"Reichhaltige" Biotope wären früheren Menschen armselig vorgekommen

5. Juli 2015, 10:19
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Wiener Forscher stellen fest, dass unsere Wahrnehmung der Natur zu stark von jüngeren Erinnerungen geprägt ist – Veränderungen werden daher unterschätzt

Wien – Verursacht wird das momentan um sich greifende Artensterben durch mehrere parallel ablaufende Entwicklungen, die zum Großteil vom Menschen verursacht sind: Etwa die Reduktion oder das Zersplittern von Lebensräumen, veränderte Landnutzung und Düngereinsatz oder der Klimawandel.

In einer Publikation im Fachjournal "Diversity and Distributions" vom Februar dieses Jahres zeigten der Biodiversitätsforscher Franz Essl vom Umweltbundesamt und der Universität Wien mit seinen Kollegen, dass auch dramatische Umwälzungen in einem Lebensraum oft erst zeitversetzt Arten stark dezimieren oder zu deren Aussterben führen. Anschließend hat sich das Team um Essl nicht nur mit den Mechanismen der Umweltveränderungen, sondern auch mit der Wahrnehmung des Zustands der Umwelt beschäftigt.

Veränderte Bezugslinien

Im Fachmagazin "Trends in Ecology and Evolution" weisen die Forscher auf ein Phänomen hin, das sie "Artenvielfalts-Amnesie" nennen. Menschen, die großteils im 21. Jahrhundert groß geworden sind, würden eine Wiese, auf der fast nur Löwenzahn und nur vereinzelt andere Blumen stehen, möglicherweise schon als artenreiche Blumenwiese wahrnehmen. Deren Großeltern würden das vermutlich noch ganz anders sehen.

Die Forscher sprechen hier von sich verändernden Bezugslinien, so Essl. "Dadurch, dass unser Gedächtnis viel stärker darauf ausgelegt ist, jüngere Ereignisse in Erinnerung zu behalten, verändern sich die Bezugspunkte. Was heute als intakte Natur wahrgenommen wird, entspricht keineswegs dem, was eine frühere Generationen so wahrgenommen hat", sagte Essl.

Selbst Experten fallen der Täuschung zum Opfer

Auch bei Gruppen, die in Kontakt mit der Natur sind, wie etwa Fischern, habe sich dieser Effekt in Untersuchungen gezeigt. Viele wüssten zwar aus Erzählungen etwas über frühere Fischbestände, ihre eigene, andere Erinnerung ist aber präsenter. Weil das Aussterben an einem Ort dann sehr schnell gehen kann, kommt es zu einem schnellen Erlöschen der Erinnerung an die frühere Vielfalt – "eine unbewusste Amnesie", so der Ökologe. Das führe zum Unterschätzen der Veränderung in der Umwelt.

Hier zeige sich abermals, dass Artenschutz schnell und verstärkt angegangen werden muss. Um Arten und Lebensräume besser zu erhalten, sprechen sich die Forscher für die Einrichtung und Ausweitung von Schutzgebieten aus. Außerdem müsse man den Naturschutz stärker in die Landnutzung einbeziehen und das Einschleppen gebietsfremder Arten zu verhindern. (APA/red, 5. 7. 2015)

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