Prozess um Bombendrohungen: Die Wut auf die Hotline

1. Juli 2015, 13:08
77 Postings

Ein 26-Jähriger hat elfmal mit Bombenexplosionen gedroht. Schuld daran ist auch das iranische Fernsehen

Wien – Wer je mit einer Telefonhotline zu tun hatte, kann die Gemütslage von Herrn H. vielleicht nachvollziehen. Er hat sich nämlich über jene der Telekom geärgert. "Der Mann hat mich beschimpft und hat 'Arschloch' und 'Trottel' zu mir gesagt", beschwert sich der Angeklagte gegenüber Martina Krainz, der Vorsitzenden des Schöffengerichts. Das sich mit dem 26-Jährigen beschäftigen muss, da er seinen Zorn abgebaut hat, indem er Bombendrohungen ausgestoßen hat.

Insgesamt elfmal rief er bei der Polizei an. Nicht immer wegen der Telekom Austria. Er sprach auch von Sprengkörpern auf Bahnhöfen, in U-Bahn-Stationen, bei den Wiener Stadtwerken, bei der Telefonseelsorge. Staatsanwältin Linda Redl wirft ihm daher schwere Nötigung, versuchten Landzwang und gefährliche Drohung vor.

Richterin und Radiosprecherin

Dass H. intelligenzmäßig unter der Durchschnittsbevölkerung anzusiedeln ist, zeigt sich schon zu Beginn. "Sind Sie die Richterin?", fragt er Krainz, die das positiv beantwortet. Nachdem sich der Angeklagte teilweise schuldig bekannt hat, interessiert ihn zunächst etwas ganz anderes. "Kennen Sie die Lydia?", will er wissen. "Die ist Nachrichtensprecherin im Radio und hat den gleichen Nachnamen wie sie." Eine Zufälligkeit, klärt Krainz ihn mit Engelsgeduld auf.

"Was wollten Sie mit den Drohungen?", fragt die Vorsitzende. Erst sagt H., er wollte der Polizei Arbeit bereiten, da die ihn auch nicht ernst genommen hätten. Dann korrigiert er sich: Er fühle sich sicherer in der Umgebung der Polizei. Tatsächlich hat er nämlich nach jedem Anruf beim angeblichen Anschlagsziel auf die Beamten gewartet.

"Und wie haben Sie sich gefühlt, wenn die Polizei gekommen ist?", lautet die nächste Frage. "Dann geht es mir besser." – "So gut, dass Sie manchmal auch Hand an sich gelegt haben?", formuliert es Krainz vornehm. Zu vornehm für H., der mit "Was?" reagiert. "Haben Sie sich selbstbefriedigt?" – "Ja, ein bisschen schon."

Über 100 Ermittlungsverfahren

Er werde es aber nicht mehr machen, da er in der Haft regelmäßig seine Medikamente nehme. Die Staatsanwältin, die H. konsequent mit "Du, Lydia" anspricht, mag das nicht recht glauben. "Wissen Sie, wie viele Ermittlungsverfahren es seit 2009 bei den Staatsanwaltschaften gegen Sie gegeben hat?", fragt sie. "So 20?", lautet die schlechte Schätzung. Denn: "Es waren über hundert", hört der dennoch noch immer Unbescholtene.

Redl erfährt auch, welche Rolle das iranische Fernsehen in der Angelegenheit spielt. "Das schaue ich daheim. Da sind immer Bomben vorgekommen. Der Iran plant, eine Bombe zu bauen. Das habe ich auch in 'Heute' gelesen", erklärt ihr der Angeklagte.

Das psychiatrische Gutachten bescheinigt ihm Zurechnungsfähigkeit, aber verminderte Intelligenz und eine Persönlichkeitsstörung – die sich beispielsweise durch "infantile Wichtigtuerei" äußert. Empfohlen werden die Unterbringung in einer betreuten Wohngemeinschaft, Therapie und ein geregelter Tagesablauf.

Zwei Jahre teilbedingt

Diese Weisungen erteilt ihm der Senat schließlich auch, zusätzlich verurteilt er H. rechtskräftig zu zwei Jahren Haft, davon 18 bedingt. Etwa zweieinhalb Monate muss er noch absitzen, das hat aber einen Hintergrund: "Sie bleiben jetzt noch ein bissi bei uns, damit Ihr Verteidiger einen Betreuungsplatz organisieren kann und Sie dann nahtlos wechseln können", begründet Krainz. (Michael Möseneder, 1.7.2015)

Share if you care.