Traumjob Informationsmakler

Kolumne1. Juli 2015, 17:15
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Wir verstehen unsere Welt und ihre wirtschaftlichen Zusammenhänge nicht mehr

In einem Punkt sind sich praktisch alle Krisenanalysten dieser Tage einig: Wir verstehen unsere Welt und ihre wirtschaftlichen Zusammenhänge nicht mehr. Ein Beispiel für das Unerklärliche lieferte am vergangenen Sonntag die Zeitung Österreich. Der dort abgedruckte Satz "Alle Recherchen bei SPÖ-Insidern zeigen, dass Werner Faymann in seiner Partei weiter als unbestritten gilt" hat eine ähnliche Realitätsverankerung wie "Griechenland blickt rosigen Zeiten entgegen" oder "IS gilt als Favorit für den Friedensnobelpreis".

Erstaunlicherweise scheint dieser märchenhafte Zugang die um Glaubwürdigkeit ringende Werbewirtschaft nicht zu stören. Die 112 Seiten starke Sonntagsausgabe verblüffte mit 73 Seiten Werbung. Noch rätselhafter wird die Angelegenheit durch einen Bericht des Kurier, in dem Vertreter von Wirtschaftsbund und Industriellenvereinigung erzählen, sie hätten Österreich Interviews gegeben, die dann als bezahlte Anzeigen gekennzeichnet erschienen seien. Eine Rechnung dafür hätten sie jedoch nie bekommen. Auf Anfrage wurde ihnen mitgeteilt, dass es "Sponsoren gebe, die ein Budget für Anzeigen in Österreich zur Verfügung stellen. Diese wollen aber anonym bleiben."

Was für ein von konventionell marktwirtschaftlichen Überlegungen losgelöstes Geschäftsmodell mag hier vorliegen? Wollen die geheimen Wohltäter dem absurden Humor der Zeitung Referenz erweisen, indem sie einen aberwitzig umständlichen Weg der Unterstützung wählen?

Während man über dieses ökonomische Mysterium nachsinnt, wird man schon mit dem nächsten konfrontiert. Der wegen Untreue angeklagte Alfons Mensdorff-Pouilly schafft es, mit seinen Aussagen vor Gericht sämtliche bei der Beantwortung der Frage "Wo woar mei Leistung?" noch existierenden Schamgrenzen zu pulverisieren. Nachdem er zunächst seine den Ermittlern gegenüber getätigte Behauptung, er habe für das 1,1-Millionen-Honorar der Telekom 2000 Stunden gearbeitet, als glatte Lüge eingestanden hatte, entsorgte er mit der gleichen gräflichen Nonchalance auch seine ursprüngliche Verteidigungslinie, laut der er nie Zahlungen zum Skandalprojekt Tetron erhalten hatte. Diese habe er nur nicht öffentlich machen wollen, "während meine Frau irgendwas – keine Ahnung, was – in der Politik macht". Das kann man als Erfolgsbilanz Maria Rauch-Kallats durchaus so stehen lassen, aus dem Mund eines angeblich topinformierten Lobbyisten klingt es befremdlich. Noch bizarrer nur seine Begründung, warum keine schriftliche Vereinbarung für seine Tätigkeiten vorliege: "Das ist nicht wie beim Gemüsehändler."

Bevor jedoch all jene, die ihre Gemüsehändler ohne schriftliche Vereinbarung konsultieren, das (von der Staatsanwaltschaft für angemessen, aber unbeweisbar gehaltene) Wort "Bestechung" als Erklärung für alles hernehmen, sei hier ein fantasievollerer Ansatz versucht. Vielleicht hat auch Mensdorff anonyme, den absurden Humor fördernde Sponsoren. Von seinem Mitangeklagten Rudolf Fischer wurde er als "Informationsmakler" bezeichnet. Eine Berufsbeschreibung, die in Zeiten wachsender Vermischung von Information und Unterhaltung auch auf Österreich-Herausgeber Wolfgang Fellner passt. (Florian Scheuba, 1.7.2015)

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