Peter Wawerzinek: Rede zur Literatur 2015

2. Juli 2015, 07:00
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Der Bachmannpreis-Gewinner des Jahres 2010 hielt die Rede zur Literatur am Eröffnungsabend der 39. Tage der Deutschen Literatur in Klagenfurt

Ausschnitt aus Peter Wawerzineks Rede mit dem Titel "Tinte kleckst nun einmal":

* Sternchen und kursive Passagen markieren Einschübe, die der Autor für die gedruckte erweiterte Version ergänzt hat, sie sind in der Eröffnungsrede der 39. Tage der deutschsprachigen Literatur nicht enthalten.

[...]

Geradezu aufrecht, kühn und übermütig nenne ich hier und heute Österreich meine Heimat, Klagenfurt meine Geburtsstadt, obwohl die wahre Geburtsstadt Rostock ist. Und obendrein bin ich zurzeit auch Stadtschreiber in Magdeburg*.

* Magdeburg. Hoch über der Stadt, in einem Gebäude aus stalinistischer Ära, sehe ich über die Stadt hinweg, am rosa Hundertwasserhaus vorbei, über die Türme des Doms hinauf in die Wolken. Ich binde mich an den Himmel über die Fremde, der mir behilflich wird, meine Fremdheiten zu bestehen. Ich bin gewohnt, auf mich geworfen zurückgezogen zu leben. Das gelingt mir an Orten mit Ruf wie an verrufenen Plätzen gleichwohl. Es braucht nicht viel, ein Schreiberling zu sein. Wo ich bin, erwache ich früh, gehe, wie andere Leute mit dem Frühbus zur Schicht fahren, an den Schreibtisch. Ich schreibe in die Fremde, die ich bewohne, hinein. Das hat Folgen, meist folgen Bücher. [...]

Ich betrat die Welt der Literatur auf österreichischem Boden, erblickte in Klagenfurt das literarische Licht. Durch meinen inneren Zwillingsbruder bin ich irgendwie Österreicher geworden. Diese Art von Zweistaatlichkeit möchte ich in mir gewahrt wissen und ausdrücklich betonen.

Ansonsten gehöre ich zu Mecklenburg*, wo ich einst ein Heimkind war und in verschiedenen Kinderheimen beheimatet.

Es gibt mich als Mensch und Mecklenburger. Es gibt mich als Autor* und Klagenfurter.

Ich habe Schwierigkeiten, mich Schriftsteller zu titeln. Schreibender klingt deutlich mehr nach Handwerk. Das Wort Schrei-ber-ling steht mit seinen drei Silben fester auf dem Boden als das Wort Schrift-stel-ler.

* Ich nenne mich Autor, am liebsten Schreiberling. Ich wirke ernst bei der Arbeit. Wenn ich sitze, nachdenke und werke, wirke ich abseits. Ich versenke mich. Ich spiele für niemanden eine Rolle. Ich bin den Alltag los. Ich esse mehr oder weniger. Ich schaue viel zum Fenster hinaus. Ich weiß von meinem Luxus. Geborgter Luxus. Geschenkte Zeit. Geliehenes Leben. Keine Trauer.

Selbst wenn ich in den erschöpften Phasen in der Kneipe beim Wirt bin, ihm wieder nicht erklären kann, was für ein Schrifthersteller, wie er sagt, ich so bin, jammere ich nicht über meinen mageren Erfolg, wie der Bauer eine schlechte Ernte nicht beklagt. Ich pfeife mir eins auf dem Nachhauseweg. Meine Texte gackern und surren. Ich miaue. Ich belle.

Ich wäre viel lieber ein indischer Rocksänger, britischer Comicmaler, russischer Charakterdarsteller, afrikanischer Talkshowmaster, isländischer Bildhauer geworden. Von meinem erlernten Beruf Textilgestalter ist nur noch die Anfangssilbe Text* geblieben. Die Silbe til, das Wort Gestalter schwanden aus meinem Leben.

* Ich schreibe im Zwei-Finger-Takt. Ich habe meine Finger zu Gehilfen gewandelt. Ein Depp bin ich, sage ich zu meiner Liebsten, der Tastatur, über meine Disproportionalität fassungslos. Ich lege mich zu Boden. Ich liege oft auf meinem Rücken, schließe die Augen. Alle gutverdienenden Schlechtautoren ziehen an meinem geistigen Auge vorbei. Gesichter sehe ich und Namen strahlen auf und verglimmen. Die Sterne werden zu Fragezeichen.

Wie nur schaffen es die Mangelhaften, wie nur werden die Unbedarften zur Sensation? Warum entdecken wir so viele gute Schreiberlinge nicht, überlassen sie der Bedeutungslosigkeit?

Dagegen: Noch keine achtzehn Jahre alt und schon auf den Gipfel geführt, von Basislager zu Basislager hochgelobt, mit dünnem Text im Gepäck unterwegs, im papierenen Boot als Bestseller ausgesetzt.

Ich wurde spät reif, spät erst errang ich Anerkennung. Ich sang mich mit Reimen in den Schlaf, erfand dunkle Schattenrealität, scheuchte Motten, schuf Phantasiegebilde, las Bücher, saugte Schund, Monsterberichte, Heldensagen, namenlos gebliebenen Grusel. Ein Buch zog hundert andere Bücher nach sich. Ich sonderte mich ab. Ich schämte mich meiner Neigung nicht, denn ich hob lesend Gruben aus, rieb mir Trotz auf meine Stirn.

Wo aber ist einer daheim, von seiner Mutter verlassen, in Heimen aufgewachsen, der mit seinen Phantasien früh schon in die Fremde zieht?

