Wien

Einer jener Computerserver, die Internetverkehr für Xkeyscore abzapfen, soll sich auch im Großraum Wien befinden. Das verraten neu publizierte NSA-Dokumente, die auf "The Intercept" abrufbar sind. Insgesamt soll es laut "The Intercept" weltweit mehr als 150 Standorte geben, auf der Folie werden "nur" 125 angeführt. Die markierten Orte korrespondieren großteils mit Hauptstädten oder anderen Metropolen, wenngleich die Karte geografisch nicht ganz zielsicher gestaltet wurde. Zuvor war zwar bereits eine ähnliche Karte veröffentlicht worden, darauf erschien aber ganz Europa als "roter Punkt".

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In ganz Europa aktiv

Neben Wien lassen sich nun etwa (ein ein bisschen zu nördlich markiertes) Rom, Madrid, London, Berlin und Warschau identifizieren. Erstaunlich wenig präsent ist die NSA in Südamerika, Indien und Westafrika. Die Zeitung "Sydney Morning Herald" hatte bereits im Juli 2013 Standorte von Xkeyscore in Australien veröffentlicht: Dabei handelt es sich um die Anlage "Pine Gap", die Australien gemeinsam mit den USA betreibt, sowie mehrere australische Militäreinrichtungen.

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In Militäreinrichtungen und Botschaften

Laut der brasilianischen Zeitung "O Globo" ist das typisch: Server, die für Xkeyscore spionieren, befänden sich meist in Militäranlagen der USA oder verbündeter Partner sowie in US-Botschaften oder Konsulaten. In Wien stehen mehrere Anlagen schon länger im Verdacht, für NSA-Spionage genutzt zu werden. Neben einem weißen Häuschen auf dem Dach der US-Botschaft für Österreich im neunten Wiener Gemeindebezirk erregten die "NSA-Villa" in Pötzleinsdorf sowie die US-Botschaft für die Uno und internationale Organisationen in Wien die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Letztere befindet sich im IZD-Tower neben den Vereinten Nationen. In Wien hegt die NSA ein besonderes Interesse an Diplomaten und Mitarbeitern internationaler Organisationen, nahm etwa UPC-Nutzer unter die Lupe.

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Zielperson überwachbar

Auf Xkeyscore reicht die Eingabe einer E-Mail-Adresse, um den Internetverkehr einer Zielperson zu überwachen. Nutzer werden mit einer Art "Cookie" belegt, sodass ihre Bewegungen im Netz ab der Identifikation nachvollziehbar sind. Unter anderem sollen Mitarbeiter von Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon abgehört worden sein. So wusste US-Präsident Barack Obama vor einem Treffen mit ihm Bescheid, was dieser im Gespräch erreichen wollte. In Deutschland hatten Bundesnachrichtendienst (BND) und Verfassungsschutz Zugriff auf Xkeyscore. Letzterer Dienst soll ihn allerdings nur getestet haben. Sowohl Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) als auch Verteidigungsminister Gerald Klug (SPÖ) bestritten, dass österreichische Behörden das "NSA-Google" nutzten. (Fabian Schmid, 1.7.2015)

  • Eine Lichtinstallation weist auf die Massenüberwachung auch in Wien hin.
    foto: apa/bienkowski

    Eine Lichtinstallation weist auf die Massenüberwachung auch in Wien hin.

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  • Ein Großteil der Daten wird gelöscht, andere Portionen werden gefiltert.
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    Ein Großteil der Daten wird gelöscht, andere Portionen werden gefiltert.

  • Standorte der Xkeyscore-Server.
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    Standorte der Xkeyscore-Server.

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