Welche Monster im Mittelalter in Mode waren

6. Juli 2015, 07:00
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Deutscher Mediävist widmete sich wunderlichen Wesen: Von Skiapoden bis zu Amazonen

Bonn – Der Mediävistik-Professor Rudolf Simek von der Universität Bonn hat ein Buch über "Monster im Mittelalter" veröffentlicht. Dabei sind nicht nur die 250 Fabelwesen, die in diesem Mythologie-Lexikon vorgestellt werden, interessant, sondern auch ihre Einstufung, die durchaus nicht immer heutigen Vorstellungen entspricht: So wurden etwa Amazonen zum "Monster"-Katalog gezählt, weil ihr Sozialverhalten – sie lebten in einem Staat ohne Männer – befremdlich wirkte.

Man unterteilte die auch als Wundervölker oder Fabelrassen bezeichneten Geschöpfe in menschenartige Wesen mit bizarr entstellten Gliedern, Mischungen aus Tier und Mensch und fantasievolle Meereslebewesen. Fabelwesen zu Lande wie Drachen, Einhörner oder Trolle gehören nicht dazu.

Die Darstellung von Monstern mutete oft archaisch und angsteinflößend an. In einer illustrierten Tierdichtung aus dem 13. Jahrhundert zeigen Bilder in Simeks Buch menschlich anmutende Wesen mit einem Kopf, der direkt vor der Brust hängt, oder einem Mund, gebogen wie eine Banane.

Bizarre Schöpfungen

Besonders fasziniert haben Simek die Einfüßigen, Skiapoden genannt. Diese vor allem in Afrika vermuteten Gestalten waren lediglich mit einem Bein und einem Fuß ausgestattet. Zugleich wurden sie als Volk von "wunderbarer Geschwindigkeit“ beschrieben.

Es existieren Zeichnungen, auf denen sie, grotesk auf dem Rücken liegend, ihr Bein verwenden, um sich vor dem Sonnenlicht zu schützen. Sie zählen laut Uni Bonn zu den wenigen Wundervölkern, die in geistlichen Schriften positiv genannt und beschrieben werden als "Leute, welche nur das eine Bein der Vollkommenheit gegen Gott und ihren Nächsten haben, das heißt das Bein der Liebe“.

Viele Menschen glaubten damals, die Monster erfüllten eine wichtige Funktion im göttlichen Heilsplan. Verbreitet war die Ansicht, sie sollten den Menschen Warnung vor den Konsequenzen der eigenen Sünden sein. Eine Karte, die der Mediävist in seinem reich bebilderten Buch veröffentlicht, zeigt die "Wunderlichen" am Rande der Erde, während der Mensch im Zentrum erscheint.

"Niemand dachte im Mittelalter, die Erde sei eine Scheibe“

Apropos Karte: Die oft verbreitete These, dass die Gelehrten des Mittelalters glaubten, der Planet Erde sei eine Scheibe, verbannt Simek ins Reich der Legenden: "Das dachte damals keiner. Die zweidimensionale Darstellung war eben die einfachste, so wie wir sie heute ja auch noch in Atlanten bevorzugen.“

Es wurde allerdings durchaus die Ansicht vertreten, dass die Monster neben den damals drei bekannten Kontinenten möglicherweise auf einem vierten Kontinent existieren könnten. Sie lebten in jedem Fall weit weg und waren den Menschen fremd in Sprache, Sozialverhalten und Bräuchen, so Simek.

Anhaltspunkte dafür, dass die Menschen im Mittelalter Angst vor Monstern empfanden, konnte Simek kaum finden: "Der Mensch braucht Monster aber bis heute, um sich selbst als normal zu definieren." (red, 6. 7. 2015)

  • Rudolf Simek: "Monster im Mittelalter – Die phantastische Welt der Wundervölker und Fabelwesen", Böhlau-Verlag, Wien/Köln/Weimar, broschiert, 29,90 Euro, 346 Seiten.
    foto: böhlau

    Rudolf Simek: "Monster im Mittelalter – Die phantastische Welt der Wundervölker und Fabelwesen", Böhlau-Verlag, Wien/Köln/Weimar, broschiert, 29,90 Euro, 346 Seiten.

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