Nach Amokfahrt: Laut Anwältin kein religiöses oder politisches Motiv

1. Juli 2015, 15:28
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Eltern über Aussagen der Ehefrau "schockiert" – Sohn "als fürsorglichen Vater erlebt"

Graz – "Es ist ihm wichtig, dass die Öffentlichkeit weiß, dass sein Handeln weder politisch noch religiös motiviert war", hat die Verteidigerin des 26-jährigen Amokfahrers von Graz, Liane Hirschbrich, am Mittwoch nach den ersten Gesprächen mit ihrem Mandanten gesagt.

Hirschbrich habe auch mit seinen Eltern gesprochen. Sie seien von den Aussagen der Ehefrau "schockiert und überzeugt, dass diese unrichtig sind."

Gutachten soll Geisteszustand ergründen

Die Eltern hätten ihren Sohn als fürsorglichen Vater erlebt, ließ die Anwältin wissen. Der 26-Jährige sei derzeit in einer speziell gesicherten Zelle, "weil man davon ausgeht, dass er sich selbst gefährden könnte". Ein psychiatrischer Gutachter soll in den kommenden zehn Tagen den Geisteszustand ihres Mandanten zum Tatzeitpunkt als auch allgemein ergründen: "Es wurde bei der Verhängung der Untersuchungshaft ein psychiatrischer Sachverständiger beigezogen. Dieser ging davon aus, dass mein Mandant beeinträchtigt ist, jedoch konnte er nicht sagen, dass er am 20. Juni 2015 derart beeinträchtigt war, dass man von seiner Schuldunfähigkeit ausgehen kann."

Hirschbrich will vor ausführlicheren Stellungnahmen die Expertise des Fachmannes abwarten. Außerdem habe ihr Mandant sie gebeten, seine Sicht der Ereignisse noch nicht öffentlich zu diskutieren: "Mir ist bewusst, dass die Menschen nach Erklärungen verlangen. Wenn mein Mandant mir nach den nächsten Gesprächen seine Zustimmung erteilt, werde ich gerne dazu Stellung nehmen."

"Hätte Fahrt fortsetzen können"

Die Polizei-Einsatzleiterin am Samstag, dem 20. Juni, hat am Mittwoch noch einmal dessen Festnahme geschildert: "Er hat sein Tempo extrem verringert" und habe dann vor den Polizisten der Inspektion Schmiedgasse gestoppt, so Leutnant Ursula Auer am Rande einer Pressekonferenz in Graz. Allerdings: "Er hätte seine Fahrt wohl fortsetzen können, wenn er das vorgehabt hätte".

Der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl sagte in diesem Zusammenhang, noch beim wenige Dutzend Meter entfernten Landhaus sei der Mann mit hoher Geschwindigkeit vorbeigefahren. Im Fall der Weiterfahrt des 26-Jährigen hätte man die für solche Fälle vorbereiteten Sperrkreise aktivieren müssen, Kontrollen und Straßensperren an neuralgischen Punkten, an denen ein Flüchtiger vorbeikommen müsste. "Es ist aber schwierig, ein Auto zu stoppen, wir hätten Stachelbänder und quer gestellte Fahrzeuge wie Lkw verwenden müssen", so Auer, ebenso wie Schusswaffen. Zum Glück gebe es in Graz eine "Dichte an Polizeiinspektionen" und auch das Einsatzkommando Cobra Süd.

Ermittlungen gegen Eltern

Der Grazer Staatsanwaltschaftssprecher Christian Krosch erklärte, dass am Montag, eine neuerliche Hausdurchsuchung im Elternhaus des 26-jährigen Amokfahrers stattgefunden hat. Diese habe keine wesentlichen Funde gebracht. Er bestätigte die Polizei-Angaben, dass nach der Niederschrift der Angaben der Ehefrau des mutmaßlichen Täters am 11. Juni der Akt bereits bei der Staatsanwaltschaft war.

Die Ermittlungen würden sich seither nicht nur mit dem Ehemann, sondern auch mit seinen Eltern befassen: Sie könnten ebenfalls gefährliche Drohungen gegen ihre Schwiegertochter gerichtet haben und an einer Freiheitsentziehung beteiligt gewesen sein. Die Behörden würden die angezeigten Delikte prüfen. Die Eltern hätten die Taten jedenfalls bisher bei den Befragungen abgestritten, sagte Kroschl.

Initiative will Opfer helfen

Indessen hat die Initiative "Graz trägt Hoffnung" die ersten weiß-grünen Armbänder zu je fünf Euro verkauft. Der Erlös soll zu 100 Prozent den Opfern der Amokfahrt zu Gute kommen. Mit den Bändern soll ein Zeichen gesetzt werden, "dass die Liebe und der Zusammenhalt der Menschen immer stärker sein werden als die grausame Tat eines Einzelnen," ist auf der entsprechenden Facebook-Seite zu lesen. Die Stoffbänder sind in mehreren Lokalen, Banken und Geschäften in Graz sowie per Postversand erhältlich.

Konzept für ganz Österreich

Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) sprach sich indessen für mehr Auseinandersetzung mit Tätern aus. "Das Ereignis zeigt uns, dass wir auch Tätern Hilfe zukommen lassen müssen", sagte sie am Mittwoch bei einer Pressekonferenz mit Familienministerin Sophie Karmasin (ÖVP) über Gewaltprävention. Es brauche eine psychische Betreuung für Täter, um die Gewaltspirale zu beenden, eine Ist-Analyse und ein Konzept für ganz Österreich.

Ansonsten stand jedoch der Opferschutz, insbesondere von Kindern und Jugendlichen, im Mittelpunkt. "Polizeiarbeit wird in erster Linie als Aufklären von Verbrechen gesehen, aber erst in zweiter Linie, dass sie auch Opferarbeit und Opferschutz bedeutet", betonte Mikl-Leitner, die dazu mehrere Projekte vorstellte. Bei der "komplexen Opferarbeit" ginge es etwa darum, Polizisten zu sensibilisieren. Unterstützung biete eine auf wissenschaftlichen Kriterien basierende Checkliste mit einem Ampelsystem, etwa um Fälle von Verwahrlosung oder Vernachlässigung zu definieren. Erwähnt wurde auch das Pilotprojekt MARAC (Multi-Agency Risk Assessment Conference), bei dem in Fallkonferenzen Behörden und Institutionen zeitnah den Opferschutz gemeinsam zu optimieren versuchen.

Sensibilisierung von Pädagogen

Hier komme neben der Exekutive unter anderem auch Pädagogen eine Verantwortung zu, ergänzte dann Karmasin, die unter anderem den im Vorjahr vom Familienministerium herausgegebenen Leitfaden "Gewalt am Kind erkennen und helfen" als Mittel zur Sensibilisierung dieser Berufsgruppe hervorhob.

Bei der Amokfahrt am 20. Juni in der Grazer Innenstadt sind drei Menschen – darunter ein vierjähriger Bub – ums Leben gekommen. 36 Menschen wurden verletzt und rund 50 weitere Fußgänger und Radfahrer werden als Opfer geführt, da sie gefährdet waren und sich zum Teil nur durch einen Sprung zur Seite vor dem grünen Geländewagen des 26-Jährigen Mannes aus Graz-Umgebung retten konnten. (APA, 1.7.2015)

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