Der Herkunft nach bin ich deutsch. Mein Nachname aber ist polnischen Ursprungs. Ich hieße dort Seidelbast. Man steckt sich Seidelbast an den Hut, hält damit Hexen auf Abstand. Seidelbast* spielte eine gewisse Rolle in der Geschichte des Papiers. Ich bin namentlich an der Papierentwicklung beteiligt.

Mein angeborener Nachname ist Runkel, der Name Wawerzinek ist mir anadoptiert worden. Oh ja. Ich wäre gern wieder Peter Runkel; da aber gehen wohl meine Leser nicht mit.

Meine erste Heimleiterin Erika Banhardt (über achtzig Jahre), ich habe sie erst nach meinen Bucherfolg RABENLIEBE kennengelernt, ist der Meinung, meine Wurzeln lägen in Ostseebad Nienhagen. Dort wäre ich mit allem ausgestattet worden, was meine Menschwerdung vorangetrieben habe.

Gisela Gilde, meine ehemalige Erzieherin im Kinderheim »Jenny Marx*«, erinnert sich an mich als einen auffällig musisch veranlagten Burschen. Am Internationalen Frauentag rief ich alle weiblichen Mitarbeiterinnen im Speisesaal zusammen, trug ihnen ein selbsterdachtes Gedicht auswendig vor. Zu dichten hätte ich demnach in Ostseebad Rerik begonnen, das dortige Heim stelle meine kreative Kinderdichterstube dar.

[...]

Entdeckt und gefördert hat mich Erich Maas, der von Köln aus in die aufregende Plötzlich-ohne-Mauerstadt übergesiedelt war. Er brachte mein erstes Buch heraus. NIX. Der Titel bedeutete nichts weiter als der Nix von die Nixe. Denn ich bin eine halb und halbe Person. Ich bin halb Bauer, halb Städter, halb schlau, halb dumm, halb Mensch, halb böse, halb edel, halb ein Produkt meiner eigenen Phantasie, halb geistreich, halb nervend, halb voll von Ideen, mehr als halb bereits alt geworden, aber schöpferisch auch schon mehr als halb nur ausgeleert.

Zeitgleich brachte Maas ein Buch von Matthias BAADER Holst* heraus und präsentierte die zwei schmalen Bücher auf der Frankfurter Messe, in dem er die beiden Werke einfach auf den Fußboden zu einem Teppich auslegte. Der Stand sah danach hellblau-weinrot gekachelt aus. Auf diesen Bücherbodenbelag stellte er ein Schild mit der Aufschrift: Bitte nicht füttern! Fertig.

Das Börsenblatt nannte uns innovativ und einen wichtigen Verlags-Neuzugang. Der Start war mehr als gelungen. Doch hüte ich mich zu behaupten, Frankfurt am Main wäre mein schriftstellerisches Kinderställchen gewesen.

Meine Karriere begann in Österreich, neunzehn Jahre vor meinem zweiten Versuch, in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis zu gewinnen und dadurch als Schreiberling anerkannt zu werden. [...]

Nach Klagenfurt reiste ich mit Erich Maas, meinem ersten Verleger. Allein traute ich mich nicht in meine literarische Geburtsstadt. Es war alles aufregend und neu für mich. Der Flug allein. Das Umsteigen in eine noch kleinere Maschine, die über die Berge hinweg mit ihren Flügeln flatterte. Und Hellmuth Karasek* war beim Einsteigen schon so omnipräsent wie dreifach an Bord vorhanden.

In der letzten Sitzreihe trank ich gegen meine Flugangst Schnaps mit Emine Özdamar*, die auch Flugangst hatte. Wir blieben durch weitere weltliche Ängste miteinander eng befreundet.

Dem Ost-Klischee zu entsprechen, trugen Maas und ich billige, arg rumänisch aussehende Anzüge. Maas fuhrwerkte, wann immer ich angesprochen und interviewt wurde, mit seiner Videokamera herum, filmte die fragenden Personen aus vollster Nähe. Und schon entstand um uns eine Art Mondhof, die Aura der Verunsicherung. Ich beantwortete jede Frage mit einer Gegenfrage. Frage: Wie gehen sie mit dem Ostbonus* um? Antwort: Ach, wissen Sie, was heißt denn hier Ostbonus?

Eine freche Frau durchbrach die Bannmeile in Klagenfurt. Sie lockte mich in ihren Wagen, betätigte die Zentralverrieglung, interviewte mich drinnen weit über eine Stunde lang. Die Scheiben beschlugen. Maas konnte uns von draußen nicht mehr filmen. Wenn es dieses Interview noch gibt, ich würde es so gern noch einmal hören.*

* Suchanzeige. Hiermit fordere ich, Peter Wawerzinek, im Namen von Erich Maas, die junge Frau von 1991 auf, mich noch einmal in einen Wagen einzusperren, mit mir zusammen, das alte Material noch einmal gemeinsam anzuhören.

[…]

(Peter Wawerzinek, 2.7.2015)

Peter Wawerzinek, geb. 1954 in Rostock, gewann 2010 mit einem Auszug aus seinem Roman "Rabenliebe" den Ingeborg-Bachmann-Preis sowie den Publikums-Preis der Tage der Deutschsprachigen Literatur.

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Peter Wawerzinek

Bachmannpreis 2015

  • Peter Wawerzinek: "Tinte kleckst nun einmal"
    foto: ap / thomas lohnes

    Peter Wawerzinek: "Tinte kleckst nun einmal"

